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 Von Tulpen berauscht - und ruiniert!
Im Holland des 17. Jahrhunderts versprachen der Handel mit Tulpenzwiebeln schnellen Reichtum: Doch dann riss die Tulpenmanie eine ganze Nation in den Ruin.
von Susanne Heliosch
Ein Stadthaus mit Garten für eine Zwiebel. - Eine Tulpenzwiebel. Für uns heutige ist ein solcher Tauschhandel undenkbar. In den Niederlanden des frühen 17. Jahrhunderts aber war eine Transaktion wie diese kein Einzelfall. Da trennt sich 1608 ein Müller von seiner Mühle. Im Gegenzug erhält er eine Tulpenzwiebel der seltenen Sorte Mère brune. Ein anderer zögert nicht, seine gutgehende Brauerei gegen die Knolle einer wertvollen Tulpensorte aufzuwiegen. Und ein dritter schließlich, ein junger Ehemann, ist begeistert als ihm sein Schwiegervater an Stelle der Mitgift eine Tulpenzwiebel namens Tulipe brasserie überließ. An solchen Beispielen wird deutlich, in welchem Maße die "tulpenwoede", die Tulpenmanie, ganz Holland im beginnenden 17. Jahrhundert erfasst hatte. Die Begeisterung für Alchimie war nichts dagegen. In den Jahren 1634 bis 1637, als das Tulpenfieber seinen Höhepunkt erreichte, waren viele brave Bürger Hollands geradezu verrückt nach den Zwiebeln der Liliengewächse. Mit dem Zehn- bis Hundertfachen ihres Gewichtes wurden die unscheinbaren Knollen in Gold aufgewogen. Aber dann brach der Markt vom einen Tag auf den anderen ein und zurück blieben zerstörte Existenzen und gewaltige Schuldenberge.
In die Wirtschaftsgeschichte ging die Spekulation mit den Tulpenzwiebeln und der spätere Untergang als erster und unübertroffener Börsencrash der Neuzeit ein. Doch von einer Börse im herkömmlichen Sinne zu sprechen, wäre wohl verfehlt. Denn eine offizielle Tulpenbörse hat es nie gegeben. Anders als Gold oder Silber wurden Blumenzwiebeln nicht an der streng kontrollierten Amsterdamer Börse gehandelt. Vielmehr fanden die Transaktionen zwischen gebratenem Fleisch, Fisch und Pasteten, zwischen Gin, Bier und Wein statt. In Wirtshäusern, Gasthöfen und Tavernen traf man sich zum Handel. Manche besaßen sogar eigens für diesen Zweck bestimmte Zimmer.
Alle wollten damals am in Aussicht gestellten Reichtum partizipieren. Und da das ganze Manöver inoffiziell war und die Züge eines verbotenen Glücksspiels trug, war es um so verlockender. Ein Netz von mehr oder weniger bekannten, geheimen oder fast öffentlichen "Handelshöhlen" überzog damals Holland. Und nicht nur in den traditionellen Gartenbaugebieten wie etwa in der Gegend um Haarlem wechselten die geldbringenden Knollen ihre Besitzer. Auch in allen größeren Ballungsräumen, in Amsterdam, Alkmaar, Hoorn, Enkhuizen, Utrecht oder Rotterdam trafen sich die Gewinnsüchtigen.
Drängt sich die Frage auf, warum ausgerechnet die Tulpe und nicht eine andere Blume die Gewinnsucht und mit ihr die halsbrecherischen Gewinnfantasien auslöste. Den unschuldigen Anfang des Bösen hat wohl der Diplomat Ogier Ghiselin de Busbecq zu verantworten. Er war Gesandter der Habsburger am Hofe Suleimans des Prächtigen von wo er 1554 eine Sendung Tulpenzwiebel an den Wiener Hof Kaiser Ferdinands I. schickte. Von da an verbreitete sich die Tulpe, deren Name aus dem Persischen stammt und "Turban" bedeutet, verblüffend schnell in ganz Europa. 1561 rühmt sich die Augsburger Bankiersfamilie Fugger diese noch selten Blume in den Beeten ihrer Gärten zu halten. Etwas später erscheint sie in Frankreich und den Niederlanden und schließlich auch in England, wo der Gärtner Karls I. auf die Züchtung von bereits 50 Tulpensorten stolz war.
Am Anfang also war die Tulpe eine Blume der Hochwohlgeborenen und Reichen, sehr kostbar, in Gärten gehütet und unzugänglich. Die Zeitgenossen erdachten ihr eine Seele. Die Tulpe drücke Eleganz und vornehme Nachdenklichkeit aus, sagten sie. Und ihr Mangel an Duft hielt man für die Tugend der Enthaltsamkeit. Gastronomen versuchten aus der Tulpenzwiebel eine Delikatesse für vornehme Tische zu machen. In England verspeiste man die Zwiebeln, in Essig und Öl scharf abgeschmeckt, in Deutschland in Zucker gewendet, dies allerdings nur für kurze Zeit. Welch eine Lust also, etwas zu besitzen, worauf Monarchen stolz sind!
Doch auch rein botanische Gründe sprachen für die Tulpe als Handelsobjekt. Sie ist eine dankbare und leicht einzugewöhnende Pflanze. Ihre Zucht ist problemlos. Wer auch nur ein kleines Fleckchen Erde besaß, konnte sich dieser Leidenschaft hingeben. Und schließlich, dies ist wohl die wichtigste Ursache für das Aufkeimen der Manie, gibt es keine weitere Blume mit einer derartigen Vielfalt an Sorten.
Bei den holländischen Bürgern setzte sich damals sogar die Überzeugung durch, die Tulpe bringe ohne Zutun des Menschen neue vielfarbige Formen hervor. Diese Ansicht war nicht unbegründet. Denn zu jener Zeit grassierte in den holländischen Gärten ein Mosaikvirus. Zwar wusste damals niemand davon. Doch das Virus bewirkte, dass die Tulpen herrlich marmorierte Blütenblätter mit gefransten und gewellten Rändern entwickelten. Bereits 1000 verschiedene Tulpensorten waren um 1630 bekannt. Die Phantasiebegabten unter den Züchtern erfanden für ihre Sorten poesievolle Namen: General van Eyck, Admiral van Enckhuysen, Königlicher Achat oder Harlekin. Dort, wo die Phantasie wenig ausgebildet war, pries man einfach die "Bunte" oder die "Rot-Gelbe" an. Komplizierte Tabellen entstanden, worauf die einzelnen Sorten nach ihrem wechselnden Marktpreis verzeichnet waren.
Mehr als ein Jahrzehnt waren die als sparsam, nüchtern und arbeitsam geltenden holländischen Bürger dem Tulpenfieber verfallen. Während dieser ganzen Zeit beherrschte an der Spitze der Preistafeln die "Semper Augustus" das Feld. Eine wahrhaftige Blumenschönheit, die die Dämme des gesunden Menschenverstandes endgültig brechen ließ. An ihren makellos weißen Blütenblättern verlaufen rubinrote, flammende Äderchen, und das Hellblau ihres Kelchgrunds erscheint wie die Spiegelung eines heiteren Frühlingshimmels.
Wer sie besitzen wollte hatte eine Summe von 5000 Gulden, im Gegenwert ein Haus mit weitläufigem Garten, zu entrichten. Es kam auch vor, dass ein Handel, so denn es nicht anders ging, in Naturalien abgeschlossen wurde. Für die Tulpe "Vizekönig", die halb so viel wert war die "Semper Augustus", ist belegt, dass ein Spekulant für sie zwei Fuder Weizen, vier Fuder Roggen, vier fette Ochsen, acht fette Schweine, zwölf fette Schafe, zwei Fässchen Wein, vier Tonnen Bier, 1000 Pfund Käse und obendrauf noch einen Silberpokal, ein Bett und einen Anzug bezahlte.
Offensichtlich gingen die Menschen damals den gleichen marktwirtschaftlichen Strategien auf den Leim wie heute: Einige Trendsetter legen eine Spur, und die Menge folgt. Die Meisten der Tulpomanen spekulierten auf Hausse. Sie glaubten an einen nie endenden Konjunkturanstieg. Eine heute gekaufte Zwiebel, so kalkulierten sie, werde ihren Werte morgen, spätestens übermorgen verdoppeln. Manch ein Handwerker riskierte Kopf und Kragen und versetzte im Sinnentaumel sein Werkzeug.
Statistiken, die belegen könnten, wie viele holländische Bürger an diesem Wettlauf des Glücks teilnahmen, existieren nicht. Doch die Geschichtsschreibung rechnet mit einer Zahl, die in die Zehntausende geht. Sämtliche soziale Gruppen erlagen dem Spekulationswahn: Reiche und Arme, Kaufleute und Bauern, Schlachter und Maler, Weber und Studenten, Torfgräber und städtische Beamte, Altwarenhändler und Dichter, Matrosen und Witwen, geachtete und weniger geachtete Personen.
Für die Spekulanten erschienen Schriften, die eine Art praktische Einführung in die Grundlagen der Tulpenspekulation darstellten. Handbücher, gewissermaßen, für den Selbstunterricht.
Schlimm war, das selbst Kinder in die Machenschaften der Erwachsenen involviert wurden. Ihnen übertrug man die unwürdige Aufgabe des Spionierens. Denn wer in einem solchen Spiel wie das Fettauge auf der Suppe oben schwimmen wollte, kam nur durch möglichst viele Informationen vorwärts: Orte des Handels, Preise, Wirtschaftslage. Eine normale Arbeitsbetätigung ließ sich mit der aktiven Teilnahme an den Spekulationen nicht vereinbaren. Nicht selten beanspruchte das Spekulieren mehr als zwölf Stunden pro Tag. Wer selbst Tulpen züchtete, lebte mit der Angst des Geizhalses auf der Goldschatulle. So wurden für die Gärten raffinierte Alarmsysteme erdacht, die jeden ungebetenen Gast meldeten, sobald er den wertvollen Beeten zu nahe kam.
Während der Hochzeit der gigantischen "Blumenlotterie" waren die Gewinne der Spakulanten ungeheuerlich. In Windes Eile verbreiteten sich die Nachrichten durch die mittels Tulpen erworbenen Reichtümer. So zum Beispiel die Kunde von einem Amsterdamer Bürger, der einen kleinen Garten besaß und binnen vier Monaten ein Vermögen von 60 000 Gulden verdiente. Ein durchschnittlicher Kaufmann konnte am Ende seines arbeitsamen Lebens von einer Summe dieser Größenordnung lediglich träumen.
Immer kühner wurden die wilden Börsenumsätze, und immer abstrakter der Handel. Ab Herbst 1635 wurden keine Zwiebeln mehr verkauft sondern Zwiebelnamen. Den heutigen Aktien nicht unähnlich, kursierten Anteilscheine, die anzuzahlen waren. Oft zehnmal täglich wechselten diese ihren Besitzer. Erst wenn die Tulpenzwiebel übergeben wurde, war der volle Kaufpreis fällig.
Sollte sich diese Spirale ins Unermessliche drehen? Wohl nicht. Holland war in jenen Tagen ein Land kluger Autoren und lesender Menschen. Gebildete Buchhändler und aufgeklärte Verleger hatten ein gutes Auskommen. Aktuelle Themen fanden schnell Widerhall im Druck. Und so erlangte neben politischen und religiösen Streitigkeiten auch der Fall der Tulpenmanie ernsthafte Aufmerksamkeit. Es muss zahlreiche Gegner gegeben haben. Dies zumindest lassen Flugblätter, Zeichnungen und Pamphlete, die sich in stattlicher Zahl erhalten haben, vermuten. Die Tulpomanen werden darin als klägliche Irrsinnige dargestellt und schonungslos ausgelacht. Umgangsprachlich wurden die verrückten Tulpomanen als "Kapuzen" beschimpft. Abgeleitet von den Geisteskranken, die in jener Zeit zum "visuellen Schutz" der gesunden Bevölkerung tief in die Stirn gezogene Kapuzen tragen mussten.
Die Zahl der Widersacher muss so groß gewesen sein, dass einige Historiker sogar zu dem Schluss kommen, der Sieg über die Tulpenmanie sei allein der Verdienst der bürgerlichen Kontrahenten gewesen. Viele Geschichten, Witze und Anekdoten lassen zumindest annehmen, dass die Gegner zu sämtlichen, ihnen verfügbaren Mitteln griffen. Zum Beispiel zum Spazierstock. So soll es auch ein Hochschullehrer und Professor der Botanik aus Leiden, Forstius mit Namen, gehalten haben, der wo immer er eine Tulpe erblickte, auf diese losging um sie mit dem Spazierstock zu verwüsten. Doch vermögen Spazierstöcke einem kollektiven Wahn diesen Ausmaßes wirklich Einhalt zu gebieten?
Die holländische Staatsmacht glaubte nicht daran. Und so war sie gezwungen, selbst in das manische Treiben einzugreifen, schließlich bedrohten die uneingeschränkten Spekulationen die Basis der Volkswirtschaft. Mehrere Institutionen, von der Gilde der Blumenhändler bis hin zum Parlament, stiegen bereits auf die Barrikaden. Aber die Verordnungen und Gesetze, die zunächst den Markt überschwemmten, zeigten sich wenig wirksam. Dann aber folgte, so als hätten die Staatsmänner von den Spazierstockattacken des Botanikprofessor gelernt, im April 1637 der tödliche Schlag gegen die Tulpenmanie und deren Anhänger. Ein drastisches Dekret der Generalstaaten annullierte sämtliche Spekulationsvereinbarungen und bestimmte gleichzeitig fortan einen geltenden Höchstpreis für die Tulpenzwiebeln: 50 Gulden. Nun brachte die "Semper Augustus" plötzlich nur noch den hundertsten Teil ihres Börsenpreises.
Die Mehrzahl der Forscher postulieren, dass dem Staat die entscheidende Rolle im Sieg über die Tulpenmanie zukommt. Kritiker aber bekräftigen, dass der Entschluss der Generalstaaten viel zu spät kam. Die Tulpenmanie, so ihre Meinung, starb an ihrem eigenen Irrsinn. Bereits zwei Jahre vor dem Niedergang waren erste Symptome sichtbar: Das Angebot wurde immer größer, die Nachfrage schrumpfte beängstigend.
Sei´s drum. Für die Spekulateure endete das Spiel in einer wüsten Bilanz: ruinierte Vermögen, drohende Prozesse, zehntausend Menschen ohne Arbeit, Legionen von unbezahlten Krediten, zerbrochene Karrieren, Familien ohne Existenzmittel, Kinder, auf die öffentliche Wohltätigkeit angewiesen. Den Bankrotteuren blieben nur wenige schmale Auswege. Entweder die Meldung zur Flotte, was einige Qualifikationen voraussetzte, oder, wozu keine besonderen Begabungen erforderlich waren, die Bettelei.

Susanne Heliosch
1961 bei Ulm geboren. Studierte Kunstgeschichte, Volkskunde und Religionswissenschaft an der Uni Regensburg. Danach Studium der Empirischen Kulturwissenschaft an der Uni Tübingen. Ausstellungsmacherin und Medienpädagogin beim Rundfunk. Seit 1995 freie Journalistin. Bevorzugt Fragestellungen aus Medizin und Forschung, Natur und Umwelt sowie Themen aus der historischen wie zeitgenössischen Alltagskultur. Verfassen von Auftrags-Biografien.
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