 Deutschland schläft zu wenig
In der modernen Leistungsgesellschaft achten die Menschen zu wenig auf ihr Schlafverhalten. Viele Schlafstörungen könnten ganz leicht beseitigt werden. Doch dazu müssen sie erkannt und die einfachen Gegenmaßnahmen durchgehalten werden.
von Paul Bräuer
Warum schläft der Mensch? - Um sich zu erholen! Doch was ist eigentlich Erholung, und wie funktioniert sie? Was im mensch-lichen Körper während des Schlafens genau passiert ist wissenschaftlich noch kaum geklärt. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass man ein schlafendes Lebewesen und seine Gehirnaktivitäten nur schwer untersuchen kann, ohne dabei dessen Schlaf zu stören.
Fest steht, dass Schlaf lebensnotwendig ist. Da sich der menschliche Körper vor einem etwaigen Tod durch Schlafentzug allerdings selbst rettet indem er schlicht einschläft, sich also automatisch holt, was er braucht, scheint es, als gäbe es keinen Anlaß zur ausgiebigen Auseinandersetzung mit dem Thema Schlaf. Doch dies ist ein weit verbreiteter Irrtum. Es ist nämlich nicht nur wichtig überhaupt zu schlafen, sondern dies auch ausreichend und auf erholsame Weise zu tun.
Verschiedene Studien der letzten Jahre aus Industrieländern dieser Welt zeigen an, dass die Menschen immer weniger und immer schlechter schlafen. Jeder Mensch entwickelt einen individuellen Schlafbedarf, der von sechs bis zehn Stunden täglich reichen kann. Im Durchschnitt benötigen die Menschen ungefähr acht Stunden Schlaf. In Deutschland schlafen die Menschen einer Studie von Maurice M. Ohayon und Jürgen Zulley zufolge aber nur noch 7 Stunden und 14 Minuten durchschnittlich.
Schätzungsweise 10 Prozent der in Deutschland Schlafenden kämpfen zudem mit schweren Schlafstörungen. Weitere 20 bis 50 Prozent (je nach Studie und Definition) haben regelmäßig mittlere oder leichte Schlafstörungen, die oftmals einfach zu beheben wären, würden sie nur erkannt und behandelt werden. Doch in der modernen Gesellschaft gerät Schlaf immer mehr aus dem Blickfeld. Offenbar herrscht ein akuter Mangel an Auf-merksamkeit diesem zwar alltäglichen, aber nicht bewusst erfahrbaren Lebensbereich eines Jeden gegenüber.
Schlaf umfasst eine Vielzahl von Prozessen des vegetativen Nervensystems, die völlig autonom ablaufen und nicht dem eigenen Willen unterworfen sind. Geregelt wird der Schlaf durch das Tageslicht. Taktgeber ist der Nucleus supra-chiasmaticus in der Hirnanhangdrüse. Er sitzt über der Kreuzung der Sehnerven und gibt jeweils das Signal für eine hormonale Kettenreaktion. Nachts wird verstärkt Melatonin produziert, tagsüber mehr Serotonin. Diese Neurotransmitter senden chemische Botschaften an andere Bereiche des Gehirns, in denen dann der Schlafprozess gesteuert wird.
Neben der körperlichen Erholung erfüllt der Schlaf noch eine weitere Funktion. Im Schlaf wird zuvor Erlebtes verarbeitet, Gelerntes wird gespeichert. Das Phänomen der Träume ist Indiz für diesen Vorgang. In einer Studie zu Sprachlern-prozessen zeigte sich, dass Menschen von zwölf Stunden zuvor erlernten Fähigkeiten mehr abrufen konnten, wenn sie in der Zwischenzeit geschlafen hatten.
Ein weiteres Hoch an schlafförderndem Melatonin ist übrigens mittags zu beobachten – der Mittagsschlaf ist also biologisch begründet. Viele große Geister wie Mozart, Napoleon oder Einstein sollen mittags Nickerchen gehalten haben. Ein genereller positiver Effekt des Mittagsschlafes ist allerdings nicht nachgewiesen. Wer auch ohne Mittagsschlaf gut ausgeruht ist, braucht sich also keine Sorgen zu machen. Für Menschen, die nachts schlecht einschlafen ist sogar eher von einer „Siesta“ abzuraten.
Wie wichtig Schlaf ist zeigt sich insbesondere daran, dass Schlafstörungen (Dyssomnien) das Wohlbefinden, die Leistungsfähigkeit und in schweren Fällen sogar die Gesundheit eines Menschen in ernst zu nehmendem Maße beeinträchtigen. Haupttypen der Schlafstörungen sind Insomnie (Schlaflosigkeit bzw. Durchschlafstörungen), Hypersomnie (Tagesschläfrigkeit) und Störungen des Wach-Schlaf-Rhythmus’. Eine Sammelbezeichnung der Medizin für alle Arten von Schlafproblemen lautet: „Nicht erholsamer Schlaf“.
Es lassen sich Beziehungen zwischen nicht erholsamem Schlaf auf der einen Seite und Lern-, Gedächtnis- und Motivationsproblemen sowie Konzentrations- und Aufmerksamkeitsdefiziten auf der anderen Seite beobachten. Neben der Minderung der Lebensqualität kann dieses auch ein erhöhtes Unfallrisiko und eine verminderte Leistungsfähigkeit am Tage bedeuten. Anhaltende gesundheitliche Schäden sind dagegen nur bei wirklich schweren Schlafstörungen zu befürchten.
Die individuellen Schlafstörungen unterscheiden sich stark voneinander. Die meisten Hypersomnien sind intrinsisch, gehen also tatsächlich auf Krankheiten des eigenen Körpers zurück. Ein Grossteil der Insomnien ist dagegen extrinsisch, d.h. er resultiert aus Umwelteinflüssen oder eigenem Fehlverhalten. Zum Beispiel können eine falsche Zimmer-temperatur, Umweltlärm, ein unbequemes Bett, unregelmäßige Schlafzeiten, aufregende bzw. anstrengende Aktivitäten vor dem Schlafengehen und vor allem psychischer Stress Ursachen massiver Schlafstörungen sein.
Der Schlafende schläft dann schlecht ein, wechselt hektisch zwischen den Traum- und den Tiefschlafphasen und wacht häufig wieder auf. Einmal erkannt, lassen sich extrinsische Schlafstörungen meist durch bewusstes Ändern des Schlafverhaltens vollständig beseitigen. Die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) schlägt jedem Menschen, der unter schlechtem Schlaf leidet, vor, sich vier Fragen zu stellen, bevor er medizinische Hilfe sucht:
- Liegen störende Umwelteinflüsse vor?
- Ist der Tagesrhythmus unregelmäßig?
- Werden schlafstörende Substanzen (z.B. Alkohol oder Kaffee) eingenommen?
- Sind die Schlafprobleme vielleicht bloß Symptome einer anderen psychiatrischen und/oder organischen Erkrankung?
Erst wer diese Fragen verneinen kann, sollte eine Schlaf-medizinische Behandlung in Erwägung ziehen, weil er wahrscheinlich an einer intrinsischen Schlafstörung leidet. Eine vollständige Untersuchung über Nacht in einem Schlaflabor wird als “kardiorespiratorische Polysomnographie” bezeichnet und führt meist nach dem ersten oder zweiten Mal zu einer sicheren Diagnose.
Fazit der medizinischen Theorie ist, dass viele Menschen ihre Schlafstörungen mit ganz einfachen Mitteln selbst in den Griff bekommen könnten. Schwierig ist es nur, die Maßnahmen auch durchzuhalten. Für Schichtarbeiter etwa oder für Menschen mit sozialen und finanziellen Nöten ist es nicht ganz so einfach, ihr Schlafverhalten dauerhaft regelmäßig und stressfrei zu gestalten. Angesichts der wirtschaftlichen und sozialen Stimmungslage ist es kaum verwunderlich, dass Schlaf-störungen in Deutschland zunehmen.
Eine repräsentative Umfrage von Prof Uta Meier zum Schlafverhalten der Deutschen zeigte dass jede Alters- Berufs- und jede soziale Gruppe ihre ganz speziellen Gründe für Einschlaf- und Durchschlafprobleme hat. Während den Jüngeren in erster Linie familiärer, beruflicher oder finanzieller Stress den Schlaf raubt, sind es bei den Älteren eher körperliche Beschwerden, häufig in Zusammenhang mit schlechter Ernährung und zu wenig Bewegung.
Mangel an sozialer Anerkennung oder das Fehlen eines Feierabend-gefühls rauben vielen Arbeitslosen und Hausfrauen den Schlaf, das könnte auch der Grund dafür sein, dass bei Frauen generell mehr Schlafstörung beobachtet werden. Die Schlaflosigkeit von Selbständigen hängt oft mit deren finanzieller Unsicherheit zusammen. Menschen in hohen Positionen kämpfen häufig mit der Verantwortung und der Arbeitsüberlastung. Lösungsansätze fallen entsprechend individuell aus.
Ein allen gemeinsames Problem kann immerhin beobachtet werden: Um gut schlafen zu können, muss man Druck von sich abfallen lassen. Wer sich dem Druck aussetzt, gut schlafen zu müssen, wird vielleicht gerade dieses Druckes wegen schlecht schlafen. Für ein nachhaltig erholsames Schlafverhalten ist es wohl nötig, Schlaf nicht bloß als Einflussfaktor auf die eigene Produktivität, sondern als Selbstzweck im Sinne eines menschlichen Grundbedürfnisses zu verstehen.

Paul Bräuer
studiert Musikwissenschaft, Publizistik und Sinologie an der Humboldt Universität, sowie an der Freien Universität in Berlin
Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars für Online-Journalismus im SS 03 an der Freien Universität Berlin, Inst. f. Publizistik. |