 "Die Welt ist bunter geworden..."
Dass der technische Wandel der letzten Jahrhunderte von der westlichen Kultur ausging, ist kein Zufall. Gerade die Zersplitterung Europas war letztlich seine Stärke.
Ein Interview mit Dr. Wolfgang König, Professor für Wissenschafts- und Technikgeschichte an der Technischen Universität Berlin.
Herr König, „Professor für Wissenschafts- und Technikgeschichte“ lese ich auf Ihrer Visitenkarte. Bedeutet das Technikgeschichte ganz allgemein oder europäische Technikgeschichte?
Technik hat es immer und überall gegeben, wo Menschen gelebt haben; sie ist ein universales geschichtliches Phänomen. In Ihrer Frage schwingt dennoch etwas Richtiges mit: Technik hat sich in den einzelnen Kulturen nicht nur nach Inhalten und Zielen unterschiedlich entwickelt, sie wurde auch mit ganz verschiedener Intensität betrieben. Und da hat es in Europa in den letzten zweieinhalb Jahrhunderten eine derart systematische Verbindung von technischer Entwicklung einerseits und ökonomischer Verwertung andererseits gegeben, wie sie andere Kulturen nicht ausgebildet haben.
Allem Anschein nach waren die Bedingungen zum Beispiel in China aber doch mindestens ebenso günstig. Der Reichtum des Landes an Naturprodukten sei erheblich größer und vielfältiger, durch manche Erfindungen wären die Chinesen weiter fortgeschritten als die Europäer, schreibt Voltaire 1756 in seiner Universalgeschichte.
Was die natürlichen Voraussetzungen betrifft, mag das stimmen. Bei den Erfindungen konnte Voltaire, der die technische und industrielle Revolution noch nicht kannte, gar nicht abschätzen, was da eigentlich benötigt wurde – er wusste ja zum Beispiel nicht, dass James Watt ein paar Jahre später die Dampfmaschine verbessern würde. Für entscheidend halte ich aber etwas anderes. In China fehlten die kulturellen und sozialen Antriebe.
Vielleicht ist es Ihnen bei der Lektüre der großen chinesischen Romane aufgefallen: Die politische Elite war literarisch ausgebildet, wer Beamter werden wollte, musste vor allem Verse schreiben können! Dazu passt, was mir die Sprachwissenschaftler berichtet haben: Im klassischen Chinesisch gibt es keinen Ausdruck für den Begriff „Natur“, wie er im Abendland seit den frühen griechischen Philosophen ausgearbeitet worden ist..
Das heißt, in China hat es von vornherein keinen Antrieb gegeben, sich die Erde derart „untertan zu machen“, wie es das christliche Abendland in der Verbindung von biblischem Glauben und griechischer Wissenschaft getan hat?
Das ist ein Punkt unter anderen. Man darf solche Entwicklungen aber niemals monokausal betrachten. Eine Rolle spielt zweifellos auch, dass China viele Jahrhunderte lang ein zentral regiertes Riesenreich war; es fehlte die politische Konkurrenz, die Europa geprägt hat.
Wollen Sie damit sagen, dass die politische Zersplitterung Europa nicht etwa geschwächt, sondern vielmehr gestärkt hat?
Das Motiv, stärker zu werden als die Nachbarn. Sie sehen das auch im Italien der frühen Neuzeit, wo der Kapitalismus ja eigentlich seinen Ausgang genommen hat, zwischen Florenz, Venedig, Genua. Oder nehmen Sie das Gegeneinander von Spanien und Portugal am Anfang der europäischen Expansion nach Übersee oder dann später von Frankreich, Holland und England.
Ich will nur ein Detail nennen: die Schlachtschiffe mit mehrfachen Kanonenreihen seit dem 16. Jahrhundert. Rein technisch betrachtet, als Erfindung, stand das auch in den arabischen oder indischen Staaten zur Verfügung. Aber nur die Europäer haben diese Erfindung – und ich denke, unter dem gegenseitigen Druck – systematisch eingesetzt..
Das klingt befremdlich: Der Krieg als Vater von Kapitalismus und Industrialisierung, der innere Krieg in Europa als Vorschule für die Eroberung der anderen Kontinente?
Sie dürfen meine Argumentation bitte nicht auf das Militärische verengen! Der Grundsatz, dass Konkurrenz das Geschäft belebt und dass umgekehrt Monopole lähmend wirken, gilt ja auch im friedlichen Wirtschaftsleben. Und, wohlgemerkt, auch das ist nur ein Faktor unter anderen. Wenn die industrielle Revolution im späten 18. Jahrhundert in England ihren Ausgang genommen hat, dann musste dazu vieles zusammenkommen: natürlich die nötigen naturwissenschaftlichen und technischen Kenntnisse, aber auch die richtigen Rohstoffe am richtigen Ort, günstige Verkehrswege und geeignete Absatzmärkte.
Dann eine wachsende Bevölkerung, die nur versorgt werden konnte, wenn menschliche Leistung mit Maschinenkraft vervielfältigt wurde: eine Herausforderung, die aber nur deshalb wirken konnte, weil es aus ökonomischen und sozialen Gründen nicht möglich war, das Problem mit Sklavenheeren in einer extensiven Landwirtschaft zu lösen. Und schließlich ein Wirtschaftssystem, das dieses „Mehr“ an Leistung materiell belohnte: also der „Kapitalismus“.
Offenbar ein sehr erfolgreiches Modell, das sich inzwischen über den ganzen Erdball verbreitet hat ...
... und zwar, wenn ich das ganz schlicht feststellen darf, weil es den menschlichen Bedürfnissen entgegenkommt!
Woraus resultiert dann der Widerstand gegen das westliche Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, das Unbehagen an der Technik, die sich in diesem Rahmen entwickelt hat? In Afghanistan wollten die Taliban doch das Telefonnetz abstellen ...
Nach vier Jahrhunderten von europäischer Expansion und Kolonialismus wird Technik in großen Teilen der Dritten Welt als Ausdruck von Fremdherrschaft interpretiert. Wenn Sie übrigens auf Deutschland im 19. Jahrhundert blicken: Dort werden Sie ganz ähnliche Vorbehalte finden. Im Ernst wissen die politischen Eliten heute, dass es für ihre Länder keine andere Möglichkeit gibt, als sich am technischen Fortschritt zu beteiligen.
Das Unbehagen bleibt wohl dennoch: Kann man den technischen Fortschritt haben und sich zugleich gegen die anderen Phänomene des westlichen Lebensstils sperren: Demokratie, Pluralismus, Säkularisierung ...
In der Tat, der Technologietransfer bringt auch einen Kulturwandel, eine partielle Verwestlichung des Lebensstils, am Ende, denke ich, auch eine Veränderung des politischen Systems in Richtung Demokratie und Pluralismus. China zum Beispiel ist längst dabei, sich mit diesem Zusammenhang abzufinden:
Vor ein paar Jahrzehnten hat man versucht, ausländische Autos ohne die Hilfe von fremdem Personal nachzubauen. Jetzt ist man zu einer anderen Strategie übergegangen: Amerikanische und europäische Fachkräfte werden ins Land geladen, um chinesische Kräfte zu schulen. Natürlich bringen sie ihre Familien und ihre Lebensgewohnheiten mit. Die „chinesische Mauer“ ist durchlässiger geworden.
Für einige „fundamentalistische“ Strömungen im Islam ist aber doch genau das die Horrorvorstellung.
Ich glaube nicht, dass diese Strömungen in den islamischen Ländern die Mehrheit repräsentieren. Und übrigens ist dieser Kulturwandel ja keine Einbahnstraße. Die Welt insgesamt wird bunter; schauen Sie bloß auf die Restaurants in unseren Großstädten. Vor der Illusion, dass dieser Wandel ohne Konflikte abgehen könnte, sollten wir uns allerdings hüten.
Die Fragen stellte Josef Tutsch. |