30.09.2004

Schicht für Schicht


 

Verhaltensabgründe, Gemütslagen und Plotetagen in Pedro Almodóvars „Die schlechte Erziehung“: Eine gelungene Hommage an den "Film Noir".

 

Von Marguerite Seidel

 

Almodóvars neuer Film hat bereits für einige Schlagzeilen gesorgt, die seine Uraufführung bei den Filmfestspielen von Cannes im Frühjahr begleiteten. Um ihre bröckelnde Fassade besorgt, sprach sich die katholische Kirche gegen den Verleih des Filmes aus. „Die schlechte Erziehung“ greift Tabus auf, die auf einen der wunden Punkt der Kirche zielen: Liebe, Sex und Zärtlichkeit gibt es eben auch hinter Kirch- und Klostermauern - und werden genauso totgeschwiegen wie Pornographie oder gar Pädophilie. So sind diese Phänomene dann auch ein wunderbarer Stoff für effektvolle Enthüllungsgeschichten in der Presse.

Wie eine Boulevardzeitung präsentiert sich zunächst auch Almodóvars Film selbst. Große Lettern in schwarzer und roter Farbe, Fotos voller Rasterpunkte und symbolträchtige Bilder kündigen im Vorspann eine Verhältnis zwischen Sex und Kirche an. Aber statt zu übersichtlichen Seiten, sind die Schrift- und Bildfetzen zu Collagen zusammengefügt, die nach und nach zerrissen werden, um einen Ausschnitt des darunter liegenden Materials sichtbar werden lassen.

Neben obszönen Schulklokritzeleien tauchen religiöse Symbole, Photos der Darsteller und Filmstreifen auf. Die verschiedenen Schichten nehmen mehr und mehr den Charakter einer Stoffsammlung an, die den Gedanken an eine banale Schlagzeile entkräften. Vielmehr ist „Die schlechte Erziehung“ ein Film der Relation: Der Versuch, eine erschütternde Geschichte sowohl vor der sensationsheischenden Titelseite eines Boulevardblättchens als auch vor dem Vergessen als Randnotiz in einer Tageszeitung zu retten.

Zerreißproben

Im Madrid der 80er Jahre schneidet der junge Erfolgsregisseur Enrique (Fele Martinéz) gerade Artikel aus der Klatschseite einer Zeitung aus, um sich an den merkwürdigen Geschichten für seinen nächsten Film zu inspirieren, als plötzlich ein ehemaliger Schulfreund an der Tür klopft. Er erkennt Ignacio (Gael García Bernal) kaum wieder, der seinerzeit im katholischen Internat Enriques erste große Liebe war. Ignacio ist Schauspieler, nennt sich heute Ángel und bietet sich für Enriques nächstes Filmprojekt an. Außerdem schenkt er ihm das Manuskript einer Erzählung, die sich teilweise auf die gemeinsamen Kindheitserlebnisse im Internat beruft.

Skeptisch beginnt Enrique abends die Erzählung zu lesen. Er ist schließlich so berührt von der Geschichte der zwei Schulfreunde, die sich nach vielen Jahren wiedersehen, dass er sie verfilmen möchte. Zwischen Ignacio, der das Opfer sexueller Angriffe des Schuldirektors Padre Manolo (Daniel Gimenéz Cacho) war, und Enrique entspann sich damals eine zarte Liebesgeschichte, die durch Enriques Schulverweis abrupt beendet wurde. In Ignacios Erzählung begegnen sich die beiden ungefähr fünfzehn Jahre später wieder: Der eine, Enrique, ist ein frustrierter Familienvater, während der andere, der mittlerweile transsexuelle Ignacio, als Frau verkleidet auf der Bühne steht und singt.

Enrique und Ángel stürzen sich sofort in die Verfilmung der Erzählung, doch Enrique stolpert immer wieder über Ungereimtheiten, die ihn mehr und mehr an der Identität seines Schulfreundes zweifeln lassen.

„Die schlechte Erziehung“ beginnt sich auf vielen Ebenen zu verknoten und erzählt die Geschichte der beiden Freunde auf verschiedenen Zeit- und Realitätsebenen. Die gegenwärtige Beziehung von Enrique und Ángel im Madrid der 80er Jahre verflechtet sich immer unentwirrbarer mit den Szenen des gemeinsamen Films, der die Erinnerungen aus der Klosterschule in den 60er Jahren umsetzt, und den Nachforschungen Enriques über das Leben seines Freundes zwischen Schulzeit und dem Wiedersehen. Almodóvar häuft Zeitausschnitte, Filmschnipsel und Persönlichkeitssplitter an, die wie in einem Krimi Schicht für Schicht die Vergangenheit von Ignacio und Enrique freilegen, bis der Fall an Kontur gewinnt.

Hommes fatals

Pedro Almodóvar empfindet „Die schlechte Erziehung“ als film noir, in dem die Aufklärung der Straftaten, z. B. die Vergewaltigung des jungen Ignacio, nicht das Ziel der Investigation darstellen, sondern die Entdeckung des Netzes aus Leidenschaft, Lust und Lüge die Hauptrolle spielt. Die einzelnen Figuren verfangen sich gnadenlos darin, während die diskontinuierliche Erzählweise dem Zuschauer stetig neue Wendungen offenbart, die ihn in den Sog der Ereignisse mitreißen.

Der Plot kreist um den rätselhaften homme fatal Ignacio / Ángel / Zahara / Juan, der mal als Frau, mal als Mann, aber immer als Verführer auftritt. Bereits in allen früheren Filmen von Almodóvar geht es um die Unmöglichkeit einen Mittelweg zwischen den Momenten der Leidenschaft und der Lüge zu finden, doch in „Die schlechte Erziehung“ verknüpft er das Thema, im Gegensatz zu vorausgehenden, frauenzentrierten Werken (u. a. „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“, 1987; der oscargekrönte „Alles über meine Mutter“,1999; „Sprich mit ihr“, 2001), mit der Männerwelt, die sich von klassischen Rollenbildern gänzlich verabschiedet hat.

Er interessiere sich für den vergeblichen Versuch der Männer, Frauen zu werden, beschreibt Almodóvar sein Anliegen. Doch die Ausbildung einer weibliche Männlichkeit befindet sich im Experimentier- bzw. im Degenerationszustand. Der Priester vergreift sich an kleinen Jungs, Ángel schlüpft ständig in neue Rollen, Enrique entschlüsselt langsam Ángels Enigma und spielt seinerseits mit ihm. Dennoch sind diese Figuren keineswegs entweder Opfer oder Täter. Sie sind einerseits Opfer ihres Kampfes um Anerkennung in einer Gesellschaft die mit bestimmten Problemen nicht umzugehen weiß und, noch schlimmer, Opfer von Missbrauch.

„Die schlechte Erziehung“ (2004)
ORIGINALTITEL:„La mala educación“

Land: Spanien
Länge: 110 min.
Regie & Drehbuch: Pedro Almodóvar
Musik: Alfonso Iglesias

Darsteller: Gael García Bernal (Ángel/Juan/Zahara), Fele Martinéz (Enrique Goded), Javier Cámara (Paquito), Daniel Giménez Cacho (Padre Manolo), Lluís Homar (Berenguer), Francisco Boira (Ignacio), Ignacio Perez (Ignacio Kind), Raúl García Forneiro (Enrique Kind)

Filmstart: 30. September 2004

Andererseits sind sie Täter, die rücksichtslos ihre eigenen Interessen verfolgen. Die Darsteller dieser gleichermaßen verletzlichen und verletzenden Männer beweisen in diesem Film nicht nur ihre Wandlungsfähigkeit, sondern sind dabei über sich hinaus gewachsen, indem sie den Figuren den ambigen Charme verleihen, den sie verdienen. Besonders Gael García Bernal gelingt es den verführerischen Transvestiten Zahara mit dem erbarmungslosen Liebhaber Ángel zu koppeln und einen überraschend vielseitigen Charakter zu schaffen.

Montagestück

Die Vereinigung unterschiedlicher Gesichter in jeder einzelnen Figur, die Verknotung der einzelnen Plotstränge, die Spiegelungen und die Projektionen des Films im Film zertrümmern die lineare Geschichte im Sinne ihres Gegenstandes. Anstelle einer runden Sache, konstruiert Almodóvar ein abgründiges, facettenreiches, brutales und gleichzeitig sensibles Mosaik, das dank seiner feinabgestuften Schattierungen menschlich und realistisch wirkt.

Trotz schreiender Farben, schillernder Figuren und extremer Ereignissen verschmelzen die einzelnen Bausteine zu einer durchaus stillen Geschichte, die sich jenseits der bloßen Kirchen- und Gesellschaftskritik und von Almodóvars Fetischismus für bestimmte Figuren und Themen ansiedelt.
Das Motiv von sich überlagernden Schichten und Bruchstücken durchzieht über die verschachtelte Erzählweise hinaus alle Episoden des Filmes. Jede Episode stellt eine Variation dieses Motivs dar, wie auch der Vorspann den Aufbau des Films ankündigt.

In der ersten Episode erfolgt die Suche Enriques nach einem interessanten Filmstoff über Zeitungsausschnitte bis ihm die eigene Geschichte zufliegt. Der Rückblick auf die Schulzeit endet mit der Vergewaltigung Ignacios. Ein Blutstropfen rinnt seine Stirn herunter und sein Kopf zerspringt in zwei Hälften, die ihn fortan begleiten werden. Die dritte Episode über die Zeit zwischen Schulzeit und Filmdreh zeigt immer wieder den mit Kachelbruchstücken geschmückten Hauseingang Ignacios, der sich seine neue Identität mühsam zusammenpuzzeln muss.

Zehn Jahre lang hat Almodóvar am Skript des Filmes gearbeitet, eigene Erfahrungen und fiktive Anekdoten gesammelt und übereinandergestapelt. „Die schlechte Erziehung“ ist ein fesselnder Film geworden, weil er ein Montagekunststück ist. Almodóvar verbindet heterogene Momente mit ebenso verschiedenen Filmstilen und schafft es, eine ohnehin spannende Geschichte noch spannender werden zu lassen. Die Geschehnisse und Bilder werden zueinander in Beziehung gesetzt und relativiert, aber keineswegs entschuldigt.

Ein Mosaik besteht aus Teilen von etwas Ganzem, das auf immer zerbrochen ist. Genau darin liegt die Faszination, auch die der Montage.


Lesetipps:

Manfred Riepe Intensivstation Sehnsucht, Transcript 2004, ISBN: 3899422694.

Christoph Haas Almodóvar, Europa Verlag Hamburg 2001, ISBN: 3203841193.

Pedro Almodóvar, Frederic Strauss Filmen am Rande des Nervenzusammenbruchs, Verlag der Autoren 1998, ISBN: 3886611922.

Paul Julian Smith Desire Unlimited The Cinema of Pedro Almodovar (Critical Studies in Latin American & Iberian Cultures), Verso 2000, ISBN: 1859847781.

 


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