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26.07.2004

Glaubst Du an mich? Ich heile Dich!



Copyright: Bastyr-University

 

Die Geschichte des Placebo-Effektes ist so alt wie die Medizin selbst. In allen Kulturkreisen und Epochen behandelten Ärzte ihre Patienten mit Methoden, deren Wert nicht wissenschaftlich zu beweisen ist.

 

von Bettina Sauer

 

Eigentlich dürften sie gar nicht wirken - jene Tabletten ohne Wirkstoff, die nur aus Füllstoffen wie Milchzucker und Stärke bestehen. Sie tun es trotzdem. Warum? Welche Rolle spielen Tropfen, Akupunkturnadeln oder chirurgische Eingriffe, die Krankheitssymptome nicht beeinflussen, dem Patienten aber trotzdem helfen?

Der Placebo-Effekt gelangte wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit, als Stefan Willich von der Berliner Charite Ende 2003 den Zwischenstand der bislang größten Akupunktur-Studie der Welt veröffentlichte. 250 000 Patienten mit Kopf-, Rücken- und Gelenkschmerzen hatten im Zuge des dreijährigen Projektes ihre Schmerzzustände in Fragebögen bewertet. Die Hälfte der Patienten bekam nur ihre herkömmliche Schmerztherapie, die andere Hälfte wurde zusätzlich akupunktiert. 90 Prozent der Akupunkturgruppe gab an, weniger Schmerzen zu haben, bei der Hälfte der Patienten nahmen Migränebeschwerden sogar um 50 Prozent ab.

Alles nur Placebo? Münchener Forscher unter der Leitung von Dieter Melchart haben 500 Patienten der Charite-Großstudie an den anerkannten Akupunkturpunkten genadelt, 500 andere an unwirksamen Punkten. Zum Erstaunen der Forscher berichtete die zweite Gruppe ebenfalls von einem Rückgang der Schmerzen.

Zu ähnlichen Ergebnissen gelangte auch Konrad Streitberger aus Heidelberg. Er behandelte die Hälfte seiner Patienten mit Akupunkturnadeln, die nur vortäuschten, in die Haut einzudringen. In Wirklichkeit schoben sie sich teleskopartig zusammen. Diese Therapie wirkte bei 68 Prozent seiner Patienten, die „richtige“ Akupunktur bei 72 Prozent. Doch Streitberger stellt klar, dass Placebos auch zur Wirken von Aspirin, Antibiotika und Co beitragen. Die Daten der Shapiros lassen vermuten, dass jede schulmedizinische Therapie zu ein bis zwei Drittel auf Hoffnungen zurück geht, die daran geknüpft sind.

Besonders groß ist die Wirkung, wenn der Placebo nach besonders starker Medizin aussieht, etwa einem Chirurgiebesteck. Bei Angina pectoris sind die Herzkranzgefäße schlecht durchblutet und verursachen rasende Schmerzen im Brustraum. 70 bis 90 Prozent der Patienten ging es besser, als Chirurgen um A. Cobb in Kansas ihnen 1959 eine Arterie abklemmten, die gar nichts mit der Herzversorgung zu tun hat. 1996 haben Forscher um J. Mosely in Houston, Texas festgestellt, dass ein Schnitt in die Haut, weit oberhalb des Entzündungsherdes, bei Arthritis-Patienten genauso schmerzlindernd wirkte wie eine tiefe Operation.

Fabrizio Benedetti und seine Kollegen von der Universität Turin beschäftigen sich seit Jahren mit Placebo-Effekten. „Der Patient muss unbedingt mitkriegen, dass es behandelt wird“, stellt Benedetti klar, „er muss also zum Beispiel eine Infusion in seinem Arm verschwinden sehen und gesagt bekommen, da sei ein Schmerzmittel drin.“ Wenn die Forscher den Placebo hingegen im Schlauch für die künstliche Ernährung versteckten, fühlten sich nur wenige Patienten besser.

Benedetti konnte außerdem beweisen, dass die Hoffnung auf Heilung zu Änderungen im Gehirn führt. Es werden vermehrt Endorphine ausgeschüttet. Sie binden an Rezeptoren im schmerzleitenden Nervensystem und senken dessen Aktivität. Das Großhirn nimmt keine Reize wahr, der Mensch keinen Schmerz.

Die Vorfreude auf einen Placebo hat also denselben Effekt wie der Schmerzstiller Morphium, der auch an Endorphin-Rezeptoren bindet und die Schmerzleitung zum Großhirn unterdrückt. Um die Annahme zu bestätigen, verabreichte Benedetti den Schmerzpatienten heimlich Naloxon, das die Endorphin-Rezeptoren blockiert. Anschließend blieben die Placebos bei den meisten Patienten ohne Wirkung.

Die dänischen Forscher Peter Gotzsche und Asbjorn Hrobartsson haben 2003 alle bekannten 114 Untersuchungen an Placebos zusammen gefasst, ausgewertet und gezeigt, dass Placebos nur gegen Schmerzen wirksam seien, andere Krankheitssymptome aber nicht linderten.

Allerdings haben die meisten Studien nicht den Effekt von Placebos auf das Immunsystem betrachtet, die eingedrungene Bakterien und Viren bekämpfen. Jamieson konnte 1996 nachweisen, dass eine Endorphin-Freisetzung bestimmte Immunzellen, die T-Zellen, aktiviert. Auch Streitberger vermutet durch seine Erfahrungen mit der Placebo-Akupunktur, dass die Selbstheilungskräfte des Menschen steigen, wenn er auf einen Heilerfolg hofft.

Dafür spricht auch die neueste Studie aus den USA: Mediziner vom Penn State Children's Hospital in Hersheyin hatten in einer umfangreichen Studie  herausgefunden, dass Placebos bei Kindern ebenso gut wie ein Hustensaft wirken. Sie verbesserten den Schlaf und reduzierten die Häufigkeit nächtlicher Hustenanfälle im gleichen Maße wie Saft mit häufig eingesetzten Wirkstoffen.

Ärzte können aus der Placebo-Forschung eine Menge lernen. Das bekräftigt auch Michael Harrer, ehemals Wissenschaftler an der Freien Universität Berlin, der Fakten zu alternativen Heilmethoden in einer großen Datenbank archiviert. Der besondere Wert der alternativen Medizin sei, dass die Ärzte sich viel Zeit nähmen und nicht nur den Krankheitszeichen, sondern dem körperlichen und seelischen Befinden des Patienten auf den Grund gingen.

Diese intensive und hoffnungsweckende Betreuung stärke die Selbstheilungskräfte. Umgekehrt übertrügen sich Gedanken wie „Dieser Patient hat ein rein psychisches Problem“, „Hilft ja sowieso nichts“ oder „Hätte ich mir doch einen anderen Beruf ausgesucht“. Ein mutloser Patient aber entwickelt umgekehrte Placebo-Effekte. Für gute Heilerfolge sollten sich Ärzte demnach intensiv auf ihre Patienten einlassen und selbst dem Namen „Placebo“ gerecht werden, zu deutsch „Ich gefalle dir“.

 

Dr. Bettina Sauer

ist Apothekerin und studiert an der Freien Universität Berlin Wissenschaftsjournalismus.

Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars für Online-Journalismus im SS 04 an der Freien Universität Berlin, Inst. f. Publizistik.

 

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Im Internet

Quarks & Co (WDR): Placebo oder die Kraft des Glaubens

 

Literatur





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