06.02.2004

Goodbye Wahlfrust



Plakat der "WahlGang" Kampagne

 

Findige Politik- studenten haben junge Nichtwähler als Zielgruppe entdeckt. Ende Februar entsteht in Berlin die erste Agentur, die Jugendliche zum Wählen animieren soll. Ohne die Harald Schmidt Show wäre das wohl nicht passiert! 

 

von Kirsten Leinert

 

Das "Super-Wahljahr 2004" ist angebrochen: eine Vielzahl von Landtags- und Kommunalwahlen sowie die Europawahl steht an. Der Enthusiasmus der politischen Berichterstatter trifft allerdings vor allem auf Seiten der (Jung-)Wähler meist auf wenig Echo. Bei den letzten beiden Landtagswahlen waren die Nichtwähler jeweils die stärkste Partei. Wählen gehen ist für viele, besonders für Jung- und Erstwähler, längst nicht mehr selbstverständlich.

Die Gründe dafür sind vielfältig: Frust, Desinteresse, Protest oder Gleichgültigkeit sind nur die am häufigsten zitierten. Vielerorts mangelt es trotz des Wissens um die sinkende Wahlbeteiligung unter Jungwählern darüber hinaus an geeigneten Kampagnen, um diese Zielgruppe als Wähler zu gewinnen.

Die Wahlkampfaktionen der einzelnen Parteien sprechen oft nur ohnehin interessierte Bürger an. Auch deren Wahlprogramme bieten nur Wenigen eine wirkliche Orientierungshilfe. Institutionen, die es generell als ihre Aufgabe begreifen, (Jung-)Wähler zur Wahl zu motivieren, gibt es kaum.

Dies war der Ansatzpunkt einer parteiübergreifenden Kampagne zur Mobilisierung von Jungwählern, die die studentische Agentur "Politikfabrik" zur letzten Bundestagswahl durchführte.

Die Politikfabrik entstand aus einem Seminar am Otto Suhr-Institut für Politikwissenschaft (OSI) an der FU Berlin. Der Verlockung bereits an der Uni praktisch zu arbeiten und wertvolle Erfahrungen zu sammeln folgten damals über 80 Studierende. 

Die Seminarteilnehmer entwarfen eine Kampagne unter dem Titel "WahlGang", mit dem sie Interesse für die Bundestagswahl 2002 wecken wollten. Als Kooperationspartner wurde die Bundeszentrale für Politische Bildung gewonnen, die sich von den Ideen der Studenten begeistern ließ und diese finanziell unterstützte.

"Bei der Umsetzung wurde uns viel Spielraum gewährt," erinnert sich Ilka Wiese, die Leiterin der Werbegruppe des Projekts, auch wenn endgültige Entscheidungen immer mit der Bundeszentrale abgestimmt werden mussten.

Wahlplakat mit Erkan und StefanDie Kampagne hatte mehrere Schwerpunkte: es gab einen bundesweiten Kinospot, der Jugendliche zum Wählen motivieren sollte. Außerdem wurden Plakate entworfen, die in einem Berliner Wahlkreis aufgehängt wurden. Dieser Wahlbezirk war für eine besonders geringe Beteiligung unter Jung- und Erstwählern bekannt. Die Unterstützung einiger Prominenter, darunter der Schauspieler Daniel Brühl sowie die Comedians Erkan und Stefan, verhalf der Aktion unter dem Motto "Wählen statt warten" zu einiger Aufmerksamkeit.

Insgesamt zehn Informationsveranstaltungen an Schulen innerhalb dieses Bezirks stießen auf überaus positive Reaktionen. "Es war faszinierend zu sehen, wie unser Besuch Diskussionen unter den Schülern in Gang gebracht hat," sagt Henriette Volk, die sich um die Finanzen der Kampagne kümmerte.

Ungeahnte Aufmerksamkeit allerdings erhielt ein anderes Projekt: der Wahlomat, eine Online-Wahlhilfe. Harald Schmidt testete seine Parteipräferenz in seiner Show und begründete somit den Erfolg der Seite mit, die bis zur Wahl über zwei Millionen Besuche verzeichnete.

Laut einer Umfrage des Forsa-Instituts gingen rund 5% der Jung- und Erstwähler  aufgrund dieser Kampagne zur Wahl. Der große Erfolg der verschiedenen Aktionen ist vor allem dem unermüdlichen Arbeitseifer der Studierenden geschuldet.

Ab Mai kümmerten sich 15 "feste" Mitarbeiter im eigenen Büro um die Umsetzung der Konzepte und das "oft bis vier Uhr morgens," so Ilka Wiese. "Zunächst arbeiteten wir ca. 20 bis 30 Stunden pro Woche an dem Projekt, aber bereits im Mai war es ein full-time Job für viele von uns."

Rückblickend würde sie die Erfahrungen nicht missen wollen, sagt sie. Durch die Arbeit an der Kampagne hat sie sich für dieses Berufsfeld entschieden. Henriette Volk stellt ebenfalls den Wert des praktischen Einblicks heraus und erläutert, dass man durch ein solches Projekt "die Scheu vor dem Arbeitsmarkt verliert" und seine Fähigkeiten besser einzuschätzen lernt.

Damit sowohl die Wahlkampagne als auch die Möglichkeit während des Studiums bereits praktisch zu arbeiten keine einmalige bleibt, wird die Politikfabrik nun als studentische Kommunikationsagentur an der Uni etabliert.



Optimistische Jungunternehmer: Mirko Kormannshaus und Felix Gerhardt

Grundidee des Ganzen ist es, "die eigene Ausbildung praxisnäher zu gestalten und erste Erfahrungen im Bereich der politischen Kommunikation zu machen", so Mirko Kormannshaus, der ebenfalls studentische Geschäftsführer der Politikfabrik. "So etwas ist in anderen Studiengängen, wie zum Beispiel BWL, völlig normal."

Ihre Mitarbeiter rekrutiert die Politikfabrik ausschließlich aus dem Kreis der Studenten, derzeit noch fast nur Politologen. Diese erhalten durch die Beteiligung an konkreten Projekten einen Einblick in ein mögliches späteres Berufsfeld.

Gerade das Wissen um beide Seiten der Medaille, der theoretischen politischen Zusammenhänge, wie aber auch der Methoden und Instrumente der Politikvermittlung, können beim Eintritt in den Arbeitsmarkt ein entscheidender Vorteil sein.

Unterstützung erhält die Politikfabrik von Praktikern aus der politischen Kommunikation, die mit konstruktiver Kritik die Arbeit der Studenten begleiten.

Derzeit erstellt die Politikfabrik eine Jungwählerkampagne für die Landtagswahl in Brandenburg und für die Europawahl. Laut Kormannshaus hofft die Politikfabrik sich  mit diesen und ähnlichen Projekten dauerhaft als ernstzunehmende studentische Agentur am Markt zu behaupten.

Der erste Schritt für eine Etablierung ist bereits in Aussicht: Ende Februar findet die offizielle Gründungsveranstaltung der Politikfabrik GmbH statt.

 

Kirsten Leinert

studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaften und Nordamerikastudien
an der Freien Universiät Berlin

 

Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars für Online-Journalismus im WS 03/04 am Inst. f. Publizistik.


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