05.03.2004

Schluß mit dem Altern?



Bild: Sandia Lab

 

In einer Zeit, in der nur noch Jugend zu zählen scheint und das Schlagwort von den „jungen Alten“ die Runde macht, hat dennoch keiner das Altern wirklich aufhalten können - bisher. 

 

Von 
Kerstin Hoffmann und Klaus Bergner


Überall auf der Welt arbeiten Forscher mit Hochdruck daran, die Ursachen des Alterns zu erforschen und „Heilmittel“ dagegen zu finden. Fast wöchentlich lesen wir neue Meldungen über Wundermittel, die dem natürlichen Verfall entgegenwirken sollen.

Meist sind es Stoffe, die der Körper ohnehin herstellt. Etwa das Hormon Melatonin, das Schlafverhalten und Wohlbefinden steuert. Etwa ab vierzig produziert der Körper davon deutlich weniger. Mögliche Folge: Schlafstörungen und andere typische Alterserscheinungen. Empfohlene Lösung: regelmäßige Einnahme in Pillenform.

In Deutschland wird eine Frau durchschnittlich 79,9, ein Mann 73,3 Jahre alt. Wie alt jeder einzelne wird, hängt nach Aussage von James W. Vaupel, dem Direktors des Max-Planck-Institutes für demografische Forschung in Rostock, sowohl von biologischen als auch von sozialen Ursachen ab. Doch scheinen die genetischen Faktoren die Überhand zu haben.

Als jüngster Beleg gelten Untersuchungen zum Apoliprotein E. Bei einem Teil der untersuchten Personen fand man das Gen für eine bestimmte Variante dieses für den Eiweißstoffwechsel wichtigen Steuerproteins. Sie erwiesen sich als resistenter gegen viele Erkrankungen, etwa Herzattacken und sogar Alzheimer. - Mittlerweile gibt es rund dreihundert Theorien, warum Lebewesen altern.

Der genetische Countdown

Die Programmtheorie proklamiert den genetisch vorgegebenen Countdown, behauptet also, dass der Alterungsprozess angeboren ist. Jeder Organismus regeneriert sich ständig durch Zellteilung. Doch offensichtlich funktioniert das nicht beliebig oft. Das entdeckte bereits zu Beginn der 60er Jahre der Altersforscher Leonard Hayflick. Er züchtete im Labor Bindegewebszellen. Nachdem die Zellen sich rund fünfzig Mal geteilt hatten, starben sie ab. Seitdem vermutet die Wissenschaft eine verborgene „Uhr“ in der Erbsubstanz, der DNA.

Im vergangenen Jahr meldete ein US-Forscherteam, es habe den zellulären Mechanismus entschlüsselt und auch ein Gegenmittel entwickelt. Die Theorie besagt, dass auf den Enden der Chromosomen Schutzkappen sitzen, sogenannte Telomere. Die zusammengeknäuelte DNA muss sich für jede Teilung auseinanderfalten.

Bei der Rückfaltung geht ein Stück der Schutzkappe verloren. Wenn schließlich der Vorrat des Telomermaterials nach einer bestimmten Anzahl von Teilungen völlig verbraucht ist, befindet sich das Erbmaterial nackt im Zellkern. Die Chromosomen verkleben miteinander – die Zelle stirbt.

Jerry Shay und Woodring Wright, Biochemiker in einer kalifornischen Biotech-Firma meinen, genau dies verhindern zu können, und zwar mit Hilfe des Enzyms Telomerase. Die Konzentration des in den Körperzellen enthaltenen Biokatalysators nimmt mit steigendem Zellalter ab.

Mit Hilfe eines eingeschleusten Gens brachten die Forscher Hautzellen dazu, das Enzym verstärkt zu produzieren. Ergebnis: Die künstlich eingebaute Substanz blieb länger tätig; die Zellen teilten sich mehr als doppelt so oft, nämlich rund hundertmal, bevor sie abstarben.

Impfung gegen das Altern

Liegt hier vielleicht die Möglichkeit einer Impfung? Könnte eine solche Spritze den Jungbrunnen und ewiges Leben verheißen?
Aber die Programmtheorie lässt viele Fragen offen. Etwa: Warum altern auch Nerven- und Herzmuskelzellen, obwohl sie sich gar nicht teilen? Und: Würde die Telomerase-Impfung die Krebsgefähr verstärken? Denn der programmierte Zelltod sorgt andererseits auch dafür, dass sich Körperzellen nicht unkontrolliert vermehren können.

Radikale fangen

In der Verschleißtheorie spielen freie Radikale aus dem Zellstoffwechsel eine zentrale Rolle. Nach den Untersuchungen kanadischer Wissenschaftler schädigen sie die Erbsubstanz und greifen die Zellwände an. Man spricht deswegen auch von der Vergiftungstheorie. Bis zu einem gewissen Grad schützt sich der menschliche Körper gegen den Verschleiß mit dem Enzym Superoxiddismutase.

Der Biokatalysator hilft unserem Organismus, giftige Abbauprodukte der Zelle in unschädliche Substanzen umzuwandeln. Die Forschergruppe um die Neurobiologin Gabrielle Boulianne pflanzte Fruchtfliegen ein Gen für das menschliche Enzym ein. Der Effekt der biochemischen Müllabfuhr war verblüffend: Statt der üblichen achtzig Tage lebten die so behandelten Tiere bis zu 110.

Die Erkenntnis, dass eine einzelne Substanz so massiv auf die Körperchemie einwirkt, könnte erhebliche Konsequenzen für die weitere Altersforschung haben. Ging man bisher davon aus, dass bis zu 7000 Gene an der Endlichkeit des Lebens mitwirken, so zeigt sich hier, dass es vermutlich viel weniger sind. Das nährt Hoffnungen, dass der Alterungsprozesses bald mit einfachen Mitteln aufgehalten oder zumindest verlangsamt werden kann. Vielleicht gibt es in Zukunft optimal zusammengesetzte „Radikalfänger-Getränke“,  die Zellen vor Schäden bewahren und so länger jung halten.

Denn das Altern beginnt in der Zelle, lange bevor es äußerlich sichtbar wird. Wenn die Haare grau werden und die Haut welk, ist der natürliche Verfallsprozess schon relativ weit fortgeschritten. Umweltgifte, Infektionen und Stress tragen dazu bei, ihn weiter zu beschleunigen.

Der Wiener Universitätsprofessor Josef Schmid geht davon aus, dass nicht das Altern zu schlechten Blutwerten führt, sondern schlechte Werte den Körper stärker angreifen. Er setzt daher beim Stoffwechsel an. Schmid versucht, das biologische Alter zu senken, indem er die Blutwerte auf die eines Zwanzig- bis Dreißigjährigen einstellt. Dazu verordnet er spezielle Diäten, Fitnessprogramme und Medikamente.

Länger fit durch Untergewicht

Ein anderes Rezept zur Lebensverlängerung will Roy Walford von der University of California gefunden haben. Er meint, dass „das optimale Gewicht, den Alterungsprozess zu verlangsamen, unter dem Idealgewicht liegt“. Er stützt diese Theorie auf Untersuchungen seines
Landsmannes Clive McCay. Der setzte schon in den 30er Jahren Ratten auf Sparkost und verlängerte dadurch ihr Höchstalter von drei auf vier Jahre. Walfords Untersuchungen an Mäusen bestätigten das.

Der Mediziner gehört zu den acht Personen, die in dem künstlichen, abgeriegelten Ökosystem „Biosphere 2“ nach seinem speziellen Ernährungsplan lebten.  Nach zwei Jahren hatten sie im Schnitt vierzehn Prozent ihres Körpergewichts verloren. Sie hatten bessere Blutwerte, eine höhere Fitness und waren weniger anfällig für Krankheiten. Die Diät bestand aus einer ausgeklügelten Mischkost aus Obst, Gemüse und Ballaststoffen, kombiniert mit tierischen Eiweißen. Nachteil: Jeder Bissen muss geplant werden.

Hoffnungen für die Zukunft

Hoffnungen der Altersforscher richten sich daher auch auf die Gentherapie. Bereits für die nahe Zukunft werden wirksame Medikamente gegen typische, bislang weitgehend unheilbare Alters-Erkrankungen erwartet. Der Delphi-Report, eine breit angelegte Befragung von Wissenschaftlern der verschiedensten Richtungen, sagt beispielsweise ein Heilmittel gegen Alzheimer für 2014 voraus. Es soll die gefürchteten Proteinablagerungen in den Gehirnzellen verhindern.

Schon in fünf bis sechs Jahren werden Wissenschaftler in der Lage sein, Gelenk-Knorpel im Labor zu züchten und zu implantieren, um die Folgen der Arthrose zu beseitigen. Ebenfalls schon bald wird ein Durchbruch in der Behandlung von Schlaganfällen erwartet. Auch die Symptome der Parkinsonschen Krankheit wird man vermutlich schon bald erfolgreich bekämpfen können.

Tiefgefrieren lassen?

Vor allem in den Vereinigten Staaten investieren die, die es sich leisten können, in die Hoffnung auf eine in einigen Jahrzehnten weit fortentwickelte Medizin und lassen sich unmittelbar nach ihrem Tod  tiefgefrieren. Schenkt man den in der Delphi-Studie befragten Medizinern Glauben, so werden die Gefrorenen womöglich auf ewig in der Kälte der Stickstofftanks ausharren. Zumindest in den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten wird keiner von ihnen erfolgreich aufgetaut und wiederbelebt werden.  

 

 

Dr. Kerstin Hoffmann ist Journalistin und Beraterin für Unternehmenkommunikation.
Dr. Klaus Bergner ist Wissenschaftsjournalist beim Fernsehen.

Kontakt: Dr. Kerstin Hoffmann


Text und Bilder sind, soweit nicht ausdrücklich anders erwähnt, urheberrechtlich geschützt.
Sie dürfen ohne Genehmigung des Autors / der Autorin nicht verwertet werden.
© 1996-2004, MorgenWelt Media GmbH, Berlin
www.morgenwelt.de