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21.06.2004

Liebesgrüße aus Moskau



Bild: photocase.de

 

Schmetterlinge im Bauch, Schweben auf Wolke sieben, das kann ja tatsächlich alles Chemie sein! Und wie ist das mit dem wohligen Gefühl von Geborgenheit in einer langen Beziehung? Da kommen Oxytocin und der Pawlow-Effekt in Spiel.

Wenn die amerikanische Psychologin Prof. Diane Witt von der University of Binghamton in New York die Wirkung von Oxytocin beschreibt, klingt das beinahe wie eine Erinnerung an die eigene Teenager-Ära. “Erst findet man einen Jungen süss. Dann zieht man ein bisschen um die Häuser und findet ihn schon ziemlich super-süss. Aber wenn man dann schließlich mit ihm ins Bett geht und einen Orgasmus erlebt – dann kann man sich ein Leben kaum noch ohne ihn vorstellen”, veranschaulicht sie die “bindende” Wirkung des Kuschelhormons.

Prof. Witt geht sogar so weit, dem Sexualhormon so etwas wie einen Pawlow-Effekt zu attestieren. Hierzu zunächst ein paar Worte: Benannt wurde der Effekt nach dem russischen Nobelpreisträger für Medizin des Jahres 1904, Prof. Iwan Petrowitsch Pawlow. Im Rahmen seiner empirischen Forschungen, die heute als ein Grundstein für die Verhaltensforschung bei Tieren und auch für die Humanpsychologie gelten, hatte der Forscher um die Jahrhundertwende mit Hunden ein Experiment durchgeführt, das bald weltweit als “klassische Konditionierung” bekannt wurde.

In seinen Versuchen hatte Pawlow die Ausgabe von Futter mit einem Glockensignal kombiniert: Sahen und rochen die Tiere das Futter, ertönte gleichzeitig die Glocke. Schon nach einigen Konditionierungen genügte allein das akustische Signal, und den Hunden lief meßbar der Speichel im Maul zusammen, genauso wie es beim Anblick des Futters geschah. Die Glocke wurde zum konditionierten Signal, und die Reaktion zum erlernten, also bedingten Reflex.

“Hat man mehrmals Sex mit dem gleichen Partner, dann kann das dazu führen, dass der Oxytocin-Spiegel allein schon beim Anblick des Partners steigt”, zieht Prof. Witt den Vergleich.  Und das führe fast unweigerlich dazu, mit dieser Person ins Bett gehen zu wollen.

Zu Recht werde das Hormon deshalb auch als Langzeitklebstoff für Beziehungen gehandelt, so die Forscherin. Allerdings vermutet sie, dass das Oxytocin einer Medaille ähnlich auch eine Kehrseite haben könnte. “Ich gehe davon aus, dass auch krankhafte Beziehungen möglicherweise durch Oxytocin ausgelöst werden”, sagt sie. So könne eine Überdosis des Hormons eine übertriebene Mutter-Kind-Bindung auslösen. Denkbar sei schliesslich auch, dass sogar Hörigkeit – also die sexuelle Abhängigkeit von einem Partner – auf eine Überdosis des “Klebstoffs” zurückzuführen sei.
 
Witt zufolge werden unter dem Namen “Syntocinon” bereits oxytocinhaltige Sprays auf dem Markt angeboten. Das rezeptpflichtige Mittel wirkt vorbeugend gegen Milchstau und Entzündung der Brustdrüse. Darüber hinaus verhindert es Schädigungen der Brustwarze und fördert eine gleichmäßige Milchproduktion. Zielgruppe sind also ausschließlich junge Mütter.

Aber auch in Internet-Apotheken wird das Medikament seit kurzem angeboten und findet in den USA sogar in ganz ungewohntem Umfeld Abnehmer – bei Show-Girls. Der Grund: Bereits in geringer Dosierung lässt Oxytocin die Brustwarzen anschwellen – was auf den Bühnen sicher ein durchaus gewünschter Nebeneffekt des Hormons ist.

Aber damit ist das Wirkungsspektrum von Oxytocin noch nicht ausgeschöpft. Während der Geburt fördert es die Kontraktionen der Gebärmuttermuskulatur. Beim Mann sorgt es für ein rhythmisches Zusammenziehen der Samenleiter. So ist Oxytocin auch in der Gynäkologie schon lange als Mittel zur Wehenförderung bekannt. Es wird bei der Geburt ausgeschüttet, kann aber auch künstlich hergestellt werden. In den USA kommt es bereits in 75 von 100 Krankenhausgeburten zum Einsatz, um eine schnelle Geburt zu gewährleisten. Übrigens: Oxytocin kommt aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie “flinke Geburt”.

Mittlerweile haben Forscher herausgefunden, dass man nicht nur verliebt sein muss, um das Hormon sprudeln zu lassen. Streicheleinheiten oder sanfte Massagen reichen bereits aus. Die sanften Berührungen können Seelentiefs lindern und sind Balsam für Körper und Seele. Rein intuitiv hat Michael also immer richtig reagiert, wenn er Bianca in Phasen, in denen sie psychisch “down” war, ganz “ohne Hintergedanken” einfach nur sanft streichelte.

 

 

weiter: Das Casanova-Hormon

 

 

Gabriele Froböse studierte in Göttingen Chemie und Anglistik. Nach Tätigkeiten im Schuldienst, bei der Deutschen Elektrotechnischen Kommission im DIN und VDE (DKE) sowie der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) schreibt sie seit 1984 als freie Fachjournalistin für die Fach- und Publikumspresse über Themen aus den Bereichen Chemie, Medizin und Life Sciences.

Dr. Rolf Froböse arbeitete nach dem Studium der Chemie in Göttingen als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Max-Planck-Gesellschaft, war Ressortleiter beim Technologiemagazin “highTech” und Chefredakteur der Zeitschriften “Chemische Industrie” und “Europa Chemie”. Seit 1995 berichtet er als freiberuflicher Wissenschafts- und Wirtschaftsjournalist über Themen aus Forschung und Technik.

Weitere Informationen über die Autoren finden Sie auf ihrer Homepage unter www.froboese.com

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