 "Die Welle war ein Ungeheuer"
Auch die Küste Südindiens ist von dem verheerenden Seebeben verwüstet worden. Der Fernsehjournalist und Autor Franz Alt ist für das Fernsehmagazin Report Baden-Baden vor Ort. Hier seine ersten Eindrücke.
Alagarzamy ist 45 Jahre alt. Der Astrologe ist Vater von drei Töchtern im Alter von drei, sieben und 11 Jahren. Seit 12 Jahren lebt er mit seiner Familie im südöstlichen indischen Bundesstaat Tamil Nadu. Sein kleines Haus im Städtchen Vailankanni steht nur 80 Meter vom Golf von Bengalen entfernt. Seine jüngste Tochter und seine Frau wurden am Morgen des 26. Dezember von der Killerflut in den Tod gerissen.
Das Wort Tsunami hatten die Toten des 26. Dezember in ihrem Leben nie gehört. Alagarzamy konnte sich und seine beiden überlebenden Töchter mit viel Glück retten. Die Tsunami-Wellen hatten in 20 Minuten über 2000 Kilometer an der indischen Küste entlang eine unvorstellbare Verwüstung angerichtet. Jetzt, eine Woche später, steht der traumatisierte Astrologe auf den Trümmern seines Hauses und weint noch immer fassungslos. Er zeigt uns ein vergilbtes Foto seiner Familie in die Fernsehkamera. Wir filmen den zerfetzten Sari seiner Frau und die Spielsachen seine Kinder, die im Schlamm hängen geblieben waren: einen farbigen Ball, einen bunten Regenschirm, ein Plastikflugzeug.
Aus der zerstörten Hütte nebenan wird gerade die Leiche eines älteren Mannes geborgen als wir am Strand des bei Hindus und Katholiken gleichermaßen beliebten Wallfahrtortes Vailankanni die Reste der zerstörten Häuser filmen. Die Tsunami-Wellen haben in dem 5.000 Einwohnerort über 1.000 Tote gefordert. Für die Tragödie, die wir hier am Golf von Bengalen sehen und erleben fehlen uns die Worte. Wir treffen hier die Partner der deutschen Entwicklungsorganisation Andheri-Hilfe Bonn, die in dieser Küstenregion Hilfe zur Selbsthilfe leistet. Wieder einmal hat es die Ärmsten der Armen getroffen, hauptsächlich Fischer und Tagelöhner.
Zu Weihnachten waren über 10.000 Pilger hierher gekommen. Nach dem Weihnachtsgottesdienst waren viele am Strand spazieren gegangen und dann kam die Killer-Welle. "Sie war wie ein riesiges Ungeheuer, 15 Meter hoch", schildern uns die Überlebenden ihre Erlebnisse. Die Wellen waren schneller als ein Mensch laufen kann. Inzwischen sind die meisten Leichen vergraben oder verbrannt. Am Strand brennen noch fünf Feuer. Viele Überlebende haben aber noch immer eine solche Angst vor Nachbeben, dass sie sich weigern zurückzukommen. Sie campieren in Zelten, Tempeln und Schulen einige Kilometer im Landesinnern. "Wir wollen nie wieder direkt am Meer leben", sagen sie in unsere Kamera. Vor allem die Kinder weigern sich zurückzukehren. Wohin auch?
150 freiwillige Helfer der katholischen Jugend haben zusammen mit einer Hindu- Hilfsorganisation aus Bangalore die Leichen eingesammelt. Sie suchen noch immer nach Vermissten. Abends beten sie gemeinsam in der Wallfahrtskirche "Maria Hilf" für die Toten.
Helfer und Hilfsorganisationen berichten uns, dass die Zahl der Opfer dreimal so groß sei als die offiziellen Zahlen der Regierung. Bischoff Remigius, der in dieser Diözese beheimatet ist, sagt uns, dass er alle seine Verwandten verloren habe. Kurz bevor wir mit ihm sprechen, hatte er erfahren, dass die Leiche seiner letzten Nichte geborgen wurde. Das Haus des Bischofs ist voll von Menschen, die Trost und Hilfe suchen. Uns beeindruckt die Ruhe und Gefasstheit dieses Mannes in dieser Situation.
"Die Menschen fragen mich jetzt oft, warum diese Tragödie gerade hier und gerade an Weihnachten geschah", erzählt uns der Bischof. "Was antworten Sie Ihnen?" will ich wissen. "Dass Jesus geboren wurde, ist ein Grund zur Freude. Aber gerade er hat uns vorgelebt bis zu seinem Tod am Kreuz, dass zum Leben auch das Leid und der Tod gehören." Die Inder verdrängen den Tod weniger als wir Europäer. In einem Land, in dem täglich 5.000 bis 7.000 Menschen verhungern, gehört der Tod zum Alltag.
Wir sehen am Strand von Südindien Kinder, die zu Waisen wurden und Eltern, die ihre Kinder verloren haben. Noch immer suchen verzweifelt Eltern auch jetzt noch nach ihren Kindern. Die dreijährige Tochter von Alagarzamy fragt eine Woche nach der Katastrophe noch immer: "Wo ist meine Mama?" "Ich weiß nicht, was ich meinem Kind sagen soll", seufzt der Vater.
So nah am Elend drängt sich mir die Frage auf, ob die fernen Industriegesellschaften sich für diese neue Herausforderung öffnen werden. Die ARD-Sendung "Report" zeigt am 10. Januar 2005 eine Reportage von Franz Alt über die Tragödie in Indien.
Andheri-Hilfe Spendenkonto Nr. 40 006, Sparkasse Bonn - BLZ 380 500 00 Stichwort: „Seebeben“

Dr. Franz Alt
mehrfach ausgezeichneter Fernsehjournalist und Autor. Gemeinsam mit seiner Frau Bigi engagiert er sich mit seiner Website "Sonnenseite" zu Themen rund um Ökologie und Menschenrechte
http://www.sonnenseite.com/
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