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Bild: Beiersdorf


Der Dauerseller "Tesa-Film" aus dem Hause Beiersdorf ist eigentlich ein verunglücktes Hansaplast; und auch bei seiner Vermarktung half der Zufall. Eine völlig verrückte Studentenidee beschert ihm sogar eine Zukunft als Datenspeicher.

 

Von Martin Schneider

 

Nivea, Tesa, Hansaplast – Paul Beiersdorf konnte im Jahre 1882 nicht ahnen, dass sein kleines Hamburger Unternehmen zu einem Weltkonzern aufstreben würde, der nicht nur zwei Weltkriege überstehen, sondern bis ins 21.Jahrhundert hinein allen Fusionsverlockungen widerstehen würde. Beiersdorf genießt Weltruf bei Hautpflegemitteln, bei der Wundversorgung und bei Klebebändern. Was sich zunächst nach einer eigentümlichen Melange anhört, hängt historisch eng zusammen; und bei der Herausbildung dieser Produktpalette half der Zufall.

Die Geschichte des Unternehmens beginnt mit einem Patent des Hamburger Apothekers Paul C. Beiersdorf vom 28. März 1882. Darin wird ein von ihm entwickeltes, neuartiges Verfahren zur Herstellung von medizinischen Pflastern beschrieben. Medizinische Pflaster waren seinerzeit noch meilenweit entfernt von den praktischen Heftpflastern unserer Tage. Pflaster waren Wundabdeckungen mit heilenden Ingredienzien, die mittels eines Verbandes auf die Wunde aufgebracht wurden. Paul Beiersdorf versah seinen Pflastermull nun erstmals mit einer Klebstoff-Schicht auf Guttapercha-Basis – das allererste Heftpflaster war geboren – und damit das erste Produkt des Hauses „Beiersdorf“, das man anfangs wohl am ehesten als größere Apotheke bezeichnet hätte.

Im Jahre 1890 übernahm Oskar Troplowitz die Leitung des Laboratoriums von Paul Beiersdorf. Er war ebenfalls Apotheker, hatte aber eine viel deutlicher ausgeprägte unternehmerische Ader als sein Vorgänger. Er erkannte früh, welche langfristigen Chancen in Produkten liegen, die bei der Lösung alltäglicher Probleme wirksam helfen – jenseits von Heftpflastern. Ein wacher – „vorbereiter“ – Geist, der ständig nach neuen Einsatzmöglichkeiten seiner Produkte suchte. Vor allem der geringe Erfolg seines Guttapercha-Pflastermulls machte ihm zu schaffen.

Der Weisheit letzter Schluss war das von seinem Vorgänger Beiersdorf entwickelte Klebepflaster keineswegs, und auch Troplowitz eigene Weiterentwicklungsversuche wiesen zunächst keinen Weg aus dem Dilemma: entweder klebte es nicht richtig, und man musste den Mull zusätzlich mit einem Verband fixieren, oder es klebte derartig, dass beim Abziehen des Pflasters die Haut gleich mit abgelöst wurde. Hautreizungen durch den Klebstoff waren ohnehin eine ständige unangenehme Begleiterscheinungen des Pflasters.

Eine besonders „kontaktfreudige“ Klebstoff-Mischung, auf die er in seinen Labors gestoßen war, brachte Troplowitz auf eine folgenreiche Idee. Er vermarktete sein Produkt als "Sport-Heftpflaster für Radfahrer, Reiter & Touristen“. Cito – so der Name des neuen Wunderprodukts – eigne sich „zum Dichten von Luftreifen und zum Schutzverband von Verletzungen" gleichermaßen. Der wahrhaft geniale Marketingschachzug hatte nur einen kleinen Fehler: als Heftpflaster war das Klebeband wegen seiner reizenden Wirkungen nach wie vor kaum zu gebrauchen. 

Und auch als Fahrradflickzeug und Klebeband hatte Cito nur bescheidenen Erfolg. Immerhin: das ursprünglich als Heftpflaster entwickelte „Lassoband“, wie Cito später genannt wurde, begründete den neuen Beiersdorf-Geschäftszweig der technischen Klebebänder. Was die Pflasterentwicklung angeht, hatte Troplowitz übrigens doch noch Erfolg. Im Jahre 1901 brachte er das erste selbstklebende Pflaster der Welt auf den Markt, das die Haut nicht mehr reizt. Beim „Leukoplast“ hatte er die Klebemasse mit Zinkoxid angereichert, was die negativen Folgen des Klebstoffs ausglich. Und das noch heute erfolgreiche Hansaplast (im Prinzip ein Leukoplast mit Wundauflage) ist seit 1922 auf dem Markt.

Vom Lassoband zum Tesafilm allerdings war es noch ein weiter Weg. 1934 trat der 25jährige Industriekaufmann Hugo Kirchberg aus Eisenach eine Stelle als Industriekaufmann bei Beiersdorf an. Er erkannte sofort, dass die völlig archaischen Vertriebsstrukturen der Firma für den Misserfolg vieler Produkte verantwortlich waren. Vor allem der Vertrieb des Lassobandes war ihm ein Dorn im Auge. Anfertigung und Lieferung erfolgten nur auf Bestellung: Wollte ein Kunde Lassoband kaufen, konnte er keineswegs in die Bürobedarfshandlung um die Ecke gehen.

Er musste seine schriftliche Bestellung an Beiersdorf richten; die Firma handelte daraufhin einen Quadratmeterpreis mit dem Kunden aus und fertigte erst dann das Produkt eigens für ihn, auf seine individuellen Bedürfnisse zugeschnitten, an. Kirchberg erkannte, dass ein solches Vorgehen einer Massenverbreitung, gelinde gesagt,  recht hinderlich war. Er entwarf ein völlig neues Produktions-, Vertriebs und Preismodell für das Klebeband: geliefert und verrechnet werden sollte nach Rollen, die in verschiedener Größe und Breite angeboten werden sollten.

Alles war für den Vertriebsstart der neuen Lassoband-Rollen vorbereitet, da zog der Vorstand die Notbremse: wegen Devisenmangels stand nur unzureichend Gewebe zur Verfügung, Ersatz gab es nicht. Kirchberg verbrachte Tag für Tag im Labor bei den Chemikern, um sich nach dem Stand ihrer Suche nach einem Ersatz zu erkundigen. Doch vergebens – was sie in ihren Reagenzgläsern zusammenkochten, war leider gänzlich ungeeignet, ein anständiges Klebeband abzugeben. In der Not klopfte Kirchberg bei anderen deutschen Chemieunternehmen an – und wurde fündig. Die Wacker-Chemie in München konnte geeignetes Material liefern – spröde Acetatfolie, Cellophan. Statt Klebeband auf Rollen gab es nun Klebefilm. Und den passenden Abroller entwickelte Kirchberg gleich mit. Noch heute orientieren sich die Tesa-Abroller in Form und Funktion an Kirchbergs Ur-Entwurf.

Den Namen „Tesa“ erhielt das Klebeband 1936 – eine Name, der schon Jahrzehnte vorher geschaffen wurde. Er setzt sich zusammen aus der Anfangssilbe des Nach- und der Endsilbe des Vornamens der Beierdorf-Sekretärin Elsa Tesmer, die 1908 für die Firma arbeitete. Warum und wieso die Beierdorf-Strategen seinerzeit gerade einer Sekretärin so viel Ehre zuteil werden ließen, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Jedenfalls ließen sie den Namen „Tesa“ 1908 schützen und benannten eine Patent-Tu be für Zahnpasta danach. Das Projekt wurde zum Flop – ebenso wie der zweite Versuch im Jahre 1926, als der Name einer neuartigen künstlichen Wurstpelle ebenfalls kein Glück am Markt brachte. Kirchberg grub das Warenzeichen in den Beiersdorf-Archiven aus und setzte es gegen den Vorstand durch, der noch die beiden Tesa-Flops ungut in Erinnerung hatte - und zu dem Namen „Pilot“ riet.

Kirchberg hatte zur richtigen Zeit den richtigen Riecher, schuf passende Vertriebsstrukturen und mit dem Abroller das richtige Outfit und - nicht zu vergessen – den eingängigen Namen. Bis zu seiner Pensionierung brachte er noch tesaband, tesakrepp, tesafix und tesamoll auf die Schiene– Produkte, die wohl in jedem Haushalt zu finden sind und die in mehr als 100 Ländern vertrieben werden.Ganz am Anfang jedoch stand das verunglückte Wundpflaster mit dem zu stark klebenden Klebstoff. Seit 1936 hat sich Tesafilm übrigens äußerlich kaum verändert – seine „inneren Werte“ allerdings wurden ständig dem Stand der Technik angepasst.

Während der ersten Jahrzehnte bestand die Trägerfolie – der „Film“ – aus Cellophan, das mit einem Kautschukkleber versehen war – die Verwandtschaft mit dem Guttapercha-Kleber des ersten medizinischen Pflasters von Paul Beiersdorf war unverkennbar. Der Kleber neigte allerdings dazu, nach einiger Zeit schmierig zu werden. In den sechziger Jahren verdrängte PVC-Folie das Cellophan, statt der Klebmasse auf Kautschukbasis kam ein alterungsbeständigerer Akrylatkleber zum Einsatz. Während der Kleber auch heute noch verwendet wird, musste das PVC vor einigen Jahren dem ökologisch unbedenklicheren Polypropylen weichen.

Natürlich versuchten die Chemiker des Hamburger Konzerns ständig, das Produkt zu verbessern. So gelang es ihnen durch eine spezielle Klebstoffmischung, ein besonders transparentes Tesa herzustellen. Das war eigentlich für ästhetisch besonders anspruchsvolle Aufgaben gedacht: der Klebestreifen wird zu einem „Hauch von Nichts“. Verantwortlich dafür ist nicht so sehr die verwendete Folie, sondern der Kleber. Nicht in ihren abwegigsten Träumen hatten sie daran gedacht, dass diese Entwicklung das Zeug zum Datenspeicher der Zukunft haben könnte.

Auch der Mannheimer Physiker Steffen Noehte kam nicht durch intensives Marktstudium auf diese Idee, sondern aus einer Laune heraus. Seit längerem war er auf der Suche nach einem Speichermedium für digitale Hologramme. Sie gelten als Speicherform der Zukunft, da sie große Datenmengen sehr schnell und fehlertolerant speichern können. Noehte und seine Mitarbeiter fahndeten nach geeigneten Kunststoffen, auf denen sich digitale Hologramme abspeichern ließen. Kein Material stellte sie so richtig zufrieden. Doch da lag eine Tesarolle - warum sollte man es nicht mal probieren? Jetzt klappte plötzlich alles auf Anhieb. "Wir wussten eigentlich gar nicht genau, was wir da machten", so Noehte im Rückblick. "Und plötzlich stellten wir fest, dass sich Tesafilm ganz hervorragend dazu eignet, um digitale Hologramme einzuspeichern."

Dass ein solches Allerweltsprodukt wie Tesafilm für eine derartige „High-Tech“-Anwendung taugt, hatte zuvor niemand vermutet. Vor allem die Speicherdichte des Materials verblüffte die Forscher: Immerhin 10 Gigabyte, das ist die Datenmenge von fünfzehn CDs, passen auf eine handelsübliche 10-Meter-Rolle. Konkurrenzprodukte, so hat Stefan Noehte herausgefunden, kleben zwar auch, eignen sich aber nicht als Datenspeicher.

Warum sich ausgerechnet der Tesafilm-Kunststoff so gut zur Datenspeicherung eignet, ist immer noch nicht ganz geklärt. Sicher ist nur, dass der Klebstoff für die Datenspeicherung eine entscheidende Rolle spielt. Dr. Jörn Leiber von Tesa-Hersteller Beiersdorf erklärt, warum: „Wenn man eine Folie einfach aufeinanderwickelt, dann kann man schon nach wenigen Lagen nicht mehr hindurchsehen, weil das Licht an jeder dieser Lagen gebrochen wird. Das lässt sich nur verhindern, wenn man ein Material dazwischen hat, das der Folie ähnlich ist. Und das ist in diesem Falle die Klebmasse.“

Der hochtransparente Kleber wurde ursprünglich entwickelt, damit der Klebefilm möglichst durchsichtig ist. Jetzt sorgt er dafür, dass man auch mit einem Laser sehr gut hindurchstrahlen kann. Und nicht zuletzt hat die Klebmasse auch die Eigenschaft, im Verbund mit der Folie einzelne Schichten zu bilden. „Damit bekomme ich eine Rolle", so Leiber, "die nicht ein Kunststoffblock ist, sondern einen Schichtenaufbau hat. Und damit habe ich so eine Art Vorformatierung, wie ich das beispielsweise auch bei einer Diskette habe, damit ich später beim Beschreiben oder beim Auslesen meine einzelnen Schichten schneller wiederfinden kann."

Der Bedarf für neue Formen der Datenspeicherung jedenfalls ist enorm. Die Menge der produzierten Informationen weltweit explodiert förmlich, Hinzu kommt: das gedruckte Wort verliert zunehmend an Bedeutung. Der Trend geht zu speicherhungrigen Animationen und Videos. Datenspeicher von der Rolle könnten daher zu einem gewaltigen Geschäft werden. Für die Klebeforscher bei Beiersdorf jedenfalls hat sich unvermutet ein völlig neues Geschäftsfeld aufgetan. Ende 2001 gründet die tesa AG gemeinsam mit den Wissenschaftlern die tesa scribos GmbH. Heute bietet das Unternehmens technologische Lösungen zum Fälschungsschutz und zur Produktidentifikation.  

Vom Hansaplast über Lassoband und tesa-Film zur Entwicklung von Datenspeichern – weder Paul C. Beiersdorf noch seine Nachfolger Oskar Troplowitz oder Hugo Kirchberg hätten eine solche Erfolgsgeschichte voraussehen können.

 

 

Martin Schneider

Wissenschaftsjournalist. Nachdem er viele Jahre als freier TV-Journalist Labors und Institute rund um den Globus besucht hatte, übernahm er 1999 die Leitung der Wissenschafts-Redaktion des SWR in Baden-Baden.

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Im Internet:

Tesa-Scribos: Klebefilm als Datenspeicher



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