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08.02.2005

Die Macht der Fotografie



Folterfoto von Abu Gharib aus der CBS-Sendung "60 Minutes"

 

Dass Bilder unsere Sicht der Welt prägen, das sagt jeder. Doch es sind nicht so sehr, wie man meinen könnte, Fernsehbilder, es sind weit häufiger Fotografien, die in unser Bewusstsein eingehen. Wie kommt das?

 

von Hans Durrer

 

Als in den 1950er Jahren das Fernsehen die Welt zu revolutionieren begann, war die Nachfrage nach den beweglichen Bildern, die man sich in den heimischen Stuben anschauen konnte, riesig. So hatten bereits in den 1980ern rund 80 Prozent der Bevölkerung Brasiliens Zugang zu einem Fernseher und man nahm damals gemeinhin an, die Fotografie würde wohl schon bald verschwinden – doch weit gefehlt.

Einer der Gründe ist, dass Fernsehen und Fotografie sehr unterschiedliche Zwecke erfüllen: während das Fernsehen (wie auch Video und DVD) die Bilder zum Laufen bringt, hält die Fotografie sie an, bringt sie zum Stillstand. Und zwingt einen damit zum Innehalten, zum Hinschauen, zum aufmerksamen Konstatieren: es ist dieses für einen Moment Ruhig-Sein, das uns dazu bereit macht, Emotionen wahrzunehmen, sie zuzulassen und auch zu registrieren. Einen weiteren Grund hat die kürzlich verstorbene Susan Sontag in ihrem Artikel über die Folterphotos von Abu Ghraib (The photos are us) ausgemacht: „Leben heisst fotografiert werden und Aufzeichnungen vom eigenen Leben zu besitzen.“

Weshalb wir denn auch vor kurzem britische Folterfotos, die in der Nähe von Basra aufgenommen worden sind, zu sehen bekommen haben. Begleitet sind sie von den gleichen Reaktionen, die wir im Falle von Abu Ghraib von amerikanischen Politikern gehört haben: dass es sich hier um Einzelfälle handle, das Verhalten der Angeklagten keinesfalls repräsentativ sei, der Grossteil der Streitkräfte vorbildlich, mutig und ehrenvoll seinen Dienst versehe; Premier Blair sprach von „schockierenden und empörenden Szenen“, Oppositionsführer Howard sagte, die Bilder „beschämen unser Land“, die Angeklagten  behaupteten, nur Befehle ausgeführt zu haben.

Das hat vor wenigen Tagen auch der gerade zu zehn Jahren Haft verurteilte amerikanische Korporal Charles Grainer, der auf den Fotos von Abu Ghraib in triumphierender Pose hinter einer Pyramide aufgestapelter nackter Gefangener zu sehen gewesen ist, beteuert. Doch auch wenn man durchaus glauben mag, dass das für Folter nötige Klima durch Äusserungen der politischen Führung wohl erst möglich gemacht wurde, so foltert deswegen noch lange nicht jeder. Dass Grainer im zivilen Leben als Gefängniswärter sein Auskommen verdient hat, lässt einen sich übrigens wünschen, im freiesten Land der Welt (so die amerikanische Ideologie), nur ja nie im Gefängnis zu landen.

*

Wenn es denn vergleichbare Bilder gebe, meinte Susan Sontag unter Bezugnahme auf Abu Ghraib, dann womöglich die von schwarzen Lynchopfern, aufgenommen zwischen 1880 und 1930, welche amerikanische Kleinbürger zeigen, wie sie unter den nackten Leichen schwarzer Frauen und Männer, die an Bäumen aufgehängt sind, posieren. Zudem waren die Nazis geradezu besessen davon, ihre Kriegsverbrechen in den Konzentrationslagern zu dokumentieren.

Wenn Mediziner wie Mengele pseudo-wissenschaftliche Experimente an Gefangenen vornahmen, gaben sie manchmal den Befehl, diese zu fotografieren. Gelegentlich habe er Farbaufnahmen von abscheulichen gynäkologischen Experimenten, die an jungen Frauen vorgenommen wurden, machen müssen, die dann nach Berlin geschickt worden seien, sagt der heute 87jährige Wilhelm Brasse, der damals als Fotograf in Auschwitz eingesetzt war. Es sei ihm gesagt worden, es habe sich um Bauchkrebsforschung gehandelt.

Also doch nichts Neues, alles schon einmal da gewesen? Der Unterschied sei, wenn es denn einen gebe, dass Kameras heute allgegenwärtig seien., meinte Susan Sontag. In der Tat. Angesichts der Möglichkeiten, auch mit mobilen Telephongeräten, und ohne ein solches kommt man sich heutzutage ja fast nackt vor, Bilder machen zu können, ist abzusehen, dass in naher Zukunft wohl kaum mehr irgendetwas undokumentiert bleiben wird – allein im vergangenen Jahr wurden weltweit mehr von diesen Geräten verkauft als von den digitalen und analogen Kameras zusammen.

Die Dokumentationsflut, so scheint es, wird weiter zunehmen: noch nie, berichtete Focus online, wurden in Deutschland so viele Kameras verkauft wie im Jahre 2004. Das wird uns Aufklärungen bescheren, die sonst wohl unter den Tisch gewischt worden wären, wird uns Bilder von Ereignissen liefern, die uns sonst wohl nie bekannt geworden wären.

*

Fotos, um verstanden werden zu können, müssen im Kontext gesehen werden. Der Kontext im Fall von Abu Ghraib ist ein berüchtigtes Gefängnis in einem Krieg und die Fotos zeigten uns, wie es da unter anderem zugeht. Doch Fotos machen nicht nur Dinge sichtbar, sie verschleiern auch – sie tun dies, indem sie unsere Aufmerksamkeit lenken: die meisten von uns werden wohl Abu Ghraib (das Medienbombardement hat dafür gesorgt) heutzutage nur noch mit amerikanischer, nicht jedoch mit irakischer Folter unter Saddam Hussein, in Verbindung bringen.

Doch es gibt noch einen weiteren Kontext: dieser Krieg wurde im Namen der Freiheit, der Demokratie und im Namen von Gut gegen Bös angezettelt – und wir haben auf Bildern vorgeführt gekriegt, dass die selbsternannten Guten weit weniger gut sind, als dass die offiziellen Verlautbarungen uns jeweils glauben machen wollen, und dass sie nicht für Freiheit und Demokratie stehen, sondern für eine, wohl unfreiwillige, Verhöhnung des amerikanischen Idealismus, den es nach wie vor gibt, wenngleich das bei den Herren Bush, Cheney oder Rumsfeld nicht so besonders augenfällig ist. Und was zeigen uns die Folterfotos von Basra? Genau dasselbe, diesmal auf Britisch.

*

Die Bilder, die das kollektive Gedächtnis von heute prägen, sind häufig nicht von Profis, sondern von Amateuren gemacht worden. Im Juni letzten Jahres sorgte „Breaking the Silence“, eine Foto-Ausstellung an der Tel Aviv Geographic Film School, in Israel für Aufsehen. Die gezeigten Fotos wurden alle von israelischen Soldaten (welche zum Teil anonym blieben), die in der West Bank  stationiert waren, aufgenommen. Die vier für die Ausstellung verantwortlichen Reservisten sagten, gemäss der website von CNN, sie wollten zeigen, was in den Palästinensergebieten wirklich geschehe. Jeder Soldat wisse, dass die zu Hause keine Ahnung hätten, was da vor Ort eigentlich los sei, äusserte sich ein früherer Soldat.

Der umstrittenste Teil der Ausstellung waren jedoch nicht die Fotos, sondern die auf Video aufgenommenen Zeugenaussagen von mehr als siebzig ehemaligen israelischen Soldaten, die beschrieben, wie sie wahllos mit Tränengas und Granaten, manchmal während mehrerer Stunden, meist leere Gebäude beschossen. Warum solches Verhalten nicht gemeldet worden sei?, fragte ein Kommandeur beim Besuch der Ausstellung. Weil dies nichts Aussergewöhnliches, sondern das übliche Verhalten gewesen sei, wurde ihm geantwortet.

Gibt es da einen neuen Trend? Werden Soldaten jetzt zu Foto-Reportern, zu Video-Journalisten? Die Folterfotos von Basra wurden von Soldaten aufgenommen. Auch die Fotos aus Abu Ghraib stammten von Soldaten. Und wir wissen, dass es auch von dort noch etliche Fotos und Videos gibt, die uns bislang allerdings vorenthalten wurden – im Gegensatz dazu war die Tel Aviver Ausstellung im israelischen Parlament zu sehen.

*

“Seeing is believing” sagt man, und niemals ist das mehr wahr, als wenn einem die Bilder zum Ereignis, das man festhalten wollte, abhanden gekommen sind, man also keinen fotografischen Beweis vorlegen kann. Passiert ist dies dem 26jährigen Royal Marine Justin Smith, der zu den am schwersten verwundeten britischen Soldaten in Irak gehört, wie die online Ausgabe der Times berichtete.

Als er heftig blutend an einem staubigen Strassenrand in Basra lag, fragte ihn ein Kamerad, ob er fotografiert werden wolle? Er machte ein paar Aufnahmen, die Smith blutüberströmt, im  Dunkeln liegend, zeigten, doch die ‚bloody camera’, so Smith, sei irgendwo zwischen Irak und dem Vereinigten Königreich verloren gegangen und das sei fast das Schlimmste gewesen, weil er ohne die Fotos nämlich nicht habe beweisen können, dass er fast sein Leben verloren habe.

Wem hat er denn da überhaupt was beweisen müssen? Und wozu? Er selber wusste doch, wie es um ihn gestanden hatte, reichte denn das nicht? Natürlich nicht. Schliesslich riskiert der Marine Smith sein Leben im Auftrag, und für den Ruhm, seiner Regierung. Und das möchte er anerkannt sehen. Weshalb er sich denn auch gegen die Heimlichtuerei, die Kriegsverletzte umgibt, wehrt, und offen und öffentlich über seine Erfahrungen redet. Er sei enttäuscht, dass kein Regierungsmitglied sich an seiner Lage interessiert gezeigt habe, sich niemand mit ihm in Verbindung gesetzt hätte. „I didn’t get anything at all, though it would have been nice“, meinte er gegenüber dem Times-Reporter.

 

 

Hans Durrer


Jahrgang 1953, ist der Autor von Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press, Bangkok, 2006). Er lebt als Coach und Berater für interkulturelle Kommunikation in Sargans, Schweiz
Bild: Blazenka Kostolna

Homepage:  www.hansdurrer.com  

 

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