21.06.2004

Gefühle - heimlich ferngesteuert



Bild: photocase.de

 

Mit der Liebe ist es wie mit der Gefahr: Unser Körper reagiert sekundenschnell. Und er benutzt dabei eine chemische Substanz, das als Porsche unter den Hormonen gelten kann...

 

 

 

Kellner Marco lacht: “Adrenalin ist schuld!”

“Gehen wir noch kurz einen Kaffee trinken?” Michael schaut Bianca fragend an. Sie nickt: “Nach meinem Nachtflug sollten wir den Tag locker angehen lassen – du hast Dir doch nichts weiter vorgenommen – oder?”

“Nein, natürlich nicht. Heute stehst einzig und allein du auf dem Programm.”

“Das höre ich gerne.” Bianca hakt sich bei Michael ein. “Lass uns schräg gegenüber ins Zeppelin gehen, dort habe ich vorhin auch gesessen und ein Sandwich gegessen.”

Die beiden nehmen wegen des Gepäcks an der Peripherie Platz, während der freundliche Kellner Marco, der Michael erst vor kurzem bedient hat, schwungvoll auf ihren Tisch zusteuert.

Er sieht Bianca und Michael fragend an. “Na – habt ihr euch gefunden?” Sein Akzent verrät, dass er Italiener ist.

“Aber klar doch – und zweimal Cappucino bitte.” “Wird sofort erledigt.” Marco spricht Bianca an und zeigt auf Michael: “Jetzt ist er schon viel ruhiger. Vorhin hat er immer ganz nervös auf die Anzeige geschaut.”

“Wirklich?” Michael fühlt sich ertappt. “Ja – das muß der Adrenalinspiegel gewesen sein,” lacht Marco. “Das kann ich aber gut verstehen – kommt von Amore.”

Adrenalin & Co: Die heimliche Fernsteuerung unserer Gefühlswelt

Rein zufällig hat unser sympathischer Kellner mit seinem flotten Spruch das Augenmerk auf eine weitere Art von Botschaftern gelenkt, die für die Nachrichtenübermittlung im Körper verantwortlich sind. Dieses sind die so genannten Hormone. Ähnlich wie Neurotransmitter wirken auch die Hormone auf chemische Rezeptormoleküle in den Nervenzellen und anderen Zellen ein.

Es gibt aber auch beträchtliche Unterschiede! Zum einen sprechen Hormone im Gegensatz zu den Neurotransmittern bei weitem nicht nur die Synapsen, sondern vielmehr alle Rezeptormoleküle an, ganz gleich, wo immer sie sich auch befinden. Andererseits übermitteln Nerven in Bruchteilen von Sekunden Informationen, während Hormone dafür viele Minuten, oftmals sogar Stunden benötigen. Vereinfacht kann man also sagen, dass den überaus raschen Neurotransmittern die Funktion “körpereigener E-Mails” zukommt, während man bei den Hormonen vergleichsweise von der eher traditionellen Briefpost, Neudeutsch auch “Snail-Mail” genannt, sprechen möchte.

Einzig Adrenalin und Noradrenalin sind ganz schnelle Hormone. Dabei bewertet das Gehirn nämlich in Sekundenschnelle, ob eine Situation bedrohlich ist. Schätzt das Gehirn sie als Gefahr ein, werden spezielle Stresshormone freigesetzt. Über das Blut bewirken sie eine Anspannung der Muskeln sowie eine Erhöhung der Herzschlag- und Atemfrequenz. Diese physiologischen Veränderungen verleihen dem Körper ungeahnte Kräfte, befähigen ihn, sich einer Bedrohung zu stellen oder zu fliehen.

Chemisch betrachtet ist Adrenalin ein Hormon, das zur Gruppe der Katecholamine gehört. Die Katecholamine werden im Nebennierenmark und in bestimmten Nervenzellen, den sogenannten sympathischen Ganglien, gebildet. Zu dieser Gruppe gehören auch die ähnlich wirkenden Hormone Noradrenalin und Dopamin.

Ausgeschüttet wird Adrenalin unter anderem bei körperlicher und seelischer Belastung, Infektionen, Verletzungen sowie niedrigem Blutzuckerspiegel. Es beschleunigt den Puls, steigert den Blutdruck, erweitert die Bronchien und die Pupillen, fördert den Sauerstoffverbrauch und stellt Energien bereit, indem Fett- und Zuckervorräte des Körpers aus ihren Speichern gelöst werden.

“Adrenalin ist ein Notfall-Hormon, das uns die Energie verleiht, durch Kampf oder Flucht zu überleben”, weiß der französische Arzt Dr. Michel Odent zu berichten. Der Experte für Geburtshilfe, der sich leidenschaftlich für eine Rückkehr zur natürlichen Geburt einsetzt, hat sich weltweit auch als Gründer des “Primal Health Resarch Centre” in London einen Namen gemacht.

Mit Blick auf die Säugetiere in freier Wildbahn und unter Forschungsbedingungen versucht er, die elementaren Vorgänge und Erfahrungen während der Geburt und kurz danach zu verstehen. Wenn ein Säugetierweibchen während der Wehen durch ein Raubtier bedroht werde, so Odent, führe die Freisetzung von Adrenalin dazu, den Geburtsprozeß zu stoppen, ihn aufzuschieben und der Mutter die Energie zu geben, zu kämpfen oder zu entkommen. “Jeder Bauer weiß, dass man eine erschreckte Kuh nicht melken kann”, veranschaulicht Odent.

Der Effekt von Adrenalin beim Geburtsprozeß sei aber nicht so unmittelbar, sondern etwas komplexer. So würden während der letzten Wehen vor der Geburt bei Mutter und Kind große Mengen von Hormonen aus der Adrenalin-Familie freigesetzt. Die Folge für die Mutter sei, dass sie bei der Geburt des Babys wach sei. Für ein Säugetier sei es ganz generell ein Vorteil, wenn die Mutter genug Energie habe, um das Neugeborene zu schützen. Für den Fötus habe die hormonelle Freisetzung wiederum zur Folge, dass das Baby bei der Geburt ebenfalls wach sei und die Augen geöffnet habe. “Mütter sind fasziniert vom Blick ihrer neugeborenen Babys”, resümiert Odent.

Der Arzt vertritt auch die Auffassung, dass der Augenkontakt ein wichtiger Aspekt der beginnenden Mutter-Kind Beziehung sei. “Es ist zu betonen, dass sogar die Hormone der Adrenalin Familie, die oft als Hormone der Aggression gesehen werden, in den Stunden nach der Geburt eine spezifische Rolle in der Interaktion zwischen Mutter und Kind spielen”, sagt Odent. Es seien somit nicht nur die gleichen Hormone wie in den verschiedenen Episoden des Sexuallebens involviert, sondern es werden auch die gleichen Muster, die gleiche Art von Szenarien, durchlaufen.

Odent hat den Begriff des “baby ejection reflex”, der früher ausschließlich in Zusammenhang mit nicht menschlichen Säugetieren verwendet wurde, übernommen, um die allerletzten Wehen vor der Geburt eines Menschen zu verstehen. “Dieser Reflex tritt aber nur dann ein, wenn der Geburtsprozeß ungestört stattfindet”, folgert Odent. In dieser Phase hätten die Frauen den Drang, aufrecht zu sein, irgend etwas oder jemand packen zu wollen und sie seien auch voller Energie. “Manche Frauen schienen euphorisch zu sein, andere verhalten sich wie wenn sie ärgerlich wären, andere drücken existentielle Angst vor dem Übergang aus”, beschreibt der Experte die beobachteten Reaktionen.

Für all diese Verhaltensweisen gebe es nur eine Erklärung, nämlich die plötzliche Freisetzung von Adrenalin. Dies wiederum löse zwei oder drei starke Kontraktionen aus. “Dieser Reflex ist in Krankenhaus-Kreissälen weitestgehend unbekannt, ebenso wie bei Hausgeburten, wenn eine andere Person die Rolle eines Coach übernimmt”, folgert Odent, der in den 70er Jahren im französischen Pithiviers erstmals andere Wege als die übliche Kreisssaalgeburt praktizierte.

weiter: Das Treuehormon Oxytocin

 

 

Gabriele Froböse studierte in Göttingen Chemie und Anglistik. Nach Tätigkeiten im Schuldienst, bei der Deutschen Elektrotechnischen Kommission im DIN und VDE (DKE) sowie der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) schreibt sie seit 1984 als freie Fachjournalistin für die Fach- und Publikumspresse über Themen aus den Bereichen Chemie, Medizin und Life Sciences.

Dr. Rolf Froböse arbeitete nach dem Studium der Chemie in Göttingen als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Max-Planck-Gesellschaft, war Ressortleiter beim Technologiemagazin “highTech” und Chefredakteur der Zeitschriften “Chemische Industrie” und “Europa Chemie”. Seit 1995 berichtet er als freiberuflicher Wissenschafts- und Wirtschaftsjournalist über Themen aus Forschung und Technik.

Weitere Informationen über die Autoren finden Sie auf ihrer Homepage unter www.froboese.com


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