Pyramide versus Kreis



Quelle: Deutsche Gesellschaft für Ernährung

 

Jeder kennt sie: Ernährungstipps, die heute auf Packungen mit eher ungesundem Inhalt zu finden sind. Was ist dran an den Ratschlägen der Pyramiden und Kreise? Esse ich wirklich gesund, wenn ich mich daran orientiere?

von Mareike Lina Rehberg

 

Man kann es drehen und wenden wie man will: Die meisten Menschen glauben zwar zu wissen, was eine gesunde Ernährung ausmacht. Trotzdem ist Deutschland eine Nation der Übergewichtigen. Der Anteil der zu dicken Männer, Frauen und Kinder nimmt stetig zu. Dabei wäre es doch so einfach, etwas dagegen zu tun. Man halte sich einfach an die Empfehlungen, die uns in Form einer Pyramide auf jeder Cornflakes-Packung bunt entgegenstrahlen. Oder gibt es da einen Haken?

Die meisten dieser Ernährungspyramiden sind ähnlich aufgebaut. Sie gleichen der Pyramide, die das U.S.-Department of Agriculture (USDA) im Jahr 1992 entwickelt hat. Diese Pyramide sollte die umfangreichen Ernährungsempfehlungen der Regierung vereinfachend darstellen und der Bevölkerung nahebringen. Das ist natürlich ein löbliches Ziel, dessen Umsetzung jedoch kritisch zu sehen ist.

Amerikanische Ernährungswissenschaftler wie Marion Nestle von der New York University werfen der USDA vor, die Pyramide unter dem Einfluss der Nahrungsmittel- und Agrarindustrie erstellt zu haben. Außerdem gilt sie als veraltet. Eine ganze Reihe von Empfehlungen sind ungenau oder widersprechen neueren ernährungswissenschaftlichen Erkenntnissen.

Zum Beispiel werden alle Fette und Öle an die Spitze der Pyramide gestellt. Das bedeutet, dass von dieser Lebensmittelgruppe nur äußerst sparsam Gebrauch gemacht werden sollte. Dabei wird aber nicht unterschieden zwischen „gesunden“, ungesättigten Fettsäuren, wie z.B. aus pflanzlichen Ölen, und weniger gesunden, gesättigten Fettsäuren z.B. aus Fleischprodukten. Gesättigte Fettsäuren sollte man wirklich nur in geringem Maße zu sich nehmen, ungesättigte Fettsäuren hingegen werden als wertvoller angesehen und dürfen etwas großzügiger verwendet werden.

Die Basis der Pyramide bilden Getreideprodukte wie Brot, Nudeln und Reis. Auch hier entspricht die Vereinfachung nicht der idealen Ernährung: Die Tatsache, dass Vollkornprodukte und ungeschälter Reis viel mehr Nährstoffe enthalten als Weißbrot und weißer Reis wird einfach unterschlagen. Weiterhin bemängeln Kritiker, dass die stärkehaltige Kartoffel in der gleichen Kategorie zu finden ist wie vitaminreiche, kalorienarme Gemüsesorten.

Wie sieht es nun in Deutschland aus? Gibt es neben den bekannten Pyramiden der Lebensmittelkonzerne ernährungswissenschaftliche Richtlinien von der Regierung? Nicht direkt. Aber die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) kommen dem sehr nahe. Die DGE ist ein Verein, der zwar seine „Ziele frei von wirtschaftlichen und politischen Interessen“ verfolgt, aber zu 70 Prozent von Bund und Ländern finanziert wird und dessen Mitglieder zu vier Prozent aus Wirtschaftsverbänden und Firmen bestehen.

Seit Dezember 2003 gibt es von der DGE den aktualisierten Ernährungskreis. Im Gegensatz zur Pyramide ist er, wie der Name schon sagt, kreisförmig. Diese Form begründet die DGE wie folgt: „Der Ernährungskreis ist im Vergleich zu anderen Visualisierungsformen von Ernährungsempfehlungen die einzige bildhafte Darstellung, in der die Segmentgröße zugleich ein Maß für die Lebensmittelmenge ist. Die Größe der Segmente verdeutlicht das Mengenverhältnis der einzelnen Lebensmittelgruppen zueinander.“

Dieser Vorteil ist nicht von der Hand zu weisen, doch leider fehlen Mengenangaben. Die kann man zwar, wenn man sich dafür interessiert und ein wenig sucht, nachlesen. So viel Eigeninitiative kann man aber vom Normalverbraucher nicht erwarten. So bilden, wie auch bei der Pyramide, Getreideprodukte die Basis einer guten Ernährung, gefolgt von Gemüse und Obst. Doch wie viel man aus den einzelnen Nahrungsmittelsegmenten konsumieren soll und darf, bleibt unklar. Das Mengenverhältnis der Segmente zueinander sagt eben noch nichts über die Menge an sich aus.

Laut Klaus Schäbethal vom Referat für Ernährungsberatung der DGE wurde die Zusammensetzung des Ernährungskreises auf der Grundlage der D-A-CH-Referenzwerte berechnet. Diese Empfehlungs-, Richt- und Schätzwerte zu Vitaminen, Mineralstoffen und energieliefernden Nährstoffen wurden im Jahr 2000 von den Ernährungsgesellschaften Deutschlands (D), Österreichs (A) und der Schweiz (CH) zusammen herausgegeben. Aus allen drei Ländern hatten sich 43 Experten zusammengesetzt, um die empfohlenen Richtwerte auf den neuesten Stand zu bringen.

Vergleichen wir den deutschen Ernährungskreis mit der amerikanischen Ernährungspyramide, so ergeben sich einige Vorteile: Zum einen wird darauf hingewiesen, dass eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr unerlässlich ist. Das Wasserglas im Zentrum des Kreises soll dies verdeutlichen. Zum anderen wird unter dem Ernährungskreis ausreichende Bewegung empfohlen, ein wichtiger Punkt, der in der USDA-Pyramide völlig fehlt. Denn ohne ausreichend Sport nützt auch die beste Diät nichts. Auch wird die Kartoffel nicht im Segment „Gemüse“ eingeordnet, sondern – ihrem Stärkegehalt entsprechend – in das Segment der Getreideprodukte (obwohl es sich bei der Kartoffel natürlich nicht um Getreide handelt).

Außerdem sind in diesem Getreide-Abschnitt nur Vollkornprodukte abgebildet, welche im Gegensatz zu Weißmehlerzeugnissen viele Ballaststoffe enthalten. Andererseits haben einige wichtige Punkte, die in den zehn Regeln der DGE berücksichtigt werden, keinen Eingang in den Ernährungskreis gefunden. So fehlt der Ratschlag, fettarme Milch- und Fleischprodukte zu verwenden ebenso wie der Hinweis auf die Qualität unterschiedlicher Fette. Trotz dieser Mängel orientiert sich der Ernährungskreis aber eher an ernährungswissenschaftlichen Empfehlungen als die USDA-Pyramide.

Bei allen Richtlinien sollte man beachten, dass es sich bei visualisierten Ernährungsempfehlungen um eine Orientierungshilfe handelt, die keinen strikten Ernährungsplan diktiert. Oder, wie es der Leiter der Sektion Berlin der DGE Prof. Dr. Helmut Rottka formuliert: „Kein Nahrungsmittel sollte verteufelt werden. Wenn Sie am Morgen eine Schrippe essen und dafür am Abend eine Scheibe Vollkornbrot, ist das vollkommen in Ordnung.

Die Menge macht´s. Essen Sie mit Vernunft und Maß.“

 

 

Mareike Lina Rehberg 

studiert Publizistik, Theaterwissenschaft und AVL an der Freien Universität Berlin

Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars für Online-Journalismus im SS 04 an der Freien Universität Berlin, Inst. f. Publizistik.


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