 Zwischen Roboter und Dampfmaschine
Ob Märchen, Science-Fiction oder Sozialdrama - der japanische Trickfilm ist in vielen Genres zu Hause. Wie gut das funktioniert, zeigen drei sehr unterschiedliche Animes, die jetzt in den deutschen Kinos anlaufen.
Von Stefan Jacobasch
Wenn ein junges Mädchen sich in eine alte Frau verwandelt und ein Feuerteufel im Küchenherd wohnt, wenn einer übergewichtigen Hexe auf langen Treppen die Puste ausgeht und über Dampflokomotiven bizarre Luftschiffe schweben, dann steckt mit hoher Wahrscheinlichkeit Hayao Miyazaki dahinter. Der japanische Filmemacher, in Asien verehrt wie kein anderer lebender Trickfilmkünstler, hat es nach "Prinzessin Mononoke" und "Chihiros Reise ins Zauberland" jetzt zum dritten Mal in die deutschen Kinos geschafft.
In seinem neuesten zweistündigen Werk „Das wandelnde Schloss“ (Howl's Moving Castle, frei erzählt nach einem Kinderbuch der Britin Diana Wynne Jones) führt uns Miyazaki in ein kleines bergiges Königreich, das im Europa der beginnenden Industrialisierung liegen könnte. Durch die Straßen schnaufen Dampflokomotiven neben Pferdewagen um die Wette. Gleichzeitig künden am Himmel bizarre Luftschiffe vom drohenden Krieg mit dem benachbarten Königreich. In dieser seltsamen Welt lebt die junge Sophie als Hutmacherin im Geschäft ihres verstorbenen Vaters. Zufällig trifft sie auf den charismatischen Zauberer Hauro, der vor dunklen Zauberwesen auf der Flucht ist.
Weil der sich für Sophie zu interessieren scheint, wird das Mädchen von einer eifersüchtigen Hexe in eine alte Frau verwandelt. Im Körper einer 90-Jährigen begibt sich Sophie auf die Suche nach Hauro, damit dieser den Fluch rückgängig mache. Hauro wohnt in einem kuriosen, einer Dampfmaschine nicht unähnlichen Schloss, das durch die Berge wandelt. Sein "Motor" ist der Feuerteufel Calcifer, der in der Kochstelle des Schlosses wohnt. Sophie, die dort als Putzfrau zu arbeiten beginnt, verbündet sich mit dem Feuerwesen, das ebenfalls unter einem Fluch leidet. Ein Zwerg und eine hüpfende Vogelscheuche vervollständigen das skurrile Personal um den Zauberer Hauro, der versucht, dem Krieg der verfeindeten Königreiche zu entgehen.
Aus dieser wunderlichen Ausgangssituation entwickelt Miyazaki eine Geschichte permanenter Verwandlung. Nicht nur Sophie pendelt zwischen ihrer jungen und alten Identität, auch Hauro und die eifersüchtige Hexe wechseln wiederholt ihre äußere Gestalt. Hauros Schloss kann in Sekundenschnelle den Standort wechseln; die Drehung eines Schalters genügt, um die Tür zu einer neuen Welt zu öffnen. Zudem spielt Miyazaki ausgiebig mit den Perspektiven, wenn er seine Figuren fliegen oder durch die Lüfte laufen lässt. Dies alles spielt sich in wunderschönen, poetischen Bildern ab, für deren perfekte Animation das japanische Ghibli Studio bekannt ist.
"Das wandelnde Schloss" kommt zu einem Zeitpunkt in die Kinos, zu dem die Amerikaner lauthals das Ende des klassischen Zeichentrickfilms verkünden. Die Walt Disney Company schließt gerade ihr letztes großes 2-D-Studio in Sidney. Künftig will der Konzern auf 3-D-Animationen aus dem Computer setzen, mit denen die konkurrierenden Studios Dreamworks („Shrek“) und Pixar („Findet Nemo“) in den letzten Jahren erfolgreich waren. Disneys klassische Trickproduktionen floppten dagegen an den Kinokassen.
Dass das eher an den vorhersehbaren langweiligen Geschichten als an der Technik gelegen haben könnte, kam den Disney-Managern nicht in den Sinn. Am Beispiel Miyazaki könnten sie sehen, wie zeitgemäßes Trickfilmkino auch wirtschaftlich erfolgreich ist: Der Film belegte in Japan neun Wochen lang den ersten Platz der Kinocharts und spielte dort bereits über 140 Millionen Euro ein. Das beeindruckt offenbar auch europäische Vertriebe, die jetzt nicht nur „Das wandelnde Schloss“ in die Kinos bringen, sondern ab diesem Herbst nach und nach auch Miyazakis frühere, nicht weniger sehenswerte Werke als deutsche DVDs auflegen.
Der zweite aktuelle Anime-Spielfilm kommt ab 8. September bundesweit in die Kinos – wenn auch in geringerer Kopienzahl und nur als japanische Originalfassung mit deutschen Untertiteln: In „Appleseed“ präsentiert uns Regisseur Shinji Aramaki ein Nordamerika (!) des Jahres 2131. In der futuristischen Megastadt Olympus begleiten wir die Polizistin Deunan Knute und ihren Partner, einen Cyborg. Die beiden arbeiten in einer auf Geheimaufträge spezialisierten paramilitärischen Polizeieinheit. Sie müssen erleben, dass die Menschen mit genetisch veränderten Klonen nur scheinbar friedlich nebeneinander her leben. Tatsächlich birgt Olympus ein dunkles Geheimnis, das im Zuge bildgewaltiger Roboterschlachten enthüllt wird.
„Appleseed“ basiert auf einer gleichnamigen, vor 20 Jahren entstandenen Comicserie, die bereits 1988 erstmals als Zeichentrickfilm umgesetzt wurde. Darauf aufbauend schuf Aramaki eine neue komplett computeranimierte Fassung. Diese knüpft perfekt an die Optik klassischen Zeichentricks an, reizt aber alle Möglichkeiten der Digitaltechnik aus. Man sieht dem Film deutlich an, dass sein Regisseur sein Handwerk in der Entwicklung von Videospielen gelernt hat. Entsprechend rasant fallen die zahlreichen Kamerafahrten und Kampfsequenzen aus.
Eine gänzlich andere Art von japanischer Zeichentrickkunst wird schließlich ab dem 6. Oktober in deutschen und schweizer Kinos vorgestellt. „Tokyo Godfathers“.erzählt die Geschichte dreier Obdachloser, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Gin gibt sich als ehemaliger Radrennsportler aus, Hana ist ein alternder Transvestit, Miyuki eine junge Ausreisserin. Am Weihnachtsabend findet das Trio ein ausgesetztes Baby. Weil Hana das schreiende Bündel nicht bei der Polizei abgeben mag, machen sich die drei auf die Suche nach den Eltern des Kindes. Deren dramatischer Lebensgeschichte kommen sie tatsächlich auf die Spur, werden aber auch mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert.
Regisseur Satoshi Kon setzt sein Sozialdrama in einem vergleichsweise reduzierten Animationsstil um. Um so lebhafter wirkt dagegen die Mimik der Charaktere in emotional geladenen Szenen. Kon erzählt seine Geschichte mit viel Sympathie für die Verlierer der modernen Konsumgesellschaft. Er schafft es dabei, in weiten Strecken erfreulich unsentimental zu bleiben.
Columbia Tristar hat "Tokyo Godfathers" bereits im letzten Jahr als deutschsprachige DVD auf den Markt gebracht. Den Kinostart - als Originalfassung mit deutschen Untertiteln - überließ man dagegen einem kleinen schweizer Verleih. Offenbar trauen die Großen der Branche den Animes noch nicht genügend Marktpotential zu. Dabei beweisen "Das wandelnde Schloss", "Appleseed" und "Tokyo Godfathers", welche Vielfalt im japanischen Trickfilm steckt.
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