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24.08.2004

In einem befremdenden Land


 

Michael Klier zeigt in seinem neuen Film „Farland“ Deutschland an der Peripherie

 

Von Marguerite Seidel

 

Vom Zentrum Berlins weiter entfernt als die Naherholungsgebiete im brandenburgischen Umland liegt der eigene Speckgürtel. Zumindest in den Köpfen derer, die auf dem Weg zwischen Natur- oder Großstadtleben höchstens kurz am Möbelhaus anhalten, um Schnäppchen zu jagen.

Für Durchreisende äußerst praktisch gelegen, gedeihen Möbelhäuser prächtig hinter den Leitplanken der A10, die die Autos mit überdimensionalen Reklameschildern ins Einkaufsparadies der Wellblechkörper hineinwinken.

Noch entfernter aber liegt der Gedanke, dass in den benachbarten Musterhaussiedlungen tatsächlich Leute wohnen könnten. Michael Klier stattet ihnen in seinem neuen Film „Farland“ einen Besuch ab und versucht etwas zu finden, woran Durchfahrer an diesen Orten niemals denken würden: Menschen und ihre Geschichten.

Rumkrebsen

Michael Klier hat sich in seinen früheren Spielfilmen „Überall ist es besser, wo wir nicht sind“ (1989), „Ostkreuz“(1991) und „Heidi M.“ (2001) bereits mit Menschen beschäftigt, die sich im Grenzland zwischen Ost und West aufhalten.

In „Farland“ schneidet Klier auf seinem Seziertisch die wackeligen Wohlstandskulissen auf, die seit der Wende im Brachland rund um Berlin errichtet werden. Dabei legt er eine ganze Reihe von Krebsgeschwüren frei. Dass es den Menschen dort nur schlecht gehen kann, diese Grundannahme teilt Klier anscheinend mit den Durchfahrern, für die ein Leben dort nicht vorstellbar ist. Er entdeckt nämlich so viele Krebsgeschwüre, dass man sich zu fragen beginnt, ob es die nicht in einem dieser Möbelhäuser auf dem Wühltisch für Gesellschaftssorgen im Sonderangebot gab.

Die angeschnittenen Problemfelder könnten einer Fernsehserie wie der "Lindenstraße" genug Stoff für ein halbes Jahr bieten.

Karla (Laura Tonke) hat vor zwei Jahren den kleinen Ort verlassen, der ihr zwar ein Fertighaus und Einkaufsmöglichkeiten, aber keine Heimat bieten kann. Sie hat sich geschworen, nie wieder dorthin zurückzukehren. Seitdem tingelt die Anfang Zwanzigjährige von einem Promotionjob zum nächsten. Karla wirbt gerade im Cowgirl-Outfit auf irgendeiner Messe für die eigentlich verhassten Fertighäuser, als sie einen Anruf von Exfreund Frank (Daniel Brühl) erhält. Ihre Schwester sei mit Freund im Auto verunglückt, liege im Koma und Karla müsse sofort nach Hause kommen.

Zwar zweifelt Karla an der Richtigkeit von Franks Nachricht (er will sie ja nur zurücklocken!), aber macht sich auf den Weg nach „Farland“. Dort findet sie alle Probleme wieder, die sie vergessen wollte: die entmenschlichte, auf Konsum ausgerichtete Architektur, die öde, brandenburgische Steppe, die verlassene Disko, den langweiligen, aufdringlichen Exfreund, die abwesende Mutter und die tatsächlich im Koma liegende Schwester.

Im Krankenhaus trifft Karla auf den Vater des Freundes ihrer Schwester, der ebenfalls an den Betten der Verunglückten wacht. Axel (Richy Müller) bringt nochmals einen ganzen Schwung Probleme mit, denn er hat seinen Sohn eigentlich nach der Scheidung fallengelassen, bereut es nun und fühlt sich überhaupt wie ein emotionaler Eiszapfen.

Karla kümmert sich auf eine naiv-herzliche Art um ihre Schwester und Axel versucht verzweifelt etwas über das Leben seines Sohnes herauszufinden, um ihn doch noch etwas kennen zu lernen. Das Mädchen und der verhärmte Mann kommen sich langsam näher und entdecken dabei ihre Gefühle wieder.

Über Karla und Axel hinaus, lässt sich die Liste der Miseren der Menschen in der neuen, deutschen Schnellbaulandschaft beliebig fortführen: Neben Hässlichkeit, Funktionalität, kaputten Familien und Einsamkeit sind da noch Langeweile, Perspektivlosigkeit, Konkursanmeldungen, Umsiedelungen wegen des geplanten Flughafenausbaus, noch mehr Verkehrsunfälle, ein dürftig zusammengezimmerter, lokaler Fernsehsender, ein obdachloses Gitarrenmädchen, verstörte Wildschweine, Märkte, auf denen nur Nutzloses verkauft wird, Automatenhotels… .

Kurz gesagt, alles ist wirklich sehr, sehr trostlos.

Plattes Land

Die Kraft der Suggestion soll das Problemgewitter vor der Entladung in die Trivialität bewahren, aber was bleibt ist schließlich eine Anhäufung von Klischees, die eigentlich ihrer Klischeehaftigkeit hätten entkommen können, wenn sie etwas sorgfältiger behandelt, das heißt, in etwa auf die Hälfte reduziert und vielleicht ein bisschen vertieft worden wären.

 

 „Farland“
Deutschland 2004

Regie: Michael Klier
Buch: Michael Klier & Undine Damköhler
Kamera: Hans Fromm
Schnitt: Bettina Böhler
Musik: Neil Black
Darsteller: Laura Tonke (Karla), Richy Müller (Axel), Daniel Brühl (Frank), Thure Linhardt (Julian), Karina Fallenstein (Birgit), u. a.
Länge: 90 min.
Filmstart: 26. August 2004
 

Die Problemfelder scheinen sich mit jeder neuen Szene unendlich zu erweitern bis die Geschehnisse unter ihrer seifenopernhaften Bedeutungsschwangerschaft zusammenbrechen und sich zu einem Haufen Oberflächlichkeit verhärten.

Auch die Schauspieler scheinen, als ob ihnen die Scheintiefgründigkeit ihrer Rollen zu schaffen macht. Alle haben in anderen Filmen bereits ihr Talent bewiesen: Laura Tonke in „Ostkreuz“ oder „Baader“ (2002), Richy Müller in „Die innere Sicherheit“(2000), Daniel Brühl in „Good Bye, Lenin!“ (2003) oder „Das weiße Rauschen“ (2001). In „Farland“ wirkt ihr Spiel jedoch steif und die Dialoge wie auswendig heruntergeleiert.

Schade eigentlich! Denn das Thema an sich - Leben an einem künstlichen Ort ohne Geschichte und Identität jenseits der Ost-West-Problematik -, die durchaus wohl überlegten Bilder gepaart mit erloschener Westernromantik versprechen mehr als sie halten. Im Gegensatz zum inhaltlichen Einerlei, verdeutlicht Michael Klier den Kontrast zwischen eintöniger Natur und fehlgeschlagener Kultur in ein paar wunderschönen Einstellungen, die sich stets in Richtung Steppe öffnen und hinter die Schnellbauten blicken lassen. So aber versandet der Film in der landschaftlichen Einöde wie der Schwenk entlang der riesigen „Toom-“, „Toys“R“Us-“ und „Media-Märkte“ im benachbarten Brachland stecken bleibt.

Anarchische Grillstände am Straßenrand und all die einsamen Cowboys und –girls geben lediglich zu verstehen, dass das „far out“ in den Neubausiedlungen ein Alptraum ist. Die Akzeptanz dieser Feststellung fällt dem Zuschauer zwar leicht, aber leider beschränkt sich Michael Klier auf Schwarz-Weiß-Malerei. Eine Problemaufzählung und eigentlich gute Schauspieler genügen nicht. Ein paar Nebensätze hätten den Film vielleicht vor seiner Plakativität retten können. Denn wie der Blindenpfleger Julian (Thure Linhardt), leider phrasenhaft heruntergeleiert, feststellt: „Aber es ist doch egal wo man ist, Hauptsache, dass man mit irgendetwas verbunden ist.“

Selbst wenn „Farland“ diese Hauptsache ausspricht, wäre weniger hier mehr gewesen. Auch ein Film braucht Bindung.

 

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