08.07.2004

Das chinesische Wunder



Foto: Der Transrapid in Shanghai

 

Während Deutschland weiter unter der Wirtschaftsflaute ächzt, blicken viele Unternehmen hoffnungsvoll nach China. Doch der Wirtschaftsboom im Reich der Mitte hat seinen Preis – und den zahlen nicht nur die Chinesen.

Von Dagmar Lorenz

 

Florierende Absatzmärkte, billige Arbeitskräfte, eine märchenhafte Wirtschafts-Wachstumsrate von 9 Prozent allein im Jahr 2003: Das sind Faktoren, die in den Köpfen vieler Manager das Bild  eines fernöstlichen Eldorados erstehen lassen. Während nahezu überall auf der Welt – sei es aufgrund der wirtschaftlichen Flaute, sei es aufgrund der demografischen Entwicklung – die Absatzmärkte für Konsumgüter aller Art schrumpfen, die Bauindustrie stagniert und staatliche Investititonen in die Infrastruktur ausbleiben, herrscht auf dem chinesischen Festland, wie es scheint, das Wirtschaftswunder.

Absatzparadies China

In den prosperierenden Städten an der Ostküste verlangt eine junge, kaufkräftige Schicht karrierebewusster Aufsteiger nach den Annehmlichkeiten des Westens: nach Autos, Handys, neuen Wohnungen, prestigeträchtiger Mode. Immer neue Bürotürme und ganze Stadtviertel werden in der Boomtown Shanghai aus dem Boden gestampft – zum Vorteil der Zementindustrie und der internationalen Architektenbüros. Und auch die chinesische Regierung winkt mit attraktiven Aufträgen.

Ein Großereignis wie die Olympiade 2008 veranlasst die Regierung zu Ausgaben von 3,4 Milliarden US-Dollar für Sportstätten und für die Verbesserung der Infrastruktur in Peking. Ein Konsortium deutscher Firmen soll bereits den Zuschlag für den Bau der Olympiahalle erhalten haben. Deutschland ist übrigens der wichtigste europäische Investor in China – und nach dem Beitritt Chinas zur WTO erhoffen sich deutsche Unternehmen , einer Umfrage der deutschen Handelskammer zufolge, noch eine zusätzliche Verbesserung des Geschäftsklimas.

China verändert den Westen

Immerhin ist China – nach den USA – Deutschlands zweitwichtigster außereuropäischer Handelspartner. Eine solche Dynamik des Wachstums geht immer auch mit weitreichenden gesellschaftlichen Veränderungen einher: Veränderungen, die in den Medien meist nur einseitig im Hinblick auf die Verhältnisse innerhalb Chinas diskutiert werden. „Chinesische Probleme“ wie Landflucht,  Verarmung der ländlichen Bevölkerung,  Arbeitslosigkeit, Vergrößerung der Kluft zwischen den „reichen“ Küstenprovinzen und den „armen“ kargen Landstrichen im Nordwesten werden in westlichen Medien häufig zum Thema.

Dass das „chinesische Wunder“ aber auch auf  die einigermaßen saturierten Gesellschaften des Westens einwirken könnte, bleibt ebenso häufig unerwähnt. Dabei zeichnen sich schon gegenwärtig Veränderungen ab,  deren Tragweite zukünftig auch hierzulande spürbar sein wird:

Veränderungen, die vor allem drei Bereiche betreffen werden:
- die Verfügbarkeit von Energie und Rohstoffen,
- die Standorte für Schlüsselindustrien,
- den Arbeitsmarkt für Hochqualifizierte.

Globalisierte Mangelwirtschaft

Wer aufmerksam die Wirtschaftspresse verfolgt, den wird folgende Nachricht kaum überraschen: die Weltmarktpreise für Energie und Rohstoffe steigen unaufhörlich  – und alle Indizien deuten darauf hin, dass sich die Situation in Zukunft noch verschärfen wird. Ob Eisenerz, Kupfer, Blei, Zinn, Nickel, oder Koks: All diese Stoffe werden von der rasant wachsenden Industrie Chinas dringend benötigt – und daher zu nahezu jedem Preis eingekauft. Allein die Weltmaktpreise für Kohle haben sich seit Juli 2002 verdoppelt. Und die Preise für Koks (das zum größten Teil in China produziert wird) haben sich, so berichtet die FAZ, seit Januar 2000 gar verachtfacht.

Die Folge: Trotz gefüllter Auftragsbücher werden die Gewinne der Schwerindustrie bescheiden ausfallen. Schon wird von Stahlwerken berichtet, die wegen Rohstoffmangels ihre Produktion drosseln, Mitarbeiter entlassen. Stahl selbst ist inzwischen zur teuren Mangelware geworden – und dies hat vor allem Auswirkungen auf kleinere Hersteller- oder Zulieferfirmen, denen – im Gegensatz etwa zu den großen Automobilherstellern – die Marktmacht fehlt, mit den Stahl-Lieferanten langfristige Lieferverträge auszuhandeln.

 Einem Bericht in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ zufolge, sollen chinesische Firmen sogar staatliche Subventionen für Kupferschrott-Importe kassieren: Faktoren, die der globalen Teuerung zusätzlich Vorschub leisten – und möglicherweise sogar dazu führen, dass die wirtschaftliche Stagnation in Europa anhält.
Dazu tragen dann sicherlich auch die gestiegenen Energiekosten bei. Denn eine aufstrebende Industrie benötigt vor allem dringend Strom – und der wird in den Boomregionen Chinas ebenfalls immer knapper.

Die Folge: Aufgrund der enormen Nachfrage, der ständig steigenden Energiepreise auf dem Weltmarkt, wird der Strompreis auch in Deutschland für Industrie und Privatverbraucher weiter steigen.

China - obligatorisch

Dass Globalisierung auch für westliche Marktteilnehmer nicht zum Nulltarif zu haben ist, erfahren auch immer mehr kleinere und mittelständische Firmen. „Es kann durchaus sein, dass Ihre Kunden von Ihnen fordern, in China zu investieren, oder dort produzieren zu lassen“, äußerte Jörg Wuttke, BASF-Chefvertreter in Peking und Vorsitzender der deutschen Handelskammer in China., anlässlich einer IHK-Veranstaltung in Frankfurt.

Und in der Tat: Mit den westlichen Großunternehmen haben sich längst auch deren Zulieferer in China niedergelassen. Denn die Großkunden verlangen nicht nur nach Produkten, die – aufgrund der niedrigen Lohnkosten - möglichst preisgünstig gefertigt und „just in time“ (und ohne hohe Importkosten) geliefert werden können, sondern legen vor allem Wert darauf, dass ihre Zulieferer vor Ort erreichbar sind.

Auch Unternehmen, die traditionell im „B2B“-Bereich tätig sind, wie etwa das Darmstädter Messtechnik-Unternehmen HBM,  haben längst erkannt, dass sich der eigene Markt zunehmend nach China verlagert hat: „Unser Ziel war nicht, dort eine billige Produktion zu haben“, erklärt der vorsitzende HBM-Geschäftsführer Michael Altwein. Seinem Unternehmen sei es vielmehr darum zu tun, von China aus „unser Geschäft in Asien zu steuern, mit Sachwissen auszustatten, so dass wir immer weniger Dienstleistungen von Europa aus erbringen müssen“.

Globalisierte High-Tech-Jobs

HBM hat sich im Industriegebiet von Suzhou mit einer eigenen Dependence niedergelassen: in der Nachbarschaft seiner internationalen Firmenkunden, die es mit hochwertiger Messtechnik versorgt. Ein solches Konzept ist weit entfernt vom altbekannten Prinzip der verlängerten Werkbank zu Dumpinglöhnen. High-tech-Firmen wie „Hottinger und Baldwin“ produzieren Qualitätsprodukte, die ständige Entwicklungsarbeit auf hohem technischen Niveau erfordern: Arbeit, die nur von gut ausgebildeten Technikern und Ingenieuren geleistet werden kann.

Und es sind zunehmend chinesische Ingenieure, die hier ihren Platz finden: junge, hervorragend ausgebildete Männer und Frauen, die entweder an chinesischen Elite-Universitäten wie der Tongji-Universität in Shanghai, oder gar gleich im westlichen Ausland studiert haben, danach verantwortliche Positionen im Forschungs- und Entwicklungsbereich westlicher Firmenniederlassungen in China bekleiden – und damit Vakanzen besetzen, die bis vor wenigen Jahren noch die traditionelle „Domäne“ westlicher Ingenieure bildeten.

Rollen-Dynamik

Die Globalisierung des Arbeitsmarktes findet also keineswegs nur auf dem Billiglohnsektor statt, sie ist zudem keine Einbahnstraße zur Förderung westlicher Bequemlichkeiten. Insbesondere in Deutschland sollte man dies erkennen: So wünschenswert die von zahlreichen
Politikern hierzulande immer wieder angemahnte Bildungs- und Qualifizierungsoffensive sein mag: Sie wird nicht das Zaubermittel sein, das die hohe Sockel-Arbeitslosigkeit in Deutschland beseitigt.

Arbeitslosigkeit wird künftig auch das Lebensschicksal von Hochqualifizierten in den vermeintlich „zukunftsträchtigen“ technischen Berufen bestimmen. Das Beispiel „China“ zeigt, dass die Rollenverteilung zwischen den wirtschaftlich aufstrebenden Teilen dieser Welt und den vermeintlich „reichen“ Nationen keineswegs für alle Zeiten festgelegt ist. Wirtschaftliche Dynamik zeichnet sich eben durch prinzipielle Offenheit der Risikoverteilung aus. Solch nüchterne Einsicht wäre hierzulande so manchem Politiker und Verbandsvorsitzendem zu wünschen.

 

 

 

Dr. Dagmar Lorenz

Journalistin, Redakteurin und Sinologin - mit einem Faible für interkulturelle Themen (China), Medien, Geschichte und Literatur. Ihre Tätigkeit für den Hörfunk, diverse Zeitschriften und Online-Redaktionen unterbricht sie manchmal, um ein Buch zu schreiben, oder einen workshop zu leiten. Website: www.dlorenz.de


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