16.02.2004

Schule im digitalen Umbruch?



Bild: FU Berlin

 

Die alte Schultafel im Klassenzimmer könnte schon bald ausgedient haben. In Berlin entwickeln Lehrer und Wissenschaftler zusammen eine Tafel mit ganz neuen Möglichkeiten.

von Irina Itschert

 

Sabine geht nach vorne an die Tafel und rechnet die Lösung der Matheaufgabe vor: „Jetzt noch die Wurzel ziehen … und das macht 35.“ Sie überlegt. „Nein, natürlich 36“. Sabine klickt wie selbstverständlich auf den Radiergummi und korrigiert kurz die fünf in eine sechs. Zur Bestätigung berührt sich noch einmal mit dem elektronischen Stift die Gleich-Taste. Die Tafel zeigt ebenfalls „36“ an. Sabines Ergebnis ist richtig. Ohne Kreide, Staub oder weiße Finger geht sie an ihren Platz zurück.

Zukunftsvisionen oder schon beinahe Alltag? An über zehn Schulen in ganz Berlin wird zurzeit in einer Evaluationsphase der Einsatz von elektronischen Tafeln praktisch erprobt. Die Bertold-Brecht-Oberschule in Spandau ist eine der Schulen, die eine elektronische Tafel im Rahmen des Cids-Projektes (Cids = Computer in die Schulen) erhalten hat.

„Seit Sommer 2003 benutze ich regelmäßig die elektronische Tafel im Unterricht“, erzählt Christian Plautz, Referendar an der Bertold-Brecht-Oberschule, der zum gleichen Zeitpunkt an die Schule gekommen ist. „Bevor ich die Tafel zu uns in die Naturwissenschaften geholt habe, stand sie im Fachbereich Englisch. Doch dort hat sie niemand verwendet“.

Einige Nachmittage seiner Freizeit investierte der junge Lehramtsanwärter, um sich in die Software und Bedienung der elektronischen Tafel einzuarbeiten. „Die lange Einarbeitungszeit und das technische Verständnis hält viele Kollegen davon ab, sich konkret mit der Tafel und ihren Möglichkeiten auseinander zu setzen. Aber wenn man diese Zeit einmal investiert hat, hat man völlig neue Möglichkeiten, seinen Unterricht zu gestalten.“ So können sich die 17 Schüler und Schülerinnen des Grundkurses Chemie über einen multimedialen Unterricht freuen.

 



Christian Plautz, Fotos: Itschert

Die elektronische Tafel besteht aus einem weißes Brett, das auf Druck reagiert. Per USB-Kabel werden die Daten an den Rechner weitergegeben. Mit Hilfe eines Beamers wird anschließend das Tafelbild auf das Brett projiziert.

Bilder und Grafiken können per Klick auf die elektronische Tafel geladen und dort bearbeitet werden. „So kann ich meine Tafelbilder besser vorbereiten und brauche nicht unnötig Zeit, um sie während des Unterrichts anzumalen“, so Plautz. Außerdem können die Tafelbilder abgespeichert und den Schülern anschließend als Material im Internet zur Verfügung gestellt werden. Mit Hilfe eines virtuellen Klassenraums mit Forum hält Plautz so auch außerhalb des Schulgebäudes Kontakt zu seinen Schülern, die sich dort auch untereinander austauschen können.

„Besonders die Eltern waren begeistert, da die Kinder so von zu Hause aus den Unterrichtsstoff nachholen können. Es müssen keine Hefter mehr kopiert werden, der kranke Schüler lädt sich einfach den aktuellen Unterrichtsstoff und die Hausaufgaben aus dem Internet“, erzählt der Referendar.

Ganz zufrieden ist er mit der elektronischen Tafel jedoch noch nicht. Vor allem der Schatten des Beamers macht den Einsatz der Tafel im Unterricht schwierig. Dadurch, dass das Bild auf die gleiche Tafel projiziert wird, auf der man auch schreibt, steht man genau im Licht.



Christian Zick

Doch nur zum Spaß hängt die Tafel im Institut für Informatik nicht. Ein sechs-köpfiges Team entwickelt zurzeit eine Software für die elektronische Tafel: E-Chalk, auf Deutsch auch E-Kreide genannt. Erste Versionen dieser Software sind bereits auf dem Markt und werden unter anderem auch in Schulen im Rahmen des Cids-Projektes erprobt.

„Dabei wird besonders darauf geachtet, dass die Software plattformunabhängig läuft und das Tafelbild ohne große Schwierigkeiten später angesehen werden kann“, so Zick. Schlau ist das Programm außerdem. Nachdem es die Handschrift erkannt hat, kann es nämlich nicht nur einfache Additions- oder Subtraktionsaufgaben ausführen, sondern auch komplizierte Integrale lösen.

Um eine möglichst reale Darstellung des Unterrichts im Nachhinein zu erzeugen, gibt es die Möglichkeit, auch den Ton des Dozenten zu speichern und anschließend parallel zum Aufbau des Tafelbildes ablaufen zu lassen. Als weiteres Modul ist für eine im Internet abrufbare Aufzeichnung der Veranstaltung, ein Bild des lehrenden Dozenten in einer Ecke des Bildschirmes geplant. „Bisher müssen wir nämlich auf die nonverbale Kommunikation über die Gestik verzichten“, bedauert Zick.

Christian Zick, Foto: ItschertChristian Plautz hält die momentane Version von E-Kreide für den Schulbetrieb noch ungeeignet: „Für eine Lehrveranstaltung, die in erster Linie auf Frontalunterricht eines Dozenten beruht, ist sie sicherlich eine gute Lösung. Der Schulunterricht wird allerdings oft in Arbeitsgruppen durchgeführt, die Schüler sind mehr in den Unterricht integriert. Es wäre zum Beispiel sehr umständlich, das Mikrofon ständig herumzureichen.“

Plautz benutzt die Software einer bekannten Firma, die auch die dazugehörige Hardware der Tafeln herstellt. Ganz zufrieden ist er mit dieser Software jedoch auch noch nicht. „Ich würde mir bessere Import- und Exportmöglichkeiten wünschen, z. B. dass das Tafelbild auch als Bild (jpg, bmp, gif) abgespeichert werden kann und nicht nur als html-Version zur Verfügung steht. Außerdem wäre es wünschenswert, dass die Schüler auch eigene Präsentationen zu Hause vorbereiten und anschließend nur das Tafelbild auf CD mitbringen müssten.“

Noch steckt die elektronische Tafel zwar noch in den Kinderschuhen, aber sie wird doch schnell zu einem wichtigen Bestandteil der Lehreinrichtungen heranwachsen.

 

 

Irina ItschertIrina Itschert

studiert Publizistik, Informatik und Soziologie an der Freien Universiät Berlin

Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars für Online-Journalismus im WS 03/04 an der Freien Universität Berlin, Inst. f. Publizistik.

 

 

 

 

 


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