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Morgenwelt: AIDS in Osteuropa



Draußen vor der Tür



An AIDS erkrankte Strassenkinder in Rußland, Foto: UNICEF

 

Auf der 15. Internationalen Aidskonferenz in Bangkok stehen vor allem Asien und Afrika im Vordergrund. Doch nirgends wächst die HIV-Infektionsrate schneller als direkt vor unserer Haustür: In Osteuropa. Und das könnte uns auch in Deutschland eine neue Infektionswelle bescheren.

 

Von Tobias Bauer

 

Bereits heute zählt Osteuropa zu den Hochprävalenzregionen in Sachen HIV/AIDS (unter Hochprävalenzregion verstehen Epidemiologen ein Gebiet, in dem eine Krankheit in ungewöhnlich hoher Konzentration auftritt). Die geographische Nähe zu diesen Regionen macht sich in Deutschland bemerkbar: Bereits 2002 waren 23% der HIV-Neuinfektionen in Deutschland im Ausland erworben. Auf Nachfrage erläuterte das Robert-Koch-Institut in Berlin, dass es in Migrantengemeinden und binationalen Partnerschaften von einem unverhältnismäßig hohen Übertragungsrisiko ausgeht. Auch durch verstärkte Kontakte mit den neuen Nachbarn der EU wie Russland und der Ukraine wächst das Risiko einer Ansteckung.

Da bisher schon 23% der Neuinfektionen im Ausland erworben wurden, ist damit zu rechnen, dass nach dem Wegfall der Grenzen diese Zahlen weiter ansteigen werden. Nirgendwo auf der Welt breitet sich HIV zurzeit schneller aus als in den Staaten Osteuropas. Nach dem Social Monitor 2003 der UNICEF leben heute schon 1,5 Millionen HIV-Infizierte in den Nationen des ehemaligen Ostblocks. Vor allem durch den Gebrauch harter Drogen und verseuchter Spritzbestecke, die von mehreren Abhängigen geteilt werden, findet das Virus neue Opfer.

Leider können viele Süchtige nur durch Prostitution das nötige Geld für den nächsten Schuss bekommen. Bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr geben sie dadurch den Virus an ihre Kunden weiter, die als westliche Sextouristen auf den Billigstrich in Polen, Tschechien oder Ukraine gehen. Menschenhändler zwingen außerdem hauptsächlich junge osteuropäische Mädchen in die Prostitution in deutschen Bordellen. Seuchenexperten warnen davor, dass durch diese Praxis die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland und Westeuropa sprunghaft ansteigen könne.


Doch es gibt Menschen, die in Deutschland versuchen, etwas gegen die Ausbreitung des HIV-Virus zu tun. Der gemeinnützige Verein Connect Plus arbeitet vor allem in den Ländern Russland und Ukraine an einer Verbesserung der Lage. Frieder Alberth von Connect Plus zieht zwei Konsequenzen aus der Bedrohung, die in Teilen Osteuropas viele Existenzen bedroht.

Erstens muss den Menschen in Deutschland wieder bewusst gemacht werden, dass die Krankheit AIDS noch lange nicht besiegt ist. Leider ist AIDS im Bewusstsein vieler Deutscher nur eine Seuche, die bedauerlicherweise in Afrika wütet. Vor allem die ernste Lage in Osteuropa ist noch längst nicht im Bewusstsein der Bürger angekommen. Dazu kommt, dass es, entgegen vieler Hoffnungen, immer noch kein Medikament zur Heilung der Krankheit gibt. Die verfügbaren Präparate verlängern bisher nur die Lebenserwartung der Infizierten, aber sie können die Krankheit (noch) nicht stoppen.

Zweitens gilt es, unser Wissen über die Krankheit AIDS, über Prävention und Behandlung den Ländern Osteuropas zugänglich zu machen. Vor allem Russland und die Ukraine brauchen hier unsere Hilfe. In Russland wird AIDS bisher noch als Tabuthema betrachtet, es gibt wenig bis keine Aufklärung und Hilfe für Betroffene. Und in der Ukraine sind neuesten Informationen zu Folge bereits 2% der Männer zwischen 16 und 30 mit dem HIV-Virus infiziert (zum Vergleich: In Deutschland sind 0,05% der Gesamtbevölkerung mit dem HIV-Virus infiziert). Die Erfahrung und das Wissen, das sich in Deutschland in den letzten 20 Jahren zu HIV/AIDS angesammelt hat, muss unseren Nachbarn zur Verfügung gestellt werden.

 

weiter: Interview mit Frieder Alberth von Connect Plus e.V.

 

 

 

Tobias Bauer 

studiert Publizistik, Politik und Ethnologie an der Freien Universität Berlin.

Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars für Online-Journalismus im SS 04 an der Freien Universität Berlin, Institut für Publizistik.


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