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29.05.2004

Ein Auto für die Sinne!



Bild: BMW

 

Warum entscheidet sich ein Mensch für ein bestimmtes Auto? Weil es ihm gefällt. Gefallen und Wohlfühlen, so glauben die Autobauer, sind künftig die wichtigsten Kriterien beim Autokauf. Und das fordert die Wissenschaft heraus!

 

Von Annette Leßmöllmann

 

Die Sound-Designer haben ihre Hausaufgaben gemacht. Der Vierzylinder dröhnt nicht mehr bei 4000 Umdrehungen, sondern schnurrt fast sechszylindrig. Der Fensterheber quietscht nicht mehr asthmatisch Uiuiuiuiuiiii, sondern summt mit sattem Bzzzzzzz.

Die Autotür der Luxusklasse blecht nicht mehr zu wie beim Panda, sondern schließt satt. „Wie eine Burg“, sagt Gerhard Thoma, Leiter der Akustik bei BMW. Mit einem Sound also, der das Gefühl vermittelt: Mag die Welt auch untergehen – hier bin ich sicher.

Früher konnte man Kunden noch mit technischer Perfektion beeindrucken: ABS, Airbag, Seitenaufprallschutz, alles technische Finessen, die zum Kauf reizten. Heute dagegen ist beim Autokauf das Gefühl Trumpf. Ein Auto muss die Sinne ansprechen. Das Auge will einen schönen „Lüster“ im Lack, also einen besonders satten, glatten Glanz. Im Innenraum ergötzt sich die Nase an Lederduft.

Die Hand des Kunden streichelt prüfend über Armaturen und möchte lieber kühles Aluminium fühlen als lauen Kunststoff. Das Ohr schließt vom Klang auf die Qualität; wenn der sich anhört, als ob „das Gelump gleich auseinander fällt“, dann traue der Kunde dem ganzen Auto nicht, sagt Thoma.

Darauf haben sich auch die Akustiker eingestellt. Sie schleusen ihre Versuchspersonen durchs Sound-Labor, damit sie allerlei Töne bewerten. Warntöne beispielsweise: Sie sollen aufmerksam machen, ohne zu nerven. Thoma hat verschiedene Töne im Angebot, vom sanften Gong für kleinere Reparaturen bis zum „größtmöglichen Missklang“, einem aufsteigenden vierteiligen schrägen Vibrafonakkord, der jedem Döskopf klar macht, dass sein Auto sofort Hilfe braucht.

Oder die verschiedenen Frauenstimmen für das Navigationssystem: die mütterlich-befehlende, die lasziv-lockende und dann die von den meisten Testhörern favorisierte – eine freundlich gedämpfte, Rat gebende Stimme, die auch Widerspruch zulässt, wie eine „gute Sekretärin“. „Herr Direktor, es wäre ganz gut, wenn Sie an der nächsten Ampel abbiegen würden“ – so soll sich der Fahrer angesprochen fühlen. Falls „Herr Direktor“ beschließen, heute fahren wir geradeaus, dann soll die Stimme nicht gleich drohen.

Maske für die Magenfrequenz

Der Akustiker der Zukunft wird sich auf neues Terrain begeben müssen: „Weg von den Emissionen des Fahrzeugs und hin zu den Immissionen des Menschen“, formuliert es Thoma. Was der Mensch fühlt, wenn er ein Geräusch hört, wie er das Rauschen, Klacken, Summen und Brummen bewertet und warum er sich in dem einen Auto wohlfühlt und in dem anderen nicht, das gilt es herauszufinden, hierfür sollen wissenschaftlich gesicherte Größen definiert werden.

Auch andere haben das Gefühl entdeckt. DaimlerChrysler hat in Berlin soeben ein ganzes Forschungszentrum installiert, in dem nur eines auf dem Prüfstand steht: das Seelenleben des Automobilisten. 16 Psychologen und Ingenieure untersuchen hier, was den sensiblen Mercedes-Fahrer in seiner Fahrfreude stören könnte – Lichtreflexe auf der Windschutzscheibe, kratzige Sitzbezüge oder der falsche Motorton.

Denn auch DaimlerChrysler hat erkannt: Der Kunde kauft das Auto, in dem er sich am besten fühlt. „Markendifferenzierung“, sagt der Laborleiter, Götz Renner, „wird zukünftig über die Innenausstattung erfolgen.“ Bislang haben Autohersteller zwar genauso wie Chipstütenproduzenten und Bierflaschenentwickler ihre Versuchspersonen das „Klack“ und „Plopp“ und „Knister“ ihrer Produkte bewerten lassen: Klingt das gut? Klingt das billig? Doch es war nie richtig klar, warum die Menschen etwas so bewerten und nicht anders. Warum werden manche Geräusche als angenehm empfunden, angenehmer sogar als die Stille?

Amerikanische Wagen beispielsweise, mit ihrer ruhigen, „sänftenartigen“ Fortbewegung, bei der sich das Auto so „über die Straße wälzt“, wie Thoma es schön bildlich ausdrückt – bei denen gibt es Aufbauschwingungen in der Magenfrequenz, und da wird es manchem Insassen schlecht. Hier ist die Geräuschlosigkeit eigentlich nicht gewünscht: Ein Geräusch lenkt vom Elend ab, „maskiert“, wie das im Sound-Design heißt. Keiner weiß, warum das so ist. Die Psychophysik verfüge zwar inzwischen über ein „stabiles Methodeninventar“, um Gefühle und Wahrnehmungen messbar zu machen, wie August Schick von der Universität Oldenburg bestätigt. Aber Gerhard Thoma ist das noch lange nicht genug. Er will genauer wissen, warum wir fühlen, was wir fühlen, und auch herausfinden, ob verschiedene Wahrnehmungen sich gegenseitig beeinflussen.

Symphonie für Ohr und Gesäß

Um Autogeräusche so lebensecht wie möglich untersuchen zu können, haben die BMW-Akustiker einen Simulator gebaut. Im Versuchslabor ruht auf hohen Stelzen etwas, das aussieht wie ein halbes Auto, mit einer Schnauze und Platz für Fahrer und Beifahrer. Man betritt es über eine Rampe wie bei einer Rakete, und innen empfängt den Probanden das gewohnte Interieur inklusive Ledersitzduft. Hier lässt sich nach Wunsch jedes Auto akustisch simulieren, auch die Fahrzeuge der Konkurrenz, denn natürlich vermisst jeder Fahrzeugbauer auch deren Geräusche.

Diesmal ist der Simulant ein hauseigener 7er, der spritzig über eine Teststrecke jagt, die vor der Windschutzscheibe per Film abgespielt wird. Anlassergeräusch, Motorbrummen, alles klingt ausgesprochen echt, und als der Bodenbelag der Strecke von glatt auf rau wechselt, donnern die Räder lauter darüber.

In Zukunft werden sich Versuchspersonen in diesen Autonachbau bequemen müssen, wenn sie Geräusche beurteilen. Anstatt im Akustiklabor per Kopfhörer isolierte Sounds zu beurteilen, bekommen sie hier die ganze Symphonie: das Knautschgeräusch des Ledersitzes, den Wohlklang der Navigationsstimme, das Trommeln des Regens auf dem Autodach, das Schuck-Schuck der Scheibenwischer – das alles macht die Geräuschwelt des Autofahrers aus, und alles beeinflusst seine Bewertung.

Da ist vieles möglich. BMW hat ein System entwickelt, mit dem man von schnurrender Limousine auf röhrenden Roadster umschalten kann, in ein und demselben Auto. Man legt den Schaltknüppel in die manuelle Schaltgasse, und schon ist die Federung des Wagens härter – aber auch sein Sound: Das sportliche Geräusch wird per Lautsprecher in den Fahrgastraum eingespielt.

Serienreif ist die Tüftelei aus dem Sound-Labor schon längst – allein, es fehlt am Markt. Denn der deutsche Kunde fürchtet Gaukelei. Die Amerikaner seien sehr interessiert, aber in Europa geht der Trend zur Authentizität, man will mechanische Uhrwerke, nicht Quarzuhren mit eingespieltem Tickgeräusch. Sound-Design, ja: aber nur so, dass man es nicht merkt.

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Im Internet:

Video von DaimlerChrysler über sein Akustiklabor




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