 Abschied von "Kaiser Alexander"
Der Rückgang der Artenvielfalt ist ein weltweites Phänomen. Nicht nur wild lebende Tier- und Pflanzenarten sind bedroht. Bisher noch wenig beachtet, ist der starke Rückgang der Zuchtpflanzenarten in der Landwirtschaft.
Von Susanne Heliosch
„Ehrlinger Blutstreifling“, „Teuringer Rambour“, „Wachsrenette“, „Jakob Loebel“, „Danziger Kant“ oder „Kaiser Alexander“. – Wer kennt sie heute überhaupt noch, die alten Apfelsorten? Vor hundert Jahren wurde der Gaumen mit den vielfältigen Geschmacksnuancen der Äpfel noch reich verwöhnt, heute hat sich der Verbraucher mit nur wenigen handelsüblichen Sorten abzufinden. Auch die Vielfalt von anderen Obst-, von Gemüse- und Getreidearten ist zurückgegangen. Einige wenige Sorten dominieren.
Das Phänomen des Verlustes ist nicht nur auf Deutschland beschränkt. Weltweit sind bedenklich stimmende Zahlen zu registrieren. Die Verlustrate von Kopfsalat liegt zum Beispiel in den USA bei 95 Prozent, die Erbsenvielfalt ist zu 94 Prozent zurückgegangen. In Kanada wird der Weizenertrag zu 75 Prozent durch vier Sorten abgedeckt, obwohl im Handel mehrere hundert erhältlich sind. Und in China schließlich gab es 1949 10 000 Weizensorten, 1970 waren es noch 1000. Auf den Nenner gebracht: Seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts sind weltweit über 75 Prozent der Kulturpflanzenvielfalt verloren gegangen.
Die Ursache des Rückgangs ist in der Industrialisierung der Landwirtschaft und der einseitigen Züchtung von Hochleistungs-Saatgut durch große Agrarkonzerne zu suchen. Mit möglichst geringem Aufwand maximale Erträge zu erzielen, nach diesem Grundsatz wird seit vielen Jahrzehnten gehandelt. Aus ökonomischen Gründen wachsen auf immer mehr Flächen immer weniger Sorten.
Der Einsatz von Mineraldünger und Agrochemikalien, auch wenn diese für Mensch und Umwelt nachgewiesener Weise nachteilig sind, soll dabei die Ertragssteigerung erzwingen. An Stelle von Qualität, zu der auch genetische Vielfalt gehört, ist der Profit getreten. So spielen bei dieser Art der Nahrungsmittelgewinnung die naturgegebenen Verhältnisse für das Wachstum der Pflanze keine Rolle mehr: Der Boden wird „einfach“ so weit chemisch verändert, bis er den wenigen Standardsorten der großen Saatgutfabriken entspricht.
Viele Kriterien, die eine Nahrungspflanze wertvoll machen, bleiben bei dieser Art des Anbaus auf der Strecke. Allein auf Masse und gut verkäufliche Optik wird gesetzt. Britische Wissenschaftler haben festgestellt, dass viele modern gezüchtete und angebaute Gemüsearten verglichen mit alten Sorten 70 Prozent an wichtigen Spurenelementen verloren haben. Und wo natürliche Geschmacksnuancen fehlen, wird mit künstlichen Aromastoffen und Geschmacksverstärkern nachgeholfen. Hinzu kommt, dass mit dem Sortenrückgang auch die genetische Basis der Pflanzen immer eingeschränkter wird. Die Hochzuchtsorten gehen auf eine Handvoll Elternsorten zurück. Damit jedoch sind höhere Anfälligkeiten, zum Beispiel gegenüber Pilzkrankheiten, vorprogrammiert. Selbst Resistentzüchtungen richten da wenig aus, weil genetische Gleichheit in Verbindung mit einseitigen Ackerbaumethoden zwangsläufig die Widerstandsfähigkeit herabsetzt. Was unausweichlich bleibt, ist der Einsatz von Chemie.
Ein kleines Heer von Biolandwirten hält wacker die Stellung. Sie verwenden weder chemische Spritzmittel noch Aromastoffe. Doch sie haben Mühe, das Saatgut für ihren Biolandanbau überhaupt noch zu bekommen. Denn der Saatgutmarkt wird vornehmlich von multinationalen Chemiekonzernen dominiert und deren wenigen Sorten. Im großen Maße sind es sogenannte Hybridsorten, die sie anbieten. Diese Zuchtpflanzen sind so angelegt, dass aus ihren Samen keine Nachkömmlinge wachsen können. Für die Bauern bedeutet dies, dass sie jedes Jahr aufs neue das teure Saatgut von den großen Züchtern kaufen müssen. Kleine Züchter haben dabei wenig Chancen. Diese Probleme kannte man früher nicht. Jede Region war stolz auf ihre Nutzpflanzen, die durch traditionelle Züchtung genau dem entsprechenden Standort angepasst waren. Es gab viermal so viele Obst- und Gemüsesorten wie heute.
Der Verlust der genetischen Vielfalt machte sich bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts bemerkbar, als durch gezielte Saatgutproduktion die regionalen Sorten verdrängt wurden. In den 20er Jahren erkannte der russische Pflanzenforscher Nikolai Wawilow die Gefahr für die Grundlage der zukünftigen Nahrungsmittelversorgung und richtete in Leningrad die erste Genbank ein.
Heute werden in allen Kontinenten Samen von Kultur- und Wildpflanzen in Genbanken gekühlt aufbewahrt, um den unwiederbringlichen Sortenverlust zu verhindern. 150 staatliche Genbanken gibt es weltweit. Das in Deutschland in den Genbanken Gatersleben und Braunschweig deponierte Saatgut wird alle zehn bis 15 Jahre ausgesät, damit die Keimfähigkeit nicht verloren geht. Dennoch nutzen Züchter das Genmaterial nur begrenzt, da die Sorteneigenschaften oft nur unvollständig beschrieben sind. Der Grund: Viele Genbanken haben mit einer mangelnden finanziellen, technischen und personellen Ausstattung zu kämpfen.
Ihre Bedeutung werden die Genbanken dennoch weiterhin behalten. Daneben sind Wege nötig, welche die biologische Vielfalt wieder in der Landwirtschaft verankert. So hat 2001 der Naturschutzbund Deutschland (NABU) ein internationales Saatgut-Projekt gestartet, unterstützt vom EU-Agrarausschuss. Das Projekt richtet sich an kleine Züchter und Bauern, um diese für die ökologische Pflanzenzucht zu motivieren. Ganz oben steht dabei die Züchtung von widerstandsfähigen Pflanzen, die ohne Spritzmittel gedeihen. Die Projektteilnehmer erlernen zudem, wie sie Saatgut wieder selbst gewinnen können. Und schließlich will man vermitteln, wie die Regionen wieder ihre typischen, dem Boden und der Witterung angepassten Naturprodukte, erzeugen können. Das Interesse der Bauern und Züchter in insgesamt 23 europäischen Staaten ist überaus positiv. Über alle Grenzen hinweg haben sie einen gemeinsamen Wunsch: Eine gesunde und qualitätsvolle Nahrungsmittelproduktion.

Susanne Heliosch
1961 bei Ulm geboren. Studierte Kunstgeschichte, Volkskunde und Religionswissenschaft an der Uni Regensburg. Danach Studium der Empirischen Kulturwissenschaft an der Uni Tübingen. Ausstellungsmacherin und Medienpädagogin beim Rundfunk. Seit 1995 freie Journalistin. Bevorzugt Fragestellungen aus Medizin und Forschung, Natur und Umwelt sowie Themen aus der historischen wie zeitgenössischen Alltagskultur. Verfassen von Auftrags-Biografien.
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