14.03.2006

Diagnose Liebeskummer



Bild: photocase.com

 

Bei Liebeskummer spielt das Gehirn verrückt: Ein Mangel an Neurotransmittern verursacht Entzugssyndrome, macht depressiv und Männer - durch Stresshormone - aggressiv. Helfen kann nur die Zeit. Oder eine neue Liebe!


Von Rolf Froböse

 

„Liebeskummer lohnt sich nicht, my Darling“, trällerte 1964 die schwedische Schlägersängerin Siw Malmqvist und erzielte mit dem Song über Nacht den großen Durchbruch. Doch mit der Realität hat der fröhliche Schlager nur wenig gemeinsam. „Die Betroffenen leiden unter Appetitlosigkeit, und das Herz bricht vor Trauer und Schmerz“, stellt Professor Dr. Gereon Heuft von der Poliklinik für Psychosomatik und Psychotherapie der Universität Münster nüchtern fest. Auch die Münchener Frauenärztin Dr. Birgit Delisle findet das Thema keineswegs lustig. Stattdessen gründete sie im November vergangenen Jahres im Stadtteil Schwabing eine kostenlose Ambulanz für Jugendliche mit Liebeskummer.

 

Das Projekt ist bundesweit bisher einzigartig, und die gezielte Behandlung von Liebeskummer gehört weitgehend zu den weißen Flecken auf der therapeutischen Landkarte. Für den Stuttgarter Psychotherapeuten und Diplom-Psychologen Dietmar Luchmann ist aber dringend Handlungsbedarf angesagt. „Liebesschmerz kann rasch zur existenziellen Krise werden“, argumentiert er. Unerwiderte Liebe oder der Verlust des Partners seien die häufigste Ursache für Selbstmord. Dies gelte insbesondere für Jugendliche, aber auch Erwachsene seien gefährdet.

 

Psychologen wie Luchmann sprechen von vier Phasen der Trauer, sobald die Trennung vollzogen ist. Zunächst breche eine Zeit des „Nicht-Wahrhaben-Wollens“ an, verlassen worden zu sein. Erst danach beginne die „unangenehmste“ Etappe auf dem Weg zu neuem Glück: Dann nämlich brechen starke Gefühle über den Leidenden herein – Trauer, Verzweiflung, Wut, Depressionen und das Gefühl der Hilflosigkeit. Luchmann: „Die Tränen, die bei fast allen hier fließen, sind keine Tränen der Trauer, sondern eine Stressreaktion, die die unerträgliche innere Spannung reduziert.“

 

Wenn diese Phase ausgestanden sei, beginne die Verarbeitung, sagt Luchmann. So suche der Liebeskranke bald das Gespräch mit Freunden und stürze sich vielleicht in sexuelle Abenteuer, ohne jedoch schon für eine neue Partnerschaft bereit zu sein. Erst in der letzten, der „Akzeptanz-Phase“ werde die endgültige Loslösung vollzogen, in der die vielschichtigen Ursachen für das Scheitern der Beziehung zur Kenntnis genommen werden. „Das alles braucht Zeit“, sagt der Psychologe.

 

Frauen, die unter Liebeskummer leiden, greifen im Gegensatz zu Männern eher zu Medikamenten oder plündern den Kühlschrank. Appetitlosigkeit und Gewichtsabnahme kann oft ebenso die Folge sein wie Essattacken und Gewichtszunahme. Die New Yorker Anthropologin Helen Fisher hat herausgefunden, dass die Symptomatik von Liebeskummer insbesondere bei Frauen an eine schwere Depression erinnert. „Unfähig, den Alltag zu bewältigen, greifen viele Betroffene in dieser Phase zu Antidepressiva“, erklärt Fisher. Zu den beliebtesten Mitteln gehörten Medikamente, die den Serotonin-Spiegel im Gehirn erhöhen. Serotonin erhöhende Medikamente seien heute allein in den USA eine 12-Milliarden-Dollar-Industrie.

 

Bei akutem Liebeskummer versiegt nicht nur die Produktion von Serotonin, sondern auch die Blutkonzentrationen anderer „Glückshormone“ wie Dopamin und Phenylethylamin (PEA) sacken buchstäblich in den Keller. Das hat unter anderem der französische Arzt Dr. Michel Odent erkannt. „Liebeskummer ist folgerichtig als Entzugssyndrom zu interpretieren“, beteuert er. Dies sei keine Spekulation, sondern biete die Möglichkeit einer zielgerichteten Behandlung mit Medikamenten, die den Spiegel der entsprechenden Hormone und Neurotransmitter wieder ins Lot bringen.

 

Entzugssyndrome sind aber nur die eine Seite des akuten Liebeskummers. Während die Körperchemie sich bei der Produktion von Glückshormonen quasi im Streik befindet, werden Stresshormone wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol nunmehr im Überschuss gebildet. Die Folge: Die Betroffenen reagieren aggressiv und gereizt. „Ziehen sich derartige Stresszustände über Wochen und Monate hin, ohne dass sich der Organismus abreagieren kann, schaukeln sich die Symptome immer weiter auf“, warnt die Rottweiler Ärztin Dr. Martha Ritzmann-Widderich.

 

Dieses „zweite Gesicht“ des Liebeskummers tritt vor allem bei Männern in Erscheinung. Während Frauen mehrheitlich eine Depression durchleben, zeigt das „starke Geschlecht“ einen verstärkten Hang zur Aggressivität. „Besonders beliebt ist das Stalking“, sagt der Darmstädter Kriminalpsychologe Jens Hoffmann. Hierbei werde das Objekt der Begierde in allen erdenklichen Situationen abgefangen, bedrängt oder telefonisch terrorisiert. Unter einem Überschuss an Stresshormonen musste auch Bismarck einmal leiden: Als ihm während seiner Göttinger Studienzeit seine Angebetete die kalte Schulter zeigte, warf ihr der spätere Reichskanzler die Fensterscheiben ein, nachdem er sich zuvor mit diversen Bierchen „getröstet“ hatte.

 

Auch heute noch greifen Männer viel seltener als Frauen zu Medikamenten, sondern betäuben ihren Schmerz lieber mit Alkohol – ein Verhalten, das auch „Diana und Dodi“ zum Verhängnis wurde. Nach dem Unfall in Paris fand die Polizei im Blut des Vize-Sicherheitschefs des Ritz-Hotels, Henri Paul, satte 1,7 Promille Alkohol. Dessen Freunde gaben nach dem Unfall der Polizei zu Protokoll, dass Paul kurz zuvor von seiner Freundin verlassen worden war und nächtelang trank.

Buchtipp: Wer mehr über das Thema erfahren möchte, dem sei das Buch von Gabriele und Rolf Froböse „Lust und Liebe – alles nur Chemie?“ empfohlen. Es ist im Weinheimer Wiley-VCH Verlag erschienen und kostet EUR 24,90. Auszüge lesen Sie hier...

Dr. Rolf Froböse

ist Wissenschafts- und Wirtschaftsjournalist in den Bereichen Chemie, Biotechnologie, Umwelt, Energie, Raumfahrt, Medizin, IT-Technik


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