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11.11.2004

Versteinernde Tradition


 

In „Just a Kiss”, dem neuen Film des britischen Regisseurs Ken Loach, ist ein Kuss eben nicht nur ein Kuss, sondern zieht einen ganzen Rattenschwanz an Konflikten nach sich.

Von Marguerite Seidel

 

Tahara (Shabana Bakhsh) ist ein pakistanischer Teenager aus Glasgow, Muslimin, Glasgow Rangers Fan und Schülerin einer katholischen Schule. So beschreibt sie selbst stolz ihre gemischte Identität in einer Rede vor der ganzen Schule.

Auch ihr Bruder Casim (Atta Yaqub) ist genauso Schotte wie Pakistani und äußert seine hybride Kultur in seinem Beruf als DJ. Er vermischt den britischen Clubsound mit indischen Elementen, liegt damit anscheinend voll im Trend, denn bald wird er seinen eigenen Club eröffnen. Gleichzeitig liebt und respektiert er seine Familie und wacht als großer Bruder auf das keusche Benehmen seiner kleinen Schwester. Nur die baldige arrangierte Hochzeit mit seiner Cousine aus Pakistan passt nicht so recht zu seinem amour fou für die irische Musiklehrerin Roisin (Eva Birthistle), die plötzlich in seine geordnete Welt platzt.

Wir wollen, hoffen und glauben, dass wir unsere Umgebung nach unserem Geschmack mitgestalten können. Aber oftmals bestimmt doch die Außenwelt das persönliche Schicksal eines Menschen. Wie im Fall von Tristan und Isolde, deren Liebe unmöglich ist, weil Isolde bereits einem anderen versprochen ist. Oder der erbitterte Streit, der zwischen den Familien von Romeo und Julia herrscht und ein Zusammenkommen der Liebenden verhindert.

Diese Mythen mögen  aus heutiger Sicht antiquiert erscheinen, aber tatsächlich wiederholen die Muster sich ständig und das nicht in zeitgenössischen Märchen. Klassenunterschiede, Familienstreitigkeiten, unterschiedliche Nationalitäten, Kulturen und Religionen treiben immer wieder einen Keil in die Beziehungen der Menschen untereinander.
Auch in „Just a Kiss”, dem neuen Film des britischen Regisseurs Ken Loach, ist ein Kuss eben nicht nur ein Kuss, sondern zieht einen ganzen Rattenschwanz an Konflikten nach sich.

Liebe

„Lebe wohl, due süße Eine, Lebe wohl, du einzig Meine!“ Mit dem Lied „Ae fond kiss“ verabschiedet sich der schottische Dichter Robert Burns Ende des 18. Jahrhunderts von seiner Geliebten Clarinda, als sie sich aus gesellschaftlichen Gründen für immer trennen müssen. Die Melodie dieses Liedes schwebt über der ersten Begegnung von Roisin und Casim, die im Musikzimmer aufeinandertreffen, in dem Tahara nach einer wilden Verfolgungsjagd durch ihre Schule landet.  Ein paar Jungs haben nach ihrer Rede rassistische Bemerkungen gemacht, die sie sich nicht einfach von ihnen gefallen lassen wollte.

Casim verliebt sich in Roisin und beginnt, ihr nachzustellen. Die beiden werden ein Paar und alles läuft sehr gut, bis Casims Hochzeit sich nicht mehr länger verheimlichen lässt. Roisin kann nicht verstehen, dass diese Hochzeit nicht einfach absagt werden kann und die Ehre der ganzen Familie davon abhängt, egal wie Casim sich dabei fühlt.

Religion

Die Tatsache, dass ihre Beziehung zu Casim eine Familie zerstört und dass Tradition Gefühlen überlegen sein soll, ist für Roisin einfach nicht vorstellbar. Sie will Gespräche führen und um Verständnis werben, da wo es nichts zu besprechen und zu verstehen gibt. Roisin beharrt auf ihrem Recht zu lieben, wen und wann sie will, ohne Rücksicht auf Dritte.
Casim selbst ist kein Rebell. Er hat keinen Grund zu rebellieren. Er bewundert, schätzt und liebt seine Familie. Trotzdem sagt er die Hochzeit ab und zerstört die Hoffnungen und das Ansehen seiner Familie.

 

 „Just a Kiss“
(Großbritannien, Belgien, Deutschlandm Italien, Spanien 2004)

Regie: Ken Loach
Drehbuch: Paul Laverty
Kamera: Barry Ackroyd
Schnitt: Jonathan Morris
Musik: George Fenton

Darsteller: Atta Yaqub (Casim), Eva Birthistle (Roisin), Shabana Bakhsh (Tahara), Shamshad Akhtar (Sadia Khan), Ghizala Avan (Rukhsana Khan), Pasha Bocarie (Amar), Gerard Kelly (Priester), Ahmad Riaz (Tariq Khan)

Laufzeit: 103 min.
Starttermin: 11. November

Doch was Ken Loach hier anprangert sind nicht Familientraditionen, noch religiöse Erziehung oder gar den abendländischer Egozentrismus, sondern ihre dogmatische Anwendung ohne Rücksichtnahme auf die Realität. Obwohl Casim ehrlich und offen seinen Eltern die Lage erläutert, sind diese nicht dazu bereit, von ihrem Entschluss abzurücken und die Lebenswirklichkeit ihrer Kinder im Schottland von heute anzuerkennen. Genauso versteinert erscheint die schottische Schulbehörde und katholische Kirche, die Roisins „Leben in Sünde“ mit einem Pakistani trotz ihrer Qualitäten als Lehrerin nicht Privatsache sein lassen kann. Sie verliert ihren Job.

Das Ehrgefühl der pakistanischen Familie ist schließlich genauso rassistisch wie die moralischen Vorstellungen der katholischen Kirche. Beide hängen einer Vorstellung von Reinheit nach, die in den hybriden Kulturen von heute schlichtweg absurd ist.

Dort wo sie den Frieden erhalten wollen, stiften sie Unfrieden und verfehlen ihren Auftrag als gesellschaftliche Institutionen.

Wirklichkeit

Ken Loach ist schon immer ein Kämpfer, der mit Filmgeschichten soziale Missstände enthüllt und anklagt. Oft schickt er dafür ein Liebespaar ins Feld, dass sich gegen Verletzungen und Vorurteile jeder Art behaupten muss. Manchmal scheitern die Konstellationen, manchmal nicht. In „Mein Name ist Joe“ (1998) muss die Beziehung zwischen der Sozialhelferin Sarah und dem Alkoholiker Joe dessen Ausfälle aushalten, die Paare in „Land and Freedom“ (1995) müssen den Krieg überstehen, der junge Mick aus „Looks and Smiles“ (1981) versucht seiner Freundin zu gefallen, obwohl er ihr durch die Perspektivlosigkeit im Sheffield der achtziger Jahre gar nichts bieten kann.

Moderne Variationen von Tristan und Isolde oder Romeo und Julia kommen bei Ken Loach oft in interkulturellen Beziehungen zum Ausdruck.
In „Carlas Song“(1996) schaffen es der Schotte George und Carla aus Nicaragua trotz der gemeinsamen Reise in Carlas Heimat nicht, ihre traumatische Kriegsvergangenheit zu überwinden. In „Ladybird, Ladybird“ (1994) scheint das britische Sozialamt alles daran zu setzen, die Beziehung von  Maggie und dem Exilanten Jorge zerstören zu wollen, doch ihre Liebe bestärkt sie, allen Widerständen zum Trotz ihr Familienglück zu verwirklichen. Die illegale Einwanderin Maya in „Bread and Roses“ (2000) wird nach einem Arbeitskampf, wo sie den Gewerkschafter Sam kennenlernt ausgewiesen.

Im Gegensatz zu Ken Loachs früheren Filmen, deren Protagonisten oft am Abgrund der sozialen Existenz stehen, spielt „Just a Kiss“ durchgängig im schottischen Mittelstandsmilieu. Casim und seine Familie sowie Roisin führen ein angenehmes Leben in schönen Wohnungen, sie sehen gut aus, sind beruflich erfolgreich und in ihrer Gesellschaft integriert. Es sind keine ökonomischen Faktoren, die diese Welt spalten, sondern rein ideologische.
Rassismus, Religion und die versteinernde Tradition, darum geht es in „Just a Kiss“. Genauso dynamisch und multiple wie die Welt und ihre Geschichte, müssen auch die Grundsätze und Regeln, die sie zusammenhalten flexibel auf die stetigen Veränderungen reagieren.

„Just a Kiss“ ist ein echter Ken Loach Film, der mit dem Vorschlaghammer seine Botschaft in Bilder haut, unbarmherzig auf die Tränendrüse einprescht und ein weiteres Plädoyer für eine Welt formuliert, die mehr Respekt und Einfühlungsvermögen entwickeln muss. Casim soll Roisin heiraten dürfen, wenn er das will. Tahara soll Journalismus studieren dürfen, wenn sie das will und Roisin darf als katholische Lehrerin einen muslimischen Freund haben, wenn sie das will. Fakt ist, dass viele Menschen das nicht dürfen. Denen verleiht Ken Loach eine Stimme. Viele wiederum leben so, wie sie es wünschen. Das darf man bei diesem Film nicht vergessen. „Just a Kiss“ orientiert sich an der Realität, aber ist dennoch eine binäre Allegorie, die den Fremden fremd erscheinen lässt und den Einheimischen einheimisch. Dieser Dualismus beginnt sich für unsere europäischen Augen erst aufzulösen, als der katholische Priester ins Geschehen eingreift und auch das Vertraute plötzlich befremdend wirkt. 

Obwohl „Just a Kiss“ eine etwas sehr melodramatische Variation der schöpferisch-zerstörerische Kraft der Liebe ist, dehnt Ken Loach wenigstens das Thema Immigration und Integration auf katholischen Dogmatismus aus. Diese Verbindung haben inhaltlich ähnliche Filme wie zum Beispiel „East is East“ (Damien O’Donnell, 1999) oder „Bhaji on the beach“ (Gurinder Chadha, 1993) bis jetzt nicht gezogen. Das aber wäre wichtig, um die alten Mythen hinter sich zu lassen und dem vielgesichtigen und -schichtigen Europa gerecht zu werden, dessen Probleme Starrheit und Verbohrtheit sind, nicht die Vermischung der Kulturen.


Lesetipps:

Jacob Leigh: The Cinema of Ken Loach. Art in the Service of the People, Wallflower Press 2002.

Ken Loach: Loach on Loach, Faber and Faber 1998.
Anthony Hayword Which Side Are You On? Ken Loach And His Films, Bloomsbury 2004.

Francis Rousselet: Ken Loach, un rebelle, Septième Art 2002.

Erika Thomas: L'univers de Ken Loach : Engagement politique et rencontre amoureuse, L’Harmattan 2004.

 

 

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