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Vor 100 Jahren: Zufall und Schicksal



Parzenrelief Schloß Tegel (Berlin)

Aus der Sicht von "Meyers Großes Konversations-Lexikon 1905-1909":

 

Zufall (lat. Casus), im gewöhnlichen Leben alles, was uns nicht als notwendig oder beabsichtigt erscheint, oder für dessen Eintreten wir einen Grund nicht nachweisen können, das also nach unsrer Meinung ebensogut in andrer Weise und zu andrer Zeit hätte geschehen können.

Demgemäß wird die Zufälligkeit bald der Notwendigkeit, bald der Wesentlichkeit, bald der Absichtlichkeit entgegengesetzt. Genauer hat man den Z. in relativem und in absolutem Sinne zu unterscheiden.

Nur relativ zufällig ist ein Vorkommnis, dessen nähere Bedingungen wir nicht kennen, oder das mit gewissen andern gerade in Betracht gezogenen Umständen in keinem notwendigen Zusammenhange steht; ein absoluter Z. würde vorliegen, wenn ein Ereignis überhaupt durch keinerlei Umstände bedingt wäre.

Wenn z. B. ein Vorübergehender durch einen herabfallenden Stein erschlagen wird, so ist dies nur insofern zufällig, als zwischen dem Vorübergehen und dem Herabfallen kein ursachlicher Zusammenhang besteht; dagegen wären nach der Lehre des  Indeterminismus (s. d.) unsre Willenshandlungen als gänzlich ursachlos zugleich absolut zufällig.

Im Rahmen der wissenschaftlichen Weltauffassung findet zwar der relative Z. (auf den sich die Wahrscheinlichkeitsrechnung und die statistischen Methoden beziehen), nicht aber der absolute Z., weil dem  Kausalgesetz (s. d.) widersprechend, Platz. Vgl. Windelband, Die Lehren vom Z. (Berl. 1870); Cantor, Das Gesetz im Z. (das. 1877). -


Schicksal (Geschick), sowohl das Geschickte, d.h. ein einzelnes Ereignis oder eine ganze Reihe solcher, von denen angenommen wird, daß sie durch eine übermenschliche Macht bestimmt sind, als auch das Schickende, d.h. das (im Gegensatz zur Gottheit) unpersönlich gedachte Wesen, von dem die Begebenheiten und Verhältnisse ausgehen, die wir Schicksale nennen.

Im erstern Sinn unterscheidet man verdientes (selbstverschuldetes) und unverdientes (unverschuldetes), im letztern gerechtes (Nemesis) und ungerechtes S. (Fatum). Dem S. im ersten Sinne steht einerseits der (grundlose) Zufall, anderseits die natürliche Abhängigkeit der Erfolge von unsern vorausgegangenen Handlungen, dem S. im zweiten Sinne die (persönliche) Vorsehung gegenüber.

 

Moiren (griech. Moirai, bekannter unter dem lat. Namen Parcae, Parzen), die griechischen Schicksalsgöttinnen, die jedem sein Geschick zuteilen. Bei Homer ist Moira das personifizierte Verhängnis, das dem Menschen von Geburt an nach dem Ratschluß der Götter beschieden ist. Hesiod kennt der M. drei: Klotho (Spinnerin), die den Lebensfaden spinnt, Lachesis (Erlosung), die seine Länge bestimmt, Atropos (die Unabwendbare), die ihn abschneidet.

Sie heißen bald Töchter der Nacht, bald Töchter des Zeus und der Themis. Als das Schicksal von der Geburt bis zum Tod bestimmend, stehen sie mit der Geburtsgöttin Eileithyia und mit den Keren in Verbindung. Bald erscheinen sie als unparteiische Vertreterinnen der Weltordnung, bald als grausam und neidisch, bald als von Zeus' Willen abhängig, bald über ihm stehend.

In der ältern Kunst erscheinen sie mit Zeptern als Zeichen der Herrschaft, später Klotho spinnend, Lachesis mit Lostäfelchen oder auf dem Globus mit einem Griffel schreibend, Atropos mit Schriftrolle, Schrifttäfelchen oder Sonnenuhr. Eine der schönsten Darstellungen gibt das Parzenrelief in Tegel (s. Abbildung). Vgl. Lehrs, Populäre Aufsätze aus dem Altertum (2. Aufl., Leipzig 1875).
   

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"Warum immer ich?"

Welche Rolle spielen Zufall oder Schicksal in der heutigen Welt? Auszüge aus dem Buch des Wissenschafts-journalisten Jochen Wegner.




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