 Schrapps Geheimnis: Kurz und Gelb!
Ein junger Regisseur träumt den Traum eines alten Museumswärters. Herausgekommen ist ein kleiner Film, an dem zwar so mancher Filmprofi herummäkelte, der aber die Feuertaufe beim Publikum bestand. Für den Regisseur war es ein Selbsterfahrungstrip ganz eigener Art.
von Malte Banser
Als ich den Jungregisseur Lars-Christopher Voigts Anfang Februar in Berlin traf, waren es nur noch sechs Tage bis zum Kurzfilmfestival in Bayreuth. Dort wird er sich wieder anonym zwischen die entspannten Kinozuschauer setzen und hoffen, dass sie irgendeine Reaktion zeigen. Bloß keine Stille. "Wenn mir das passiert, dann gehe ich raus". Schließlich ist ein schweigendes Publikum für jeden Regisseur die Höchststrafe.
Auf dem "Shortmoves"-Festival in Halle haben die kritischen Zuschauer den einen oder anderen Regisseur mit Stille bestraft. Bei Lars' Film haben sie zum Glück geklatscht. Läuft auch in Bayreuth alles nach Plan, dann wird das Publikum an den richtigen Stellen schmunzeln. Vielleicht auch mal gerührt seufzen.
Dann wird auch die Berlinale-Enttäuschung endgültig überwunden sein. Dort hatte man seinen Film abgelehnt. Auf kein einziges Festival werde er es schaffen, hatte man prophezeit. Doch auch die deutsche Filmelite kann irren: Der Kurzfilm "Schrapps Geheimnis" läuft innerhalb von zwei Monaten jetzt schon auf dem zweiten Festival. Die Bewerbungen für Dresden, Hamburg, München und Leipzig laufen noch.
"Schrapps Geheimnis" ist ein harmonischer Kurzfilm über den alten Museumswärter Egon Schrapp, dessen Traum es ist, einmal eines seiner Bilder zwischen all den Meisterwerken bewundern zu dürfen. Eines nachts erfüllt er sich diesen Traum. Er hängt ein kleines Bild zwischen die Ausstellungsstücke, kommt am morgen nicht mehr dazu, es wieder abzuhängen, und einen Tag später ist es – zusammen mit dem Glanzstück der Ausstellung - gestohlen. Ende des Films. Dazu: Dezente Klaviermusik, kaum Dialog, ein paar filmtechnische Leckerbissen für Cineasten, und nach 16 Minuten ist Schluss.
Kurz und Gelb: Das Kommunikationsforum ist eine Institution der Universität der Künste. Sie möchte den Studenten den Weg in die Arbeitswelt ebnen. Durch Projektarbeiten mit Profis aus der Wirtschaft werden den Teilnehmern praktische Übung und Kontakte vermittelt.
„Kurz und Gelb“ ist das Kurzfilmprojekt des Kommunikationsforums. Das Ergebnis der fast einjährigen Arbeit ist der Kurzfilm „Schrapps Geheimnis“.
Der Film läuft am 06.Februar 2004 auf dem Kurzfilmfestival „Kontrast“ in Bayreuth.
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Doch diese 16 Minuten sind das Ergebnis von fast einem Jahr Teamarbeit. Im Januar 2003 begann das Kurzfilmprojekt "Kurz und Gelb" des Berliner Kommunikationsforums. Per Aushang wurden Studenten für mehrere Filmworkshops gesucht.
Lars-Christopher Voigts, nach eigenen Angaben beruflich momentan in der "Konsolidierungsphase", war einer der 600 Bewerber auf die 80 freien Stellen des Projekts. Angeboten wurden acht Workshops zu den wichtigsten Bereichen der Filmproduktion: Regie und Kamera, Drehbuch, Licht und Ton, Produktionsablauf, Schnitt, Szenenbild/Ausstattung, Kostüm und Maske und Filmmarketing.
Lars' Personalbogen und die Analyse zweier Filmszenen sicherten ihm die Teilnahme im Workshop "Regie". Innerhalb des 9-tägigen Workshops Anfang April wurden aus den acht Untergruppen die jeweils besten ihres Gebietes anhand einer praktischen Übung ausgewählt. Diese acht Studenten – unter ihnen Lars als Regisseur - sollten ihr neuerworbenes Wissen dann in einem Kurzfilm verwirklichen.
Jede Position war mit einem Spezialisten auf dem jeweiligen Gebiet besetzt. Der Architektur-Student übernahm den Bühnenbau, der Tonmeister kümmerte sich um den Sound, die Modedesignstudentin fertigte die Kostüme. Aus den Gruppen wie "Kostüm" oder "Maske" konnten sich sowieso mehr als nur der jeweils beste Teilnehmer bei den Dreharbeiten einbringen. Jeder sollte ja etwas lernen. Regie und Kamera mussten dagegen in ihren Entscheidungen frei sein.
Das vergleichsweise spärliche Budget von etwa 12.000 Euro und die Sachspenden von etwas höherem Wert wurden von "Kurz und Gelb" organisiert.
Gerade einmal sechs Drehtage standen den unerfahrenen Studenten dann Ende Juli zur Verfügung. Da war das Chaos vorprogrammiert. "Eines hab ich echt gemerkt: Film ist alles andere als basisdemokratisch" sagt Lars und fügt hinzu "Ich war aber nie der Chef, der einfach nur draufhaut."
Nach anfänglichen Schwierigkeiten und kurzen Reibereien hatten dann alle begriffen, dass ein Film nur dann gut wird, wenn sich das Team dem Regisseur anpasst. Normalerweise bringt der Regisseur ja sein vertrautes Team mit zum Set. Bei "Kurz und Gelb" wurden die Teilnehmer zu einer Zweckgemeinschaft zusammengewürfelt.
Bis zu 40 Leute tummelten sich täglich am Drehort im Berliner Künstlerhaus Bethanien. Der einzige Profi am Set war der renommierte Theaterschauspieler Hermann Beyer, der schon unter Heiner Müller am Berliner Ensemble spielte. Die Studenten konnten ihn unentgeltlich für die Hauptrolle gewinnen.
Die Zusammenarbeit mit Beyer war für Lars besonders angenehm und lehrreich. Auch wenn es eine Gratwanderung war zwischen dem nötigen Respekt und dem konsequenten Durchsetzen seiner Regieideen. "Das war ein ziemlich schwieriges Unter-fangen; zum ersten mal mit einem Profi zusammenzuarbeiten und dann zu sagen: Nee, Hermann, das war nix. Mach mal noch mal." Inwiefern Beyers Leistung auch Lars' Leistung war, lässt sich wohl nicht zurückverfolgen. Sicher ist nur: Die Zusammenarbeit war fruchtbar.
Schade, dass "Kurz und Gelb" dieses Jahr nicht genügend Sponsoren gefunden hat und das Projekt erst mal einstellen musste. Denn auch wenn der Film für keinen der Teilnehmer bis jetzt beruflich irgendwelche Türen geöffnet hat, bereut keiner die freiwillige Arbeit. Die Studenten haben gelernt, dass sie in der Lage sind, ein Konzept vom Drehbuch bis zum fertigen Film umzusetzen.
Hermann Beyer kam sogar zur Premierenfeier Mitte Dezember letzten Jahres ins Hebbel Theater. Die Dozenten der Workshops blieben zuhause. Ihnen hat der Film ja auch nicht gefallen. Sie haben ihn geradezu in der Luft zerrissen: "Die Einstellung ist zu lang", "Was ist denn mit den Statisten los?", "Wieso habt ihr die Wand denn rot gestrichen?"...
Das tut zwar weh, ist aber allemal besser als diese tödliche Stille.

Malte Banser
studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaften und Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin
Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars für Online-Journalismus im WS 03/04 am Inst. f. Publizistik. |