 Rush Hour im Sonnensystem
In der Weltraum-forschung geht es derzeit drunter und drüber. Nie zuvor gab es soviel Neuigkeiten aus dem All. Und besonders der Mars sorgt wieder mal für Schlagzeilen und Visionen. Aber sind wir schon bereit für die Eroberung des Weltraums?
Von Andreas Joecks
Rosetta scannt Kometen, Stardust bringt Sternenstaub nach Hause, Cassini macht Fotos vom Saturnmond „Phoebe“ aus nur 2000 Kilometern Entfernung. Und während halb Europa den Vorbeiflug der Venus vor der Sonne bestaunt, durchbricht ein Team aus den USA mit dem ersten aus privaten Mitteln finanzierten Raumschiff „SpaceShip One“ die Grenze zum Weltraum. Ganz nebenbei vermisst die europäische Raumsonde „Mars-Express“ augenblicklich metergenau die Oberfläche des roten Planeten, auf der die Roboter „Spirit“ und „Opportunity“ nach Anzeichen von Wasser und Leben suchen.
Es scheint, als würde die Menschheit ihre Hand zu den Sternen ausstrecken, zunächst noch vorsichtig, dennoch zielgerichtet. Noch vor einem Jahr schien die Eroberung des Weltraums auf unbestimmte Zeit in den Schubladen der NASA zu verschwinden. Nach dem tragischen Unfall der US-Weltraumfähre „Columbia“ am 1. Februar wurden alle weiteren Shuttle-Flüge ausgesetzt, weitreichende Untersuchungen anberaumt, Gelder eingefroren.
Doch seit die beiden mobilen Mars-Lander Gestein analysieren und Oberflächenfotos von gestochen scharfer Qualität zur Erde funken, kehrt auch in das amerikanische Raumfahrtprogramm der Optimismus zurück. Nun denkt man in Washington sogar darüber nach, Astronauten aus „Fleisch und Blut“ auf Mission zu unserem kosmischen Nachbarn zu schicken. Bis 2010 will man die Shuttle-Missionen wieder aufnehmen, zehn Jahre später sollen die ersten Menschen von einer auf dem Mond errichteten Basis aus zum Mars starten. Selbst der zwischenzeitlich schon als Fehlinvestition abgeschriebenen Raumstation ISS wird nach Ansicht des amerikanischen Präsidenten eine Schlüsselrolle bei der Eroberung des Kosmos zukommen.
„Natürlich gilt es für den Präsidenten dieses Jahr eine Wahl zu gewinnen, deswegen sind diese Aussagen mit Vorsicht zu genießen“, wiegt Ulrich Köhler, Experte für Planetenforschung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), ab. „Aber wichtig ist, dass die NASA wieder einen roten Faden hat, eine Aufgabe, an der sie planen kann.“
Doch schon mehren sich die Stimmen der Kritiker, die die Zahl der zu bewältigen Probleme ins Unüberschaubare definieren. Weltraum-, und besonders Planetenmissionen, seien zu aufwändig, zu gefährlich, zu teuer.
So behaupten einige Wissenschaftler, dass auf dem Mars existierendes Leben nicht automatisch autonom entstanden sein muss, Erde und Mars tauschten schließlich jährlich rund 250 Kilogramm Masse in Form von Meteoriten aus. Die vermeintlich größte Entdeckung der Astronauten könnte sich als finanzielles Desaster herausstellen, denn das Geld (die Mission würde mindestens 25 Milliarden Euro kosten) könne man schließlich im eigenen Land besser gebrauchen. „Es ist theoretisch durchaus vorstellbar, dass Mikroben auch über lange Zeit im Weltraum überleben“, so Ulrich Köhler. „Wir achten jedoch bei unseren Landegeräten genau darauf, dass diese völlig steril sind und dort unter Umständen bestehendes Leben nicht in Gefahr bringen.“
Weiterer Kritikpunkt an der „bemannten“ Mars-Mission ist die geplante Arbeit der Astronauten, die aus Sicherheitsgründen an das Landemodul gebunden wäre. Den überwiegenden Teil der Arbeit würde man demnach sowieso von Robotern erledigen lassen müssen – so wie es jetzt bereits von der Erde aus geschieht. Zum Problem könnte außerdem der Marsstaub werden. „Es könnte sein, dass der Mars-Sand so fein ist, dass er durch die Raumanzüge hindurch dringt“, so Köhler weiter. Die Arbeit der Astronauten würde so enorm erschwert werden.
Darüber hinaus, so warnen Stimmen, sind die Folgen der 180 Tage dauernden Reise zum Mars für den Menschen bisher kaum abschätzbar. Zum ersten wären die Astronauten ununterbrochen kosmischer Strahlung ausgesetzt. Hier folgen die Kritiker dem Argument, welches seinerzeit schon den Erfolg der Mondlandung in Frage stellte: Im Orbit um unseren Planeten werden Satelliten und Raumfahrer durch Atmosphäre und Magnetfeld der Erde geschützt, die die hochenergetischen Sonnenwinde abschirmen. Beim Verlassen des Orbits und dem folgenden Flug zum roten Nachbarn würden sich die Astronauten jedoch einer Strahlendosis aussetzen, wie sie die russischen Arbeiter bei den Aufräumarbeiten in Tschernobyl davontrugen. Hier müsse ein Kompromiss zwischen Alter und Belastbarkeit der Kandidaten gefunden werden, das Durchschnittsalter der Missionsteilnehmer liegt jedoch bereits in heutigen NASA-Planungen nicht unter 45 Jahren.
Zweitens müsste die Gruppe über lange Zeit auf engstem Raum miteinander leben und auskommen. Meinungsverschiedenheiten, Konflikte und sogar Handgreiflichkeiten könnten nicht ausgeschlossen werden, selbst wenn die Personen zuvor auf der Erde keine dieser Anzeichen aufwiesen. Einige Wissenschaftler fordern bereits die Sterilisation der höchstwahrscheinlich gemischtgeschlechtlichen Crew, um zumindest den Unsicherheitsfaktor Schwangerschaft auszuschalten.
Drittens kommt noch hinzu: Bereits wenige Tage nach dem Start des Raumschiffs würde die Erde zu einem fernen Lichtpunkt am Horizont schrumpfen. Bei allen bisherigen Endeckungsreisen, ob zum Nordpol oder Mount Everest, gab es immer eine vorhandene Grundkonstante: die Erde. Wie Menschen nun darauf reagieren, wenn unser Planet praktisch „Out-Of-View“ ist, bleibt bislang unvorhersagbar.
Ulrich Köhler sieht einen ganz anderen Ausweg für den Expeditionsdrang der Menschheit: „Wir werden es auf jeden Fall in absehbarer Zeit auf den Mars schaffen, angesichts der Gefahren wird es dort jedoch keine nennenswerte Kolonialisierung geben.“ Viel näher als der Mars läge doch der eigene Mond, der mit seinen reichhaltigen Titan-Vorkommen und im Überfluss vorhandenen Helium-3-Isotopen, Grundstoff für die „kalte“ Kernfusion, geradezu ideal für eine Besiedlung geeignet wäre.


Andreas Joecks
studiert Publizistik, Politik und Soziologie an der Freien Universität Berlin.
Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars für Online-Journalismus im SS 04 an der Freien Universität Berlin, Inst. f. Publizistik. |