Gesunder Gutenachtkuss



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Hoch im Kurs stehen sie wieder, die Rituale und Routinen von Familien. Die Kritik der 70er Jahre-Pädagogik ist überwunden, heute sollen Familienrituale sogar die Gesundheit der Kinder positiv beeinflussen.

von Stefanie Richter

 

„Süßes oder es gibt saures!“ – selbst Vierjährige kennen hierzulande das Simsalabim mit dem sich alljährlich am 31. Oktober die Kostümtaschen und letztlich die nach Bonbons, Schokoladenriegeln und Co. lechzenden Kinderbäuchlein füllen lassen.

Und die Eltern? Die kennen Halloween, den Feiertagsimportschlager aus den USA natürlich auch. Dafür sorgt der Einzelhandel gewissenhaft ab Anfang September jeden Jahres. Doch was ist aus all den anderen feierlichen Anlässen geworden, die einstmals als wichtige Rituale Familienidentität vermittelten?

Natürlich gibt es sie noch, die Feiertagsessen und Sonntagsausflüge, Hochzeiten und Familienspaziergänge, die zeigen, was uns als Gruppe ausmacht. Sie ergänzen weiterhin die Familienroutinen, alltägliche Aktivitäten, die das Funktionieren der Familie bewahren, wie etwa das Essen zuzubereiten oder abzuwaschen. Doch welchen Platz finden Rituale und Routinen in Patchworkfamilien, Singlehaushalten und trauscheinlosen Ehen? Zwar sind sich die Familienforscher noch uneins, ob nun der Krisen- und Zerfallscharakter oder die ungebrochene Stabilität von Familien betont werden müsse. Sicher ist jedoch, dass Familien und folglich deren Rituale und Routinen im Wandel begriffen sind – ein Auslaufmodel sind sie jedoch trotzdem nicht. „Für die meisten jungen Leute ist es nach wie vor die Idealvorstellung, als Paar zu leben und Kinder zu bekommen.“, betont Marina Rupp, stellvertretende Leiterin des Staatsinstituts für Familienforschung an der Universität Bamberg.

Verantwortlich für die veränderte Bedeutung von Familien und ihren Ritualen seien vor allem gesellschaftliche Tendenzen der 70er Jahre, erklärt die Forscherin. Die Ablehnung bürgerlicher Werte und Normierungen hätten einhergehend mit der Liberalisierung der Lebensgestaltung und Sexualmoral sowie einer sich ändernden weiblichen Geschlechtsrolle klassische Rituale und Routinen zunehmend in Kritik geraten lassen. „Eben dieser Familienwandel führte dazu, dass Rituale seltener geworden sind und eine nicht mehr so große Bedeutung für die Familienidentität haben wie etwa für frühere gutbürgerliche oder Arbeiterfamilien“, erläutert der Erziehungswissenschaftler Martin R. Textor. Gleichzeitig führe jedoch die zunehmende Weltoffenheit dazu, dass neue Rituale eingeführt werden, wenn auch oftmals zulasten der alten. So begehen wir heute Halloween, während der Waschtag oder das Einkochen im Herbst entfallen.

Und in die Kirche gehen viele ohnehin schon lange nicht mehr oder nur noch selten. Weihnachten ist so ein Anlass – weil das eben dazu gehört und so richtig weihnachtlich stimmt. Aufgrund der zunehmenden Bedeutungslosigkeit der Kirchen für die meisten Menschen, sind es vor allem die religiösen Rituale, die Martin R. Textor bedroht sieht. „Die sind mittlerweile weitgehend aus dem Familienleben verschwunden.“

Das, was gesellschaftlicher Wandel und Weltoffenheit von Ritualen und Routinen noch übrig gelassen haben, gestaltet heute zunehmend jeder nach seiner Facon. „Vieles ist heute der Kreativität des Einzelnen überlassen. Das heißt, die gesellschaftlichen Vorgaben bestimmen vor allem die Termine und möglichen Anlässe, sie geben Muster vor, lassen aber ein Spektrum von Begehensweisen offen, aus denen die einzelnen auswählen können, ob sie bestimmte Anlässe auch als entsprechend bedeutsam für sich selber erachten und wie sie die konkreten Anlässe gestalten.“, beschreibt Familienforscherin Rupp den Wandel. Und mal ehrlich, wer diskutiert unter dem Christbaum schon noch die Weihnachtsgeschichte oder singt sich einschlägige Lieder vor? In der Tat, merkt Martin R. Textor an, werden Feiertage immer weniger als religiöse und ritualisierte, sondern zunehmend als Urlaubstage oder als kommerzialisierte Anlässe zum gegenseitigen Beschenken gestaltet.

„Natürlich haben Familienrituale und -routinen trotzdem immer noch eine große Bedeutung, sie wandeln sich nur unter dem Druck der Individualisierung“, betont Heike Ohlbrecht, Familiensoziologin an der Berliner Humboldt Universität - und wird darin durch ein US-amerikanisches Forscherteam um die Psychologieprofessorin Barbara Fiese bestätigt.

Sie fanden heraus, dass Rituale und Routinen von Familien Auswirkung auf die physische und emotionale Gesundheit haben. Zu diesem bereits im Dezember 2002, im „Journal of Family Psychology“ veröffentlichten Ergebnis kamen die Forscher von der Syracuse Universität, nachdem sie mehr als 30 Studien der vergangenen 50 Jahre ausgewertet hatten. Routinen, so Fiese, würden vor allem in Zusammenhang mit der physischen Gesundheit stehen. Kleinkinder mit geregelter Schlafensgehzeit würden beispielsweise ruhiger schlafen. Rituale dagegen „sind mehr mit Ergebnissen der mentalen Gesundheit verbunden, ähnlich der allgegenwärtigen Verbundenheit mit der Familie“.

Beide hätten mitunter auch das „Potential, Säuglinge, Kinder und Paare in Situationen erhöhten Stress’ zu beschützen“. Während der unvermeidlichen Veränderungen nach einer Scheidung könne das Aufrechterhalten von Ritualen Familienmitgliedern helfen, einen Familiensinn bzw. das Gefühl, dazuzugehören, zu erhalten. Um effektiv zu sein, müssten Rituale und Routinen auch nicht ständig angewandt werden. „Eine der größten Fehlwahrnehmungen ist, dass wir fortwährend zusammen essen müssten.“ Regelmäßigkeit ist zwar hilfreich, so die Forscherin, wichtiger sei es jedoch, drei oder vier Mal in der Woche etwas Zeit mit der Familie zu verbringen.

Und was spricht letztlich dagegen, dass es eben die neueste Britneybarbie ist, über die man in generationenübergreifenden sozialen Kontakt kommt? Nicht viel, wenn man Marina Rupp glauben darf: „In den jüngeren Jahren kann man feststellen, dass sich eine Wiederbesinnung auf die Rituale eingestellt hat, wenngleich diese mit einem hohen Freizeit- und Ereigniswert gekoppelt ist.“

 

Zum Weiterlesen: Das Interview mit der Bamberger Familienforscherin Dr. Marina Rupp

 

 

Stefanie Richter

studiert Publizistik und BWL an der Freien Universität Berlin.

Der Beitrag entstand im Rahmen eines Praxisseminars für Online-Journalismus im SoSe 2004 am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft


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