 Wie eine verhängnisvolle Affäre entsteht
"Verhängnisvolle Affairen" gibt es nicht nur im Kino. Leider finden sie nur allzuoft auch in unserem Alltag statt. "Gegensätze ziehen sich an", sagen wir dann dazu.
Von Bas Kast
Kennen Sie diese Geschichten? Da ist die Frau, die sich in einen Mann verliebt, weil er so "anders", so "frei" ist. Weil er sich nicht um Konventionen kümmert, das Leben zu genießen weiß, nicht alles so ernst nimmt. Ein paar Monate später sprechen Sie die Frau wieder – was aus ihrer Liebe geworden ist?
Nichts. Sie hat sich getrennt. Ja, anfangs war alles noch schön, aber bald empfand sie den Mann als kindisch. Und wie soll man sich auf jemanden einlassen, der sich auf nichts festlegen will? Unmöglich.
Da ist der Mann, der von der Klugheit und dem Selbstbewusstsein einer Frau beeindruckt ist. Später empfindet er die gleiche Frau als belehrend und dominant. Oder die Frau, die den erfolgreichen Unternehmensberater sexy findet, weil er weiß, was er will. Weil er so ehrgeizig ist.
Und dann? Schon nach kurzer Zeit beklagt sie sich darüber, dass er vor 22 Uhr 30 nie zu Hause ist. Und muss es denn wirklich sein, dass man auch am Wochenende ständig nur die Firma im Kopf und das Handy am Ohr hat?
Alle diese Geschichten scheinen einem ähnlichen Untergangsmuster zu folgen. Nur ein Zufall? Oder haben wir es mit einem Klischee zu tun?
Weder noch, sagt die Psychologin Diane Felmlee von der Universität von Kalifornien in Davis. Gerade die Eigenschaften einer Person, die uns anfangs zu ihr hinziehen, sind später nicht selten der Auslöser dafür, weshalb wir uns von diesem Menschen wieder trennen. "Fatal attraction" nennt die Forscherin das.
Die Psychologin erkundigte sich bei 301 Studenten und Studentinnen danach, woran ihre letzte Beziehung gescheitert war. In 88 Fällen, also knapp 30 Prozent, tauchte das Muster einer verhängnisvollen Anziehung auf.
Eine Frau beispielsweise gab an, dass sie von einem Mann fasziniert war, weil er so ein "intensives Interesse" an ihr hatte. Später gingen ihr seine Besitz ergreifende Art und seine Eifersucht auf die Nerven.
Ein Mann war von der Schönheit einer Frau hingerissen, auf Anhieb konnte er zehn Eigenschaften ihres Körpers nennen, die er für außergewöhnlich attraktiv hielt (das Gesicht, die Beine, das Haar...). Er trennte sich schließlich, weil die Beziehung "nur aus körperlichen Aspekten" bestand.
Sei vorsichtig mit deinen Wünschen, heißt es, sie könnten in Erfüllung gehen. Doch wie lässt sich dieser seltsame Widerspruch erklären? Woher kommt es, wenn die anfängliche Faszination nur kurze Zeit später in Irritation umschlägt?
Um herauszufinden, was eine "fatal attraction" auszeichnet, was der Motor ist, der dieses Muster antreibt, verglich die Psychologin die Partnerschaften, die auf Grund einer verhängnisvollen Anziehung in die Brüche gegangen waren, mit den restlichen Beziehungen. Gab es vielleicht etwas, das sich als besonders verhängnisvoll für ein Paar erweisen würde?
Offenbar gab es da was. Bei den "fatal attractions" tauchte, im Vergleich zu Beziehungen, die aus anderen Gründen gescheitert waren, bemerkenswert oft ein bestimmtes Wort auf. Es war das Wort "Unterschiede".
Damit ist die Psychologin, ohne direkt danach zu suchen, einer alten Frage der Partnerschaftspsychologie auf die Spur gekommen, genau genommen sind es zwei Fragen: Ziehen Gegensätze sich an? Oder gesellt Gleich und Gleich sich gern? Felmlees Befund legt nahe: Gegensätze können sich – zunächst – anziehen.
Wie ist es bei Ihnen? Fasziniert es Sie, wenn jemand Eigenschaften hat, die Sie selbst nicht haben? Finden Sie es spannend, wenn ein Mann oder eine Frau einmalig ist, anders als die anderen, und damit auch anders als Sie?
Viele Menschen antworten auf diese Fragen mit "ja". Nicht nur Diane Felmlee, auch weitere Wissenschaftler, etwa die Psychologin Elaine Hatfield, haben nachgewiesen, dass Gegensätze eine starke Anziehungskraft auf uns ausüben können. Aber warum?
Der amerikanische Psychologe Arthur Aron hat dazu seine ganz eigene Theorie entwickelt. Jeder Mensch, so der Forscher, ist auf der Suche nach "Selbsterweiterung". Wir wollen ständig Neues kennen lernen. Wir versuchen, unser Wissen, unsere Fähigkeiten, unser Ich, wie Aron es ausdrückt, zu erweitern. Einerseits kann man sein Ich erweitern, indem man hart daran arbeitet. Aber es gibt noch einen viel schöneren Weg, sagt der Psychologe – die Liebe.
Nehmen wir an, Sie interessieren sich seit jeher für Literatur. Sie haben aber nie die Disziplin für die Lektüre aufgebracht. Nun lernen Sie einen neuen Partner kennen, der nichts lieber tut als Bücher zu verschlingen. Plötzlich wird diese Welt auch zu einem Teil Ihrer Welt. Indem Sie sich mit Ihrem Partner austauschen, indem er ein Teil von Ihnen wird, erweitert sich Ihr Ich fast spielerisch.
Umgekehrt ist Ihr Partner, der Bücherwurm, ein Einsiedler. Nur selten kommt er dazu, etwas außerhalb seiner vier Wände zu unternehmen. Genau da sind Sie stark. Sie lieben die Abwechslung. Sie reisen gern. Sie interessieren sich für Museen. Sie haben einen großen Freundeskreis. All das rückt nun automatisch auch in die Welt Ihres Partners.
Sie und Ihr Lebensgefährte ergänzen sich gegenseitig. Für Aron ist diese Selbsterweiterung der Grund dafür, weshalb verliebte Menschen sich so belebt, so bereichert fühlen. Ein Partner gibt uns etwas, das uns fehlt, er macht uns wieder ganz, sagte einst der griechische Philosoph Platon. Er erweitert unser Selbst, sagt der Psychologe Aron.
Gerade aber wenn mein Partner etwas hat, das ich nicht habe, wenn er möglichst anders ist als ich, kann er meine Welt erweitern. Deshalb, sagt Arthur Aron, ziehen sich Gegensätze besonders stark an.
In dieser Theorie liegt durchaus ein Kern von Wahrheit. Doch es gibt ein Problem. Wie schon die Psychologin Felmlee feststellte: Just die verhängnisvolle Anziehung zeichnet sich durch Unterschiede im Charakter aus. In der Befragung der Forscherin war ein Mann von einer Frau fasziniert, weil er das Gefühl hatte, sie sei sein "genauer Gegensatz". Später ging die Beziehung wegen der "zu großen Meinungsverschiedenheiten" in die Brüche.
Gegensätze, so scheint es, können sich zwar anziehen. Meist aber halten sie es nicht lange miteinander aus.
weiter: Gleich und Gleich gesellt sich gern

Bas Kast
geboren 1973, studierte Psychologie und Biologie in Konstanz, Bochum und am MIT in Boston. Er arbeitet als Wissenschaftsredakteur beim "Tagesspiegel" in Berlin.
 |