 Per Sonnenstrahl auf den Einsteinturm
Die Einstein- Ausstellungen in Berlin und Potsdam bieten ein umfassendes Kaleidoskop aus Wissenschaft und Geschichte mit Einstein als Knotenpunkt. Und sie veranschaulichen, wie schwierig es ist, Wissenschaft anschaulich zu machen.
Von Christian Meier
"Warum gehen Menschen zu Ausstellungen?" fragt Gundula Avenarius. Die Kunsthistorikerin hat den "MOMAnizern" bei der Ausstellung des Museum of Modern Art (MOMA) in Berlin über die Schulter geschaut.
Dort sollten MOMAnizer - meist Studenten der Kunstgeschichte in rosa T-Shirts - mit den Besuchern die Werke der Klassischen Moderne betrachten und diskutieren: "Das Neue an dem Konzept ist der Dialog". Denn neben dem Kunsterlebnis suchen Ausstellungsbesucher Begegnungen, so Avenarius.
Die Erfahrungen der MOMAnizer haben Avenarius und die Pädagogin und Andragogin Antje Kathrin Lielich nun in die Berliner Ausstellung "Albert Einstein - Ingenieur des Universums" eingebracht. Dies sei möglich, sagt Avenarius, da sich Methoden des gemeinsamen Betrachtens und Beschreibens von Kunstwerken auf die naturwissenschaftlichen Bilder, Modelle und Anordnungen in der Einstein-Ausstellung übertragen ließen. Voraussetzung hierfür sei eine gelungene Visualisierung - also Veranschaulichung - der wissenschaftlichen Inhalte.
"Einfach Einstein" steht auf den roten und weißen T-Shirts der "Explainer", meist Studenten der Physik und der Geschichte. Avenarius und Lielich haben die Explainer darin geschult, nicht zu dozieren, sondern dem Besucher zu helfen, Gesehenes selbst zu erklären. "Oft ergibt sich aus dem Dialog Explainer-Besucher ein Gespräch unter Besuchern", sagt Avenarius. Die Ausstellung wird dann zur Begegnungsstätte.
Gesprächsstoff für Explainer und Besucher gibt es in Berlin genug: Mit Unterstützung durch das Deutsche Museum (München) und die Hebrew University (Jerusalem) haben die Ausstellungsmacher vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte (Berlin) eine beeindruckende Fülle von Exponaten sowie Bild-, Ton- und Textdokumenten zusammengetragen.
Sie spinnen ein Netzwerk von der Antike bis in die Gegenwart mit Einstein als zentralem Knotenpunkt. Von Martin Behaims 1492 gebauten Erdglobus, auf dem Amerika noch fehlt, über Otto Hahns Experimentiertisch, auf dem die Kernspaltung entdeckt wurde, bis zu Modellen modernster Gravitationswellendetektoren zeichnen die Exponate den Wandel von Weltbildern nach. Originaldokumente beleuchten nahezu jeden Winkel von Einsteins wissenschaftlichen, privaten und öffentlichen Leben.
Quantität gehört zu den Qualitäten von Einsteins Werk. Allein in seinem „Wunderjahr“ 1905 veröffentlichte er vier Arbeiten, in unterschiedlichsten Teilgebieten der Physik, die Geschichte machten. Alle vier revolutionären Arbeiten zeigt die Ausstellung.
Dazu betätigte er sich, wie um das Klischee vom weltfremden Theoretiker zu widerlegen, als Erfinder: Zum Beispiel entwickelte er mit Schweizer Fabrikanten Conrad und Paul Habicht einen „Potentialmultiplikator“, der Spannungen um das 10000fache verstärkt. Neben einem Exemplar dieses Spannungsverstärkers von 1920 zeigt die Ausstellung einen von Einstein mitentwickelten Kreiselkompass, der bei der Kriegsmarine eingesetzt wurde.
Die Quantität der Objekte, Dokumente sowie der multimedialen Begleitmusik im Berliner Kronprinzenpalais ist vielleicht nötig, um dem reichen Leben des Genies gerecht zu werden. Sie mag dem Ziel dienen, Einsteins Leben und Werk im Kontext seiner Zeit darzustellen. Ob sie die Qualität der Ausstellung für die Besucher erhöht ist jedoch fraglich.
Zu sehr bestürmen optische und akustische Eindrücke den Gast, selbst bei geringem Besucherandrang. Es fällt zum Beispiel schwer, sich auf den Text eines Briefes von Einstein an seinen Freund Max von Laue zu konzentrieren, während aufgeregte Radiomeldugen aus den 20ern den Raum erfüllen.
Wer dem Trubel entfliehen und doch Anschauliches über Einsteins Leben und Werk erleben möchte, der möge wenige Kilometer nach Potsdam fahren. Die Ausstellung „Ein Turm für Albert Einstein“ im dortigen „Kutschstall am Neuen Markt“ widmet sich dem Sonnenobservatorium auf dem Potsdamer Telegraphenberg, dem „Einsteinturm“. Sowohl seiner Architektur als auch seiner wissenschaftlichen Bedeutung.
Die thematische Eingrenzung erlaubt dem Besucher einen scheinbar nebensächlichen Aspekt aus Einsteins Leben kennenzulernen, der jedoch eng mit seinem Hauptwerk verknüpft ist: Der Zweck des Sonnenobservatoriums war ursprünglich der Test der Allgemeinen Relativitätstheorie.
Die Ausstellung ist statischer, wirkt weniger aufgeregt, obwohl sie ebenfalls Multimediales bietet: Etwa eine große Leinwand, die eine computersimulierte Reise auf einem Sonnenstrahl durch den Einsteinturm zeigt und so dessen inneren und unterirdischen Aufbau wie seinen physikalischen Zweck veranschaulicht.
Oder zwei interaktive Bildschirme, die animierte Einführungen in die Spezielle und die Allgemeine Relativitätstheorien vorführen. Zum Beispiel wird die Auffaltung eines Globus in eine 2 dimensionale Weltkarte mit der Auffaltung der 4 dimensionalen Raumzeit in den 3 dimensionalen Raum verglichen.
Zurück nach Berlin: Die Veranschaulichung physikalischer Inhalte scheint auf den ersten Blick auch hier gelungen. Doch gerade die zentralen Themen von Einsteins wissenschaftlichen Leben, Relativitätstheorie und Quantenmechanik, zeichnen sich eben nicht durch Anschaulichkeit aus.
Die Quantenmechanik widerspricht gar jeder Anschauung. Sie in einer Ausstellung zu "zeigen", ist eine wahre Quadratur des Kreises. Der Versuch, sie immerhin sichtbar zu machen, gelingt in Form einer "Blasenkammer": Ein sternschnuppengleiches Kommen und Gehen dicker und dünner, gerader und gezackter Teilchenspuren. Der Besucher kann umherschwirrende Alpha-Teilchen und Elektronen sehen - wenn auch nur indirekt anhand ihrer Kondensstreifen.
Das "Einstein-Podolsky-Rosen-Experiment" demonstriert, wie "verschränkte" Photonen über eine gewisse Distanz ohne Zeitverlust Information über ihre Polarisationsrichtung austauschen: In einer Glasvitrine bahnt sich ein Laserstrahl zwischen Spiegeln und Polarisationsfiltern den Weg.
Dem Besucher bietet sich ein statisches Bild. Per Kippschalter kann er das Experiment starten und die geheimnisvolle Beziehung zwischen den Photonen in Form eines korrespondierenden Messwert-Paares auf einem Bildschirm beobachten. In der Vitrine bewegt sich nichts, das Experiment wirkt wie eine Computersimulation. Hier dürfte den meisten Besuchern ein "Aha-Erlebnis" versagt bleiben.
Dagegen erlaubt das Modell eines Detektors für die von Einstein prophezeiten Gravitationswellen mit Hilfe einer Mikrometerschraube den Laserlichtweg zu verändern, wie es auch Gravitationswellen tun würden, und so die Änderung des Interferenzmusters zu beobachten. An anderer Stelle kann der Besucher Modelle schwarzer Löcher über eine Projektionswand schieben und ihre Wirkung als Gravitationslinsen bestaunen.
Kapituliert haben die Ausstellungsmacher vor der Veranschaulichung der Stringtheorie, einem aktuellen Forschungsgebiet, das Quantentheorie und Relativitätstheorie vereinigen soll: Gezeigt wird der Arbeitsplatz eines Stringforschers, der sich von dem eines Finanzbeamten nur dadurch unterscheidet, dass statt undurchdringlicher Steuerformulare geheimnisvolle Fachpublikationen auf dem Computerschirm flackern. Auch das gemeinsame Sehen mit einem der Explainer wird die Stringtheorie wohl nicht wesentlich erhellen.
Die Ausstellung bietet wenig Druckknöpfe und Drehräder, die vor allem Kinderhände anlocken würden. Trotzdem stellt sie eine Alternative zum Familienausflug nach Legoland dar: In Workshops experimentieren Kinder, Eltern und Explainer mit haushaltsüblichen Mitteln. Sie erforschen die Lichtbrechung, basteln Radioempfänger.
Im "Physiklabor" erleben die Kinder etwa, wie das Läuten eines Weckers unter einer Glashaube erstirbt, wenn man die Luft aus der Haube pumpt. "Wir liefern keine Antworten", sagt Explainer und Biologiestudent Robert Gehrke, "und überraschen damit die Kinder".
Beim Versuch mit einem Schaumstoffball passiert nach Abpumpen der Luft scheinbar nichts. Kinder, aber auch Eltern staunen, als der Ball schrumpft, sobald wieder Luft in die Glashaube strömt. "Unbefangen und ohne physikalisches Baukastenwissen liefern die Kinder interessante Erklärungsansätze", sagt Gehrke. "Sie stoßen selbständig auf Fragestellungen wie: Kann unter der Haube tatsächlich 'nichts' sein?"
"Die Besucher sollen nicht belehrt werden", sagt Ausstellungsmacherin Wendy Coones und meint damit auch die erwachsenen Gäste, "sondern die Neugier soll angeregt werden. Die meisten werden die Ausstellung mit Fragen verlassen, nicht mit Antworten." Das Erlebnis kommt also danach: Durch einen anderen - neugierigen - Blick auf die Welt.
Die Ausstellung „Albert Einstein – Ingenieur des Universums“ im Berliner Kronprinzenpalais, Unter den Linden 3 (nähe S-Bahnhof „Hackescher Markt“), ist bis zum 30. September täglich außer dienstags 10 - 20 Uhr geöffnet (Einlass bis 18:30 Uhr). Eintritt: 7 Euro (ermäßigt 3 Euro). Besucherdienst: Tel. 030-22667222;
Die Ausstellung „Ein Turm für Albert Einstein“ im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte im Kutschstall Am Neuen Markt, Potsdam ist bis zum 26. Juni 2005 täglich (außer Montag) 11 – 18 Uhr geöffnet, Mittwoch bis 20 Uhr. Eintritt: 5 Euro (ermäßigt 4 Euro, Kinder bis 6 Jahre frei), Sonderpreise für Gruppen, Familien und Schulklassen Informationen unter: Tel: (0331) 62 085 50

Dr. Christian Meier
ist Physiker und arbeitet freiberuflich als Wissenschaftsjournalist und Wissenschafts-Lektor.  |