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12.03.2006

Zur falschen Zeit am falschen Ort



Bild: © Gambit Film- und TV-Produktion

 

Potzlow in Brandenburg im Jahr 2002: Drei Jugendliche töteten den gleichaltrigen Marinus Schöberl. Dessen bester Freund war Matthias. Tamara Milosevic hat einen Dokumentarfilm über ihn und seine Umgebung gedreht. 

 

Von Sonja M. Schultz / critic.de

 

Wenn etwas Schlimmes passiert ist, dann kommen die professionellen Medienvertreter, suchen nach schnellen Bildern, Statements und Schlagzeilen, und wenn sie weiterziehen, ist ein Thema laut Boulevard-Jargon „abgefrühstückt“, aber nicht unbedingt besser verstanden. Gleiches geschah im brandenburgischen Potzlow, einem Dorf mit 450 Einwohnern.

Hier wurde im Juli 2002 der 17-jährige Marinus einen ganzen Tag lang von drei Jugendlichen gequält, zu Beginn noch im Beisein von Erwachsenen, später dann quer durch den Ort transportiert, in einem Schweinestall umgebracht und in einer Jauchegrube verscharrt. Die Leiche wurde erst Monate später gefunden, weil sich einer der Täter verriet.

Zwei sehr unterschiedliche Filmemacher ließ der Mord nicht los, beide verfolgten die Gerichtsverhandlungen, beide konnten durch Beharrlichkeit und Ernsthaftigkeit das Vertrauen einiger Betroffener gewinnen und sie befragen. Andres Veiel machte aus Interviews und Gerichtsaussagen im Jahr 2005 zunächst das Theaterstück Der Kick. Später inszenierte er das gleiche Material mit zwei Schauspielern vor einem minimalistischen Bühnenhintergrund als beklemmenden Film (Der Kick, 2006).

 Zur falschen Zeit am falschen Ort

Deutschland 2005
60 Minuten
Regie: Tamara Milosevic
Drehbuch: Tamara Milosevic
Produzent(en): Alexander Funk, Michael Jungfleisch

Kinostart: 16.03.2006

Die junge Regisseurin Tamara Milosevic wagte sich für ihre Abschlussproduktion an der Filmakademie Baden-Württemberg mit der Kamera nach Potzlow. Wenn sie zu Beginn von Zur falschen Zeit am falschen Ort die Landschaft zeigt, die menschenleere Dorfstraße, den verlassenen Schweinestall, dann reicht das aus, um sich wieder den Ablauf der Tötung vorzustellen, den man aus den übrigen Medienberichten erinnert.

Direkte Fragen zur Tat werden diesmal nicht gestellt, Milosevic ist nicht auf offene Konfrontation aus. Stattdessen findet sie Marinus’ ehemaligen Freund Matthias, der in seiner Umgebung wie ein kleines menschliches Wunder erscheint. Er ist offenbar der einzige, der das Geschehene nicht verdrängen kann, der Gefühle zeigt und mit der Aggression um ihn herum nicht fertig wird. „Wie dumm sind Menschen. Dit verblüfft mich. Dit macht mir Angst“, sagt er, und ein unheimliches Maß an diesem ewigen Erstaunen und der Angst produziert auch die Dokumentation durch ihren unkommentierten Blick auf die scheinbar ganz normale Dumpfheit des Alltags in einem Dorf in Deutschland.

 Zur falschen Zeit am falschen Ort konzentriert sich auf Matthias und das gestörte Verhältnis zu seiner Familie. Bei Gartenpartys reihen sich Billigbier und Apfelkorn auf dem Tisch, die Erwachsenen saufen ganz selbstverständlich mit den Kindern, zur Unterhaltung werden grobe Späße mit denen gemacht, die zu kaputt sind, um sich wehren zu können. Hier sind es die Alkoholiker Miki und Hucki, über die Matthias’ Vater, der ausgerechnet eine Art soziale Anlaufstelle der Jugendlichen von Potzlow ist, wie über unwertes Leben spricht.

„Is’ jeder mal dran“, kommentieren Miki und Hucki ihre eigene unterlegene Rolle bei einem der erniedrigenden Späße. Marinus, erklärt der Vater von Matthias an anderer Stelle, sei schüchtern gewesen, ein „Mitläufer“. Der Junge, der ein Stotterer war, hätte auf die Sonderschule gehört, ins Heim, „aber nicht in die Gesellschaft.“ Es ist verblüffend, wie leicht sich Opfer- und Täterzuweisungen mit Vokabular aus der und über die NS-Zeit vermischen. Die Regisseurin brauchte gar nicht tief bohren oder ihre Bilder plakativ montieren. Ihre Protagonisten stellen die Zusammenhänge allein her. Auch Marinus musste sich, bevor er damals gequält und getötet wurde, immer wieder selbst als „Jude“ bezeichnen.

Und Matthias erzählt, dass er sich häufig vorstellt, er hätte ebenso gut das Opfer sein können. Matthias, der die Leiche seines besten Freundes ausgegraben hatte, wurde dafür in der Schule als „Verräter“ beschimpft – bis er nicht mehr zum Unterricht erschien und zu Hause, vor dem Fernseher, depressiv wurde. Von den Eltern kam keine Hilfe, sondern nur die Klage, er würde sich auf einem angeblichen Trauma ausruhen und sein Leben nicht selbst in die Hand nehmen wollen. Mehr Orientierung als aggressiv geäußerte Vorwürfe konnte niemand bieten.

 Tatsächlich war die Begegnung mit dem Filmteam wohl auch für Matthias eine Art Glücksfall, denn so kamen zusätzliche Anstöße zur Reflexion von außen. Außerdem brachte Tamara Milosevic für ihre Protagonisten eine Empathie auf, an der es sonst in deren Leben mangelt. Warum das so ist, und was dagegen unternommen werden kann, will die Dokumentation nicht klären, ihr reicht das Zeigen.

Wenn Matthias schließlich auf Geheiß des Jugendamtes in ein Heim überstellt wird, in dem er eine Ausbildung absolviert, dann wirkt das schon wie eine kleine geglückte Flucht aus einem Zuhause, in dem einer, der sensibler oder schwächer ist als die anderen, sich leicht zur falschen Zeit am falschen Ort befinden kann.

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Der Beitrag entstand für das Filmmagazin critic.de. Besprechungen aktueller Dokumentarfilme finden Sie künftig auch bei Morgenwelt. Für alle weiteren aktuellen Filmkritiken besuchen Sie bitte die Seite selbst!





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