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21.11.2005

Europa und das Internet



Bild: photocase.com

 

Der Aufbau eines globalen Netzwerkes, die Zukunft der Wirtschaft, der Masterplan für die Informations- gesellschaft, all das passierte ohne die Mitwirkung Europas? Nicht ganz.

 

Von Mariann Unterluggauer

 

Wie alle modernen Medien hat auch das Internet eine von Mythen umwobene Geschichte, und wie üblich ist der Mythos nicht völlig falsch: 1958 wurde in den USA die "Advanced Research Project Agency" (Arpa) gegründet. Der Auslöser war "Sputnik" - für die USA war der erfolgreiche Start des russischen Satelliten 1957 ein Schock. Die Gefahr eines Angriffs aus dem All wurde heraufbeschworen, die Zivilisten bauten im Vorgarten „Atombunker“ und das Militär suchte nach einer Möglichkeit, wie ihre Truppen auch nach einem Atomschlag miteinander kommunizieren könnten.

 Mit der Lösung dieser Aufgabe wurde allerdings nicht die Arpa, sondern die Rand Corporation beauftragt. Dort entwickelte Paul Baran die Technik der paketvermittelten Datenkommunikation. Im Arpanet wurden  die Vorstellung von "packet switching" und "computer networking" vereint.

Aus dem Arpanet wurde 1983 das Internet und der Rest ist Geschichte; eine amerikanische Erfolgsgeschichte. Heuer verlieh man Bob Kahn und Vint Cerf dafür den Turing Award, die höchste Auszeichnung, die die Computergesellschaft zu bieten hat. In Europa hingegen hat man aus dieser Geschichte einen offensichtlichen Minderwertigkeitskomplex davongetragen. Dabei fing alles gar nicht einmal so schlecht an.

Zeitgleich mit Paul Baran, in den 60er Jahren, entwickelte auch der Engländer Donald Watts Davies vom National Physical Laboratory ein System für paketvermittelte Datenkommunikation. An seiner Universität existierte -  wie in den USA  - bereits Ende der 60er Jahre ein Netzwerk. Frankreichs Antwort auf das Arpanet hieß 1972 „Cyclades“. Cyclades entstand im regen Austausch mit amerikanischen Wissenschaftern.

Hubert Zimmermann war von Anfang an im Team von Cyclades und er schätzt das Interesse der Amerikaner eher nüchtern ein: „Die steckten damals mit dem Arpanet fest und bekamen mit uns die Chance für einen Neubeginn. Wir lernten aus ihren Fehlern und sie konnten mit uns ihr Netzwerkdesign verbessern.“ Cyclades wurde ein Jahr später der Öffentlichkeit präsentiert und Bob Kahn und Vint Cerf übernahmen 1974 Teile des Konzepts und inkorporierten es in ihr Protokoll TCP (Transmission Control Protocol). In den Tiefen des Internet verbirgt sich doch mehr an europäischer Softwaregeschichte als sich auf den ersten Blick vermuten lässt.

Weniger erfolgreich war der Versuch, ein europäisches Internet aufzubauen. Die Pläne dazu wurden bereits 1969 innerhalb der europäischen Gemeinschaft diskutiert, und sie waren ehrgeizig: Bereits 1973 hätte ein Prototyp fertig gestellt werden sollen und Universitäten und Institute in 19 Staaten miteinander verbunden sein sollen. Aber es kam anders. Obwohl sieben Wissenschaftsminister 1971 ihre Unterschrift unter das EG-Papier setzten, dauerte bereits die Ernennung eines technischen Leiters mehr als zwei Jahre. Die Interessen der einzelnen Nationalstaaten, der Post und Telegraphengesellschaften  und der einzelnen Firmen waren nicht so leicht unter einen Hut zu bringen.

Während in den USA die Wissenschafter im großen und ganzen nur ihrem Geldgeber, dem amerikanischen Verteidigungsministerium, Rechenschaft ablegen mussten, wurde die Situation in Europa für die Computerexperten zunehmend unangenehm: Den Postmonopolisten gefiel das Design der Wissenschafter nicht. Sie fürchteten die Kontrolle über ihre Leitungen zu verlieren. Den Politikern stieß der amerikanische Einfluss sauer auf und die Computerhersteller wollten ihre eigenen, kommerziellen Vorstellungen von einem Internet verwirklichen; Mitte der 70er Jahren war allen Beteiligten klar: Das Internet wird das nächste große Ding, und jeder wollte es erfunden haben.

Ende der 70er Jahre wurde in Europa die Förderung von eigenständigen nationalen Projekten wie Cyclades in Frankreich eingestellt. Man versuchte der Netzwerkwelt seinen Stempel aufzudrücken und plädierte für ein Netz, dessen Protokolle von der Internationalen Organisation für Standards (ISO) abgesegnet werden sollten. OSI: „Open System Interconnection“ nannte sich der Plan. Die Befürworter verkündeten, dass die Welt ab Anfang der 80er Jahre auf Basis von OSI-Protokollen miteinander kommunizieren werde. Aber die Welt musste davon erst überzeugt werden.

Mitte der 80er Jahre feierte diese europäische Initiative ihren größten Erfolg, als sich selbst die amerikanische Regierung von der Sinnhaftigkeit dieses Projekts überzeugt zeigte. Sie unterzeichnete ein Abkommen mit dem ein wenig zweideutigen Akronym GOSIP (Government Open System Interconnection Profil) Beendet wurde diese Episode schließlich 1995. Damals, so der Internetpionier Vint Cerf, schrieb er in seiner Eigenschaft als Präsident der Internetgesellschaft an das amerikanische Institut für Standardisierung und Technik einen Brief, indem er nachfragte, ob dieser Streit um die Internet Protokolle nicht endlich beigelegt werden sollte: Zu diesem Zeitpunkt konnte niemand mehr abstreiten, dass das Internet doch eine amerikanische Erfolgsgeschichte ist, zu der jene europäischen Wissenschafter ihren Teil beigetragen haben, die sich nicht strikt an die Vorgaben der Bürokraten gehalten haben.

 

Mariann Unterluggauer
seit 1994 freie Journalistin. derzeit assoziiert mit  
ORF, Ö1, D-Radio, Rai, El Pais und Springerin,
Hefte für Gegenwartskunst.

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