Erfolgreicher Flug ins Ungewisse
Eines der ehrgeizigsten Projekte der europäischen Raumfahrt ist ein triumphaler Erfolg geworden. Die Sonde "Huygens" war am Freitag gelandet und die ESA-Forscher fieberten den ersten Funksignalen vom Saturn-Mond "Titan" entgegen. Zur Erde kam dann eine Flut von Daten.
Von Rainer Kayser
Eingehüllt in einen dichten, orangefarbenen Dunstschleier wahrte der Saturnmond Titan seit 350 Jahren seine Geheimnisse. Nun ist die europäische Raumsonde Huygens – benannt nach dem holländischen Astronomen Christiaan Huygens, der 1655 Titan entdeckte – in die Atmosphäre des Mondes eingedrungen, am Fallschirm herabgeschwebt und hat erstmals Bilder von seiner bislang unbekannten Oberfläche zur Erde gefunkt.
Bereits am 1. Weihnachtstag löste sich Huygens von der amerikanischen Schwestersonde Cassini, auf der sie Huckepack ihre siebenjährige Reise zum Saturn zurückgelegt hat. Cassini saust in einem Abstand von 60.000 Kilometern an Titan vorbei und dient Huygens als Funkrelais für die Übertragung von Daten und Bildern zu Erde.
Ende Oktober und Mitte Dezember flog Cassini bereits zweimal in nur 1200 Kilometern Höhe über Titan hinweg. Für eine Überraschung sorgte dabei die Radarkarte eines 150 mal 250 Kilometer großen Streifens der Titanoberfläche. „Es sieht nicht so aus, als ob es dort große Ozeane gibt“, meint Nicolas Thomas, Planetenforscher an der Universität Bern, enttäuscht.
Radarmessungen von der Erde hatten starke Reflektionen gezeigt, von den Wissenschaftlern als Seen oder Ozeane aus flüssigem Methan und Ethan interpretiert. Doch noch gibt Thomas die Hoffnung nicht auf: „Vielleicht gibt es kleinere Seen – oder wir haben einfach an der falschen Stelle geschaut.“
Mit seiner hauptsächlich aus Stickstoff und Methan bestehenden Atmosphäre und den darin vorhandenen Kohlenwasserstoff-Verbindungen ähnelt Titan der jungen Erde. Die Wissenschaftler erhoffen sich aus der Erforschung des Saturnmonds deshalb auch neue Erkenntnisse über die präbiotische Chemie, die zur Entstehung des irdischen Lebens geführt hat.
Einige Experten spekulieren sogar, auch auf Titan könnte – trotz der eisigen Temperaturen von minus 180 Grad – Leben entstanden sein. „Ich halte das für sehr unwahrscheinlich“, kommentiert Thomas, „aber andererseits: Vielleicht sind unsere Ideen von der Entstehung des Lebens zu eng gefasst?“
Zwar hat Huygens keine Detektoren an Bord, mit denen sich primitive Lebensformen nachweisen ließen. Doch könnte die chemische Zusammensetzung der Atmosphäre Rückschlüsse auf biologische Prozesse erlauben. Rund zweieinhalb Stunden dauert der Blindflug von Huygens durch den orangefarbenen Dunstschleier.
Neben der Zusammensetzung der Luft messen und analysieren die Detektoren an Bord von Huygens dabei Windgeschwindigkeit, Luftdruck, Temperatur und elektrische Entladungen. Ein Mikrofon dient gar der Aufzeichnung etwaigen Donnergrollens.
Nicolas Thomas ist am meisten auf die ersten Bilder der Titanoberfläche gespannt – schließlich war er an Entwicklung und Bau der Kamera von Huygens beteiligt: „Ist der Boden felsig? Oder ist er von einem Schleim aus organischen Substanzen bedeckt?“
Mit sechs Metern pro Sekunde schlägt die Sonde schließlich auf, die Chancen, dass sie den Aufprall übersteht, sind gut. Doch unter den unwirtlichen Bedingungen auf Titan ist die Lebensdauer von Huygens kurz. Thomas: „Ich rechne mit drei Minuten.“
Seine Erwartungen wurden schon jetzt weit übertroffen. Die Sonde widerstand die höllischen Bedingungen auf Titan fast vier Stunden lang und sendete unverdrossen Daten zur Erde. Die Huygens-Mission könnte so eine der erfolgreichsten ESA-Missionen werden. Genau wird man das allerdings erst wissen, wenn die Wissenschaftler die Fluit von Daten ausgewertet haben. Und das wird sicher noch Monate dauern. |