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14.06.2004

Smarte Chips für die Warenwelt



RFID-Chip / Bild: The Kennedy Group

 

Elektronischer Produktcode und die Funkübertragung per Chip werden Logistik und Konsumgüter- industrie verändern. Der technische Aufwand ist enorm - die Privatsphäre der Kunden steht zur Disposition.

von
Jörg Auf dem Hövel

 

Die Idee für den elektronischen Produktcode (EPC) entstand 1999 in der  Hightech-Schmiede Amerikas, dem MIT (Massachusetts Institute of  Technology). Das Ziel ist der Aufbau eines Systems, das jedem auf dem  Globus gefertigten Produkt eine eindeutig identifizierbare Nummer zuordnet.  Egal ob ein deutsches Automobil,  Turnschuhe aus Vietnam oder eine  Getränkedose aus Australien - jedes dieser Produkte soll einen  individuellen Code erhalten.

Gespeichert wird dieser Code in einem oft nur  wenige Millimeter großen RFID-Chip (Radio Frequency Identification).  Dieser, auch Transponder genannt, ist in der Lage ohne Batterie und  berührungslos per Funk den Code an entsprechende Lesegeräte zu übertragen.  Der Informationsinhalt des 64 oder 96 Bit langen Codes ist variabel,  beinhaltet aber zumindest Rahmendaten wie den Hersteller, die Objektklasse  und eine Seriennummer.

Smarte Chips für das Lager

Die auch "Smart-Tags" genannten Sender sind so klein, dass sie in  Preisetiketten oder sogar im Produkt selbst angebracht werden können. Der  Vorteil gegenüber dem heute eingesetzten Barcode liegt auf der Hand: dieser  wird per Scanner eingelesen, wozu aber meist Handarbeit notwendig ist.  Stecken die Waren in großen Gebinden oder Containern lohnt die Zerlegung  der Ladung nicht, Schwund wird in Kauf genommen.

Fährt dagegen eine Palette  mit RFID-Transponder durch eine Antennenschleuse, wird binnen Sekunden  jedes Produkt registriert. Doch damit sind die technischen Möglichkeiten  von RFID und EPC längst nicht ausgeschöpft, in den Vorstellungen der  Handelskonzerne entstehen durchstrukturierte und hochkontrollierbare  Warenwelten.

Ihr Ziel ist es zu jeder Zeit zu wissen, wo und in welchem Zustand sich  jedes Produkt in der Warenkette befindet. Noch sind RFID-Chips mit rund 50  Cent für den Masseneinsatz viel zu teuer, was sich voraussichtlich erst in  rund fünf Jahren ändern wird. Zunächst wird sich RFID, da sind sich die  Experten einig, an Fahrzeugen und großen Transportverpackungen durchsetzen. 

"Bei der Verfolgung von Ladeeinheiten mithilfe von RFID dürfte es innerhalb  der nächsten fünf Jahre zu einer nennenswerten Durchdringung kommen", sagt  Winfried Krieger, Professor für Logistik und E-Business an der  Fachhochschule Flensburg. Hierbei sei der Vorteil, so Krieger, dass die  teuren RFID-Transponder nach Gebrauch zum Lieferanten zurückgesandt werden  könnten, um dort erneut beschrieben zu werden.

Auch die Auswirkungen auf die Lagerprozesse seien frappant, meint Krieger.  Bei der Anlieferung könne sofort kontrolliert werden, ob die Ware mit der  Bestellung übereinstimme, im IT-System sei jederzeit genau vermerkt, welche  Produkte sich zu welchem Zeitpunkt an welcher Stelle im Lager befänden und  komplexe Kommissionierungsvorgänge würden enorm vereinfacht.

Der zweite Schritt: Die Verbraucher

Erst in einem zweiten Schritt werden sich RFID und das damit zusammen  hängende EPC-System auf Artikel- und damit auf Endverbraucherebene  durchsetzen. Dann soll die Inventur in Echtzeit möglich sein und der  gefürchtete Satz des Verkäufers: "das haben wir gerade nicht auf Lager"  soll der Vergangenheit angehören. Die Haltbarkeit des Frischkäses funkt  dieser höchstselbst an den Manager, der diesen dann unter Umständen als  Sonderangebot neu positionieren lassen kann.

Manche Pläne gehen noch  weiter: Transponder an Medikamenten-Verpackungen sollen dem Patienten  zukünftig Einsatzgebiet und Kontraindikationen mitteilen und der Reader in  der Waschmaschine wird darauf hinweisen, dass die weißen RFID-bestückten  Hemden und die roten Socken besser nicht zusammen gewaschen werden sollten.  Dem Endkunden könnten über die Etiketten auch Hinweise auf die korrekte  Entsorgung des Produkts gegeben werden. Um alle diese Anwendungen zu  realisieren, müsste das RFID aber dauerhaft am oder im Produkt verbleiben  und wäre von daher mit geeigneter Hardware immer und für jeden auslesbar.

Die Kaufhof AG prüfte jüngst in einem Praxistest ein neues Lagersystem, bei  welchem die Fabrikate des Textilherstellers Gerry Weber mit RFID-Tags  ausgestattet waren. Der Test verlief, nach Angabe von Gerd vom Bögel vom  Fraunhofer-Institut für Mikroelektronische Schaltungen, das den  Praxis-Einsatz wissenschaftlich begleitete, "für alle Beteiligten sehr  zufrieden stellend". Der Serieneinsatz sei für Anfang 2005 geplant, mit  Chips, die nur die Identifikation und keine weiteren Produktdaten  enthalten. Da die smarten Etiketten zurzeit noch rund 50 Cent pro Stück  kosten, würden sie an der Kasse entfernt und zurück in den Prozess gelotst.  Über eine interne Datenbank sollen dann neben Kaufhof auch Hersteller, und  Spediteur Zugriff auf die Daten erhalten, die den genauen Stand des  Warenflusses anzeigen.

Perfekte Kundenbindung

Spätestens wenn die RFID-Etiketten vom Lager in den Verkaufsraum gelangen,  stellt sich für Hersteller und Händler die Frage, ob und wie der  Endverbraucher an die elektronische Warenkette mit angeschlossen werden  soll. Einen ersten Versuch des kundennahen Einsatzes der Antennen-Chips  führt die Metro Group durch. Der weltweit fünftgrößte Handelskonzern sieht  enormes Potenzial in RFID und evaluiert dies in seinem "Future-Store" in  der Nähe von Duisburg. Waren auf über 4000 Quadratmetern Verkaufsfläche  funken hier ihren Daten auf das Display des Einkaufswagens und auch zum  Management auf den Schreibtisch.

Mithilfe der Transponder lässt sich auch erkennen, wie lange ein Kunde ein  Produkt in der Hand hält und wie oft ein Artikel zurückgestellt wird. Und:  Die RFID-Sender sitzen auch in den Einkaufswagen selbst. So kann der  Future-Store messen, wie lange ein Käufer im Laden bleibt. Obwohl die damit  erhobenen Daten anonym sind, sehen einige Datenschützer schon hier einen  weiteren Schritt in Richtung des "gläsernen Kunden" getan. Damit aber nicht  genug: Datenschutzexperten vom FoeBuD (Verein zur Förderung des  öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs) fanden im Februar in  den Kundenkarten des Future Shops implementierte RFID-Chips.

Damit war ein  Horror-Szenario der Privatsphären-Apologeten Realität geworden: Das  Einkaufsverhalten jedes Kartenbesitzers lässt sich ohne sein Wissen genau  studieren. Denn nicht nur die Produkte selbst funken ihre Identifikation,  ihre Beschaffenheit und ihren Standort im Geschäft an die Empfänger, mehr  noch, diese Daten lassen sich mit dem dazugehörigen Einkäufer auch  verknüpfen. Es hagelte Proteste, die Metro teilte daraufhin mit, das über  10.000 Payback-Kundenkarten ausgetauscht werden können. Metro-Sprecher  Albrecht von Truchseß begründete den Rückzug damit, dass das Thema "zu sehr  emotionalisiert" worden sei.

Der Laden der Zukunft

Aber auch Experten, die den Datenschutz nicht für das vorrangige Problem  beim Einsatz von RFID halten, geben zu bedenken, dass die Erfassung von  Produkt- und Kundenbewegungen im Verkaufsraum für die Marketingabteilungen  der Konzerne viel zu reizvoll sind, als dass sie diese Chance vorüberziehen  lassen werden. Winfried Krieger nennt dies vorsichtig "den Vorteil der  Planungssicherheit, der sich aus den erfassten Informationen ergibt".  Krieger sagt weitere massive Proteste gegen RFID voraus, wenn die  betroffenen Firmen ihre RFID-Konzepte für den Endkundenbereich nicht besser  öffentlich vermitteln.

Kern des Problems ist der auch außerhalb des Ladens funkende Chip. Bleibt  nämlich der RFID-Chip nach dem Einkauf aktiv, kann die gekaufte Ware auch  außerhalb des Ladens noch einmal gescannt werden. Das ergibt nicht nur  verbesserte Auswahlchancen für Taschendiebe, sondern gibt auch dem  benachbarten Kaufhaus die Möglichkeit, nach dem Scanvorgang am Eingang  seine Werbung im Verkaufsraum gezielt auf den neuen Kunden abzurichten.  "Sie haben Wiener Würstchen erworben? Fehlt Ihnen vielleicht unser Senf dazu?"

Der Future-Store bietet seinen Kunden mittlerweile die Möglichkeit den Chip  am Ausgang zu deaktivieren. Doch auch hier entdeckten die Datenschützer  einen Pferdefuß: Es wurden nicht alle Daten auf dem Chip gelöscht, die  weltweit eindeutige ID blieb erhalten.

Aus den USA kommt jetzt der erste Gesetzesvorschlag, der den Einsatz der  RFIDs regeln und die Privatsphäre schützen soll. Die von der demokratischen  Abgeordneten Debra Bowen als "Senate Bill 1834" eingebrachte Vorlage soll  für alle Firmen und Behörden gelten, welche die Technologie einsetzen. Der  Vorschlag sieht vor, dass die Besucher einer Einrichtung über den Einsatz  von RFIDs informiert und diesem ausdrücklich zustimmen müssen. Bei  Verlassen eines Ladens müssten die Tags entfernt oder zerstört werden.

Auf kurze Distanz

Noch sind es weniger die Datenschützer, die einem Big-Brother Szenario im  Weg stehen, sondern die Physik: Die in Europa üblichen Chips funken auf  einer Frequenz von 13,56 Megahertz, die dazugehörigen Hand-Lesegeräte  können Signale aus maximal 20 Zentimetern empfangen. "Stationäre Antennen  kommen auf 60 Zentimeter und erst die großen, heute nur an Lagereingängen  eingesetzten Gate-Antennen erfassen RFID-Etiketten in bis zu 2 Meter  Entfernung", erklärt Gerd vom Bögel vom Fraunhofer Institut. Sind die  Transponder aber von Metall umgeben, dringen die Signale nicht bis zur  Antenne durch. Auch Flüssigkeiten bremsen die Übertragung. "Dazu kommt", so  vom Bögel, "dass zwei Transponder nicht genau aufeinander liegen dürfen,  denn dann kommt es zu Funk-Kollisionen".

Trotz technischer und sozialer Herausforderungen will die Metro RFID  möglichst bald entlang der gesamten Prozesskette einsetzen. Schon ab  November 2004 sollen die rund 100 größten Lieferanten ihre Paletten und  Transportverpackungen für zehn Zentrallager und 250 Märkte mit  RFID-Etiketten versehen. Der US-Handelsgigant Wal-Mart verpflichtete jüngst  seine 125 größten Zulieferer zur Implementierung von RFID bis 2005. Die  betroffenen Hersteller müssen beachtlich investieren: Wie die Marktforscher  von AMR-Research errechneten, ergeben sich für einen Wal-Mart-Lieferanten  Kosten zwischen 13 und 23 Millionen US-Dollar bei der Einführung von RFID,  wobei die eine Hälfte für die Bereitstellung der Funketiketten und Reader,  die andere Hälfte für das Redesign der IT-gestützten Warenkette anfällt. 

Ungeheure Datenmengen

Wie genau diese Investitionen auf die Teilnehmer verteilt werden, ist noch  unklar, damit aber das "Return on Investment" möglichst flink erfolgt  nehmen Analysten und Logistik-Experten die Lieferanten ins Gebet. "Mit RFID  fallen ungeheure Datenmengen an und die meisten Unternehmen wissen noch gar  nicht, wie sie diese Daten in verwertbare Informationen transferieren",  bemerkt James Weir vom Analystenhaus IDC.

Mittlerweile liest sich die Allianz der RFID-Unterstützer wie das "Who is  Who" der Global-Player. Hardware-Hersteller wie Texas Instruments,  Handelskonzerne, Speditionen und Händler zeigen sich gleichermaßen  überzeugt, dass die funkenden Chips Logistik und Warenbestandshaltung  revolutionieren werden. Um den Masseneinsatz zu ermöglichen will  Chiphersteller Infineon die Herstellungskosten für die Chips schnell  drücken, und Siemens eröffnet noch dieses Jahr zusammen mit Intel ein  "RFID-Technology Center" in der Nähe von München.

Softwarehäuser  entwickeln zurzeit die nötige Software zur Verwaltung der Datenmengen, die  durch das Einscannen und Weitergeben der RFID-Daten entstehen. SAP bietet  Middleware an, und auch Microsoft plant nach eigenen Angaben die  Integration von Transponder-Daten in ihr Warehouse Management System.

Die Organisation "EPCglobal", Gralshüter der Normierungs-Architektur hinter  EPC, denkt schon weiter. Sie bietet eine einheitliche Infrastruktur für die  per RFID erhobenen Daten und hat für den neuen Standard schon jetzt die  wichtigsten internationalen Unternehmen im Boot. Ihr Vorteil: Es ist kein  Konkurrenz-Standard in Sicht, zudem spielen die funkenden Chips ihre  größten Vorteile nur dann aus, wenn die für den jeweiligen Teilnehmer in  der Warenkette relevanten Informationen über das Produkt jederzeit abrufbar  sind.

Der Chip selbst fasst nur wenige Informationen, er verweist aber auf  eine dahinter liegende Datenbank. Diese soll dezentral als EPC-Netzwerk  aufgebaut werden. Zurzeit entwickelt die als Internet-Domainverwalter  bekannte Firma VeriSign im Auftrag von EPCglobal dieses weltweite Netzwerk.  Die Struktur dieses weltweit erreichbaren Verzeichnisdienstes lehnt sich  dabei an das aus dem Internet bekannte DNS (Domain Name System) an.

Die Änderungshäufigkeit der Daten spricht dagegen, diese jedes Mal, wenn  sich der Lagerort ändert, an den Geschäftspartner zu übertragen. Was beim  Barcode noch funktionierte, soll sich beim EPC grundlegend ändern. Jeder  der Beteiligten hält seine Daten in seinem System, erlaubt jedoch  autorisierte Zugriffe durch seine Partner. Die auf XML basierenden  Metasprache PML (Physical Markup Language) soll plattformübergreifend für  ein gemeinsames Datenbankformat sorgen.

Die Grundelemente für den  weltweiten RFID-Datenaustausch stehen damit bereits fest. Und mit dem  Aufweichen der Insellösungen einzelner Firmen und Konzerne wächst neben den  Möglichkeiten der Warenkontrolle auch das Potenzial zur Kontrolle des  Kaufverhaltens der Konsumenten. EPCglobal hat bereits reagiert und in ihren  Datenschutzrichtlinen verankert, dass Käufer von RFID-Produkten stets  darüber informiert werden sollen, dass sie die Möglichkeit haben die Tags  außer Funktion zu setzen oder sie abzutrennen.

 

 

Dr. Jörg Auf dem Hövel

Wissenschaftsjournalist, schreibt u.a. für FAZ und telepolis und lebt als Freier Autor zur Zeit im Alpenvorland. Promovierte über die "Politisierung der Verwaltung", hängt seit Jahren am Netz der Netze, strickt es mit und berichtet über die Wechselwirkung von Technik und Gesellschaft.

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Im Internet:

ZDNet: RFDI: Vom Hintergrund bis hin zur konkreten Anwendung.




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