Teletubbies und Power Ranger
Führt die Flimmerkiste bei Kindern früher oder später automatisch zu Neurosen? Bekommen unsere Kleinen "viereckige Augen"? Oder lassen sich Kinderkanal und Co sogar positive Seiten abgewinnen?
von Kristina Brümmer
Rund um die Uhr laufen irgendwo im deutschsprachigen Fernsehen Sendungen und Serien "für Kinder", das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) hat im Jahr 2002 mehr als 300 Stunden Kinderprogramm pro Woche gezählt.
Laut Prof. Dr. Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, sehen Kinder und Jugendliche in Deutschland wochentags durchschnittlich zweieinhalb Stunden und am Wochenende rund drei Stunden fern. Damit verbringt der Nachwuchs Alles in Allem nicht nur mehr Zeit vor dem Fernseher als in der Schule, sondern hängt nach Ansicht vieler Experten auch viel zu lange vor der Glotze fest.
"Wieviel Fernsehen pro Tag für Kinder zu empfehlen ist, lässt sich nicht so einfach generalisieren, das hängt vom Alter und von den gesehenen Inhalten ab," sagt Prof. Dr. Ludwig J. Issing, Professor für Medienpsychologie und Medienpädagogik an der Freien Universität Berlin. "Dreijährige sollten aber auf jeden Fall nicht mehr als 30 Minuten täglich vor dem Fernseher sitzen."
Der Kinder- und Jugendarzt und -psychiater Dr. Nikolaus von Hofacker rät sogar, Kinder bis zwei, am Besten bis drei Jahre, gar nicht fernsehen zu lassen. Er beruft sich dabei auf eine Studie der American Academy of Pediatrics (AAP), nach der Kleinkinder für eine gesunde Hirnreifung und die Entwicklung ihrer sozialen, emotionalen und kognitiven Fähigkeiten unbedingt auf direkte Erfahrungen im Umgang mit echten Menschen angewiesen sind. Beim Anschauen bestimmter Sendungen, wie zum Beispiel der "Teletubbies", würden Zwei- bis Dreijährige häufig versuchen, auch mit diesen zu kommunizieren und zu interagieren, die Nicht-Reaktion der Fernsehfiguren würde dann aber zu Verwirrung bei den Kindern führen.
Auf der anderen Seite lassen sich aber auch positive Aspekte eines begrenzten und verantwortungsvollen Fernsehkonsums schon im Kleinkindalter finden. So erkennt etwa Prof. Dr. Issing auch eine nützliche Wirkung, wenn kleine Kinder fernsehen. Das Anschauen der sich schnell bewegenden bunten Bilder kann die Entwicklung der Sinnesorgane und deren Koordination fördern. Das hat laut Issing einen ähnlichen Effekt wie ein Mobile, das sich das Kind anschaut.
Die Befürchtung, Fernsehen könne bei kleinen Kindern zu einem erhöhten Agressionspotential führen, hält er für unbegründet. Dreijährige würden die Inhalte der meisten Fernsehsendungen (abgesehen von Kindersendungen, die bewusst langsam aufgebaut und geschnitten sind) aufgrund der viel zu hohen Geschwindigkeit sowieso nicht verstehen, für sie besteht Fernsehen nur aus bunten Bildern. Die wirkliche Gefahr sieht Issing eher darin, dass der Fernseher allzu oft als elektronischer Babysitter benutzt wird. Hier besteht das Risiko, dass das Kind sich an die ständig laufende Beschäftigungsmaschine gewöhnt, was später zu Konzentrationsschwierigkeiten führen kann.
Aus diesem Grund sei es, so Issing, sinnvoll, Kinder schon früh daran zu gewöhnen, gezielt fernzusehen. Nachdem eine vorher zwischen Eltern und Kind vereinbarte Sendung zu Ende ist, sollte der Fernseher ohne Wenn und Aber auch wieder ausgeschaltet werden. Außerdem rät er den Eltern, möglichst oft mit ihren Sprösslingen zusammen fernzusehen. Auf diese Weise könne das Gesehene anschließend besprochen werden und Dinge, die das Kind nicht oder falsch verstanden hat, geklärt werden.
Dr. Hofacker geht auch hier noch ein Stück weiter und rät Eltern, sich die Kindersendungen vorher anzusehen und sie dann auf Video aufzunehmen. Abgesehen davon, dass das Kind so wirklich nur das sieht, was es sehen soll, bestehe damit auch die Möglichkeit, den Film jederzeit anzuhalten und direkt einzelne Szenen zu erörtern.
Einig sind sich die Experten darüber, dass, einmal ganz abgesehen von den Inhalten, ein überhöhter Fernsehkonsum zu Schäden in der körperlichen Entwicklung von Kindern und zu Übergewicht aufgrund von mangelnder Bewegung führen kann (dies übrigens auch bei Erwachsenen).
Gegen einen maßvollen und von den Eltern positiv beeinflussten Umgang mit dem Medium lässt sich aber auch nach Dr. Hofackers Ansicht nichts einwenden:
"Ein Kleinkind, das in seinem Alltag gelegentlich zusammen mit seinen Eltern die "Teletubbies" ansieht, daneben aber eine Vielzahl anderer Erfahrungen mit den Eltern, Geschwistern und/oder anderen Kindern in unterschiedlichen Situationen machen kann, wird durch solch ein begrenztes Fernsehen keine nachteiligen Folgen erleiden."
Kristina Brümmer
studiert Publizistik, Psychologie und Ethnologie an der Freien Universität Berlin
Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars für Online-Journalismus im SS 04 an der Freien Universität Berlin, Inst. f. Publizistik.
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