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Bildung rockt – manchmal!



Ginseng Bonbons bei "Bildung rockt"

 

In Berlin wollten die Studenten mit einem Konzert die Streikkultur wiederbeleben – und rockten gegen sich selbst!

 

von Carsten Werner

 

Sie hatten sich soviel vorgenommen, die Berliner Organisatoren des Konzertes „Bildung rockt“ am 15. Januar 2004. Zwei Monate zuvor, auf dem Höhepunkt der Berliner Protestbewegung gegen Bildungskürzungen, hatten sie sich zusammengesetzt, in Gedanken bereits im neuen Jahr. Ihnen war klar: Die lange Winterpause lässt auch die Streiklust der Studierenden einfrieren. „Deshalb haben wir dieses Konzert organisiert.“ so der gemeinsame Konsens. „Wir dachten, es sei das ideale Medium um wieder viele Leute zu mobilisieren“.

Der Berliner Soziologe Dieter Rucht, der sich schon seit langer Zeit mit den Phänomenen Demonstration und Protest beschäftigt, bestätigt dass solche Aktionen wichtig sind. „Jede Bewegung muss ihren Nachrichtenwert hoch halten damit sie sich nicht abnutzt.“ so Rucht. „Dies probiert sie entweder mit ihrer schieren Größe, mit Prominenten, mit originellen Aktionen oder mit Militanz und Gewalt.“

„Bildung rockt“ sollte gleich eine Vielzahl der Voraussetzungen für eine gute Öffentlichkeitswirksamkeit erfüllen. Das Konzert sollte in einem Zusammenhang mit den vielen kreativen Aktivitäten stehen, mit denen die Berliner Studierenden seit dem Herbst letzten Jahres gegen die Kürzungen im Bildungsbereich protestierten.

Weiterhin sollte auch gezeigt werden, dass viele Prominente der Hauptstadt die Forderungen unterstützen. Und tatsächlich konnten acht Bands für einen kostenlosen Auftritt an diesem Abend gewonnen werden. Unter ihnen waren die bei vielen Studenten bekannten Gruppen Mia, P.R.Kantate, Sofaplanet und Jazzanova.



Flyer zum Konzert

So stand dem Erfolg des Konzertes als Startpunkt der Studentenproteste im Jahr 2004 eigentlich nichts mehr im Wege. Doch statt der zehntausend Studenten, die sich locker bei den Demonstrationen im letzten Jahr einfanden, verloren sich gerade mal zweitausend Konzertbesucher auf dem großen Platz vor der Bühne. Das war die erste Enttäuschung für die mutigen Organisatoren. Dann der zweite Schlag:

Mia, die im Oktober 2003 mit „Was es ist“ auf Anhieb in die deutschen Top 100 Singlecharts kamen, eröffneten das Konzert. Den umstrittenen Berliner Newcomer, die sich in dem Projekt „angefangen“ für eine moderne und neue deutsche Identität ein-setzen, wird besonders von engagierten Linken Nationalismus und Geschichtsrevisionismus vorgeworfen. Dabei stehen sie bei einem Label unter Vertrag, das sich Respekt und Toleranz auf die Fahnen geschrieben hat: R.O.T. (respect or tolerate).



Die Band Mia

Und das hatte Folgen: Kaum wurde die Gruppe angekündigt, ging ein gellendes Pfeifkonzert los. Dann kam Mia – und es flogen die Eier. Hämisch schilderte die linke Jugendzeitung „jungle world“ den späteren Ablauf so: „Die dem Abbruch folgende, hilflose Ansage des verheulten und an der Nase blutenden Gitarristen der Popgruppe ging in »Nie wieder Deutschland«-Rufen unter. Transparente mit Aufschriften wie »Kein Lifestyle-Nationalismus« und »Deutschland halt’s Maul« zeigten, wie wenig Verständnis die meisten Menschen im Publikum für Mias positiven Bezug auf die deutsche Nation hatten.“

Moment mal: Ging es bei dem Konzert nicht um Bildungspolitik? Und ging es den Organisatoren und wohl auch den Besuchern nicht darum, gegen die Kürzungen an den Universitäten zu protestieren? Wieso richtete sich da der Unmut der Anwesenden plötzlich gegen eine Band, die sich selbst durchaus als links begreift und die Forderung der Demonstanten unterstützt?

Für den Soziologen Rucht ist das keine Überraschung. In einer groß angelegten Studie konnte er nachweisen, dass der durchschnittliche Demonstrant zwar dem linken Spektrum zuzuordnen ist, dabei sich aber auch in anderen Zusammenhängen politisch engagiert: Sei es in der Friedensbewegung, in Gewerkschaften, Parteien oder anderen Organisationen.

Außerdem so Rucht, „gehört jeder Bürger dieses Landes stets gleichzeitig verschiedenen Gruppen an.“ So gibt es niemals eine homogene Einheit von Demonstranten mit dem gleichen Zielkatalog, sondern stets eine Vielzahl unterschiedlicher Intentionen. Auch die Unterstützer einer Protestbewegung können somit ins Schussfeld bestimmter Gruppen von Demonstranten geraten, wenn sie in ganz anderen Gebieten für eine gegenteilige Überzeugung stehen.



Die Veranstalter

So bezogen auch im weiteren Verlauf der Veranstaltung andere Künstler mehr oder weniger offen Stellung zu dem Vorfall. Felix König von der Gruppe Ginsengbonbons äußerte: „Wir beziehen Position gegen die Aussagen von Mia, weil diese uns massiv stören.“ Andere Künstler wandten sich entschieden dagegen und zeigten sich solidarisch mit Mia. Die Band Jazzanova, deren Auftritt am Ende der Veranstaltung eigentlich zu einem weiteren Highlight werden sollte, sagte gar kurzfristig ihren Auftritt ab.

War das Konzert deshalb für die Veranstalter ein Fiasko? Wahrscheinlich nicht. Abgesehen von den Mißtönen am Anfang klappte alles reibungslos und das Publikum hatte seinen Spaß. Doch zum Startpunkt einer neuen Protestbewegung wurde es leider nicht und ob es einen wesentlichen Beitrag dazu leisten konnte, die Berliner Politiker zum Einlenken zu bringen, ist ebenfalls fraglich.

„Nur wahlpolitisch relevante Massenbewegungen sind dazu in der Lage die Politiker zu Reaktionen zu veranlassen“, so Rucht. Doch hierzu müssten breite gesellschaftliche Gruppen mobilisiert werden. Ob das den Berliner Studenten in Zukunft gelingen wird, ist offen. Denn eine breite gesellschaftliche Mobilisierung bedeutet zugleich ein breites Spektrum der Meinungen - und deshalb Toleranz bei Andersdenkenden.

 

Carsten Werner

studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaften, Betriebswirtschaft und Politikwissenschaft
an der Freien Universiät Berlin

Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars für Online-Journalismus im WS 03/04 am Inst. f. Publizistik.

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Mehr im Internet:

Forschungsprojekt politische Öffentlichkeit und Mobilisierung (Prof.Rucht)
plaudertasche.net: Texte zur Kontroverse um Mia
Streikseite der Freien Universität Berlin



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