 Cobra-Killer im Untergrund
"Berlin ist ein Reagenzglas, in dem Pop und Establishment, Mainstream und Underground stets neue Mischungs-Verhältnisse bilden. Dabei hat es den Anschein, als entstehe hier die nächste Generation jener Bobos («Bourgeoise Bohemians»), die der Amerikaner David Brooks beschreibt."
Von Stefano Camurri
Das zumindest war die Sicht der Neuen Züricher Zeitung im Juni 2001. Ist sie so falsch, die Schweizer Sicht? Im Rückblick auf das vergangene Jahr kann man leicht zu dem Schluss kommen, dass die Berliner Szene im Underground am interessantesten ist, also dort, wo die Indie-Labels eine zentrale Rolle spielen.
„Indie“ oder „Indy“ das heißt „independant“, bedeutet „unabhängig“ und meint eine Musik abseits lukrativer Verträge mit großen Plattenfirmen. Jenseits des Vermarktungsdruckes haben die Musiker so mehr Freiheit sich auszudrücken, und verschiedene Stilrichtungen, also „Styles“ zu vermischen.
Seit drei Jahre gibt es die MarkeB, eine Veranstaltung, deren Ziel es ist die Indie Label Berlins zu fördern. Die angesagte Elektropartyreihe stellt alljährlich im November die Newcomer der bunten Berliner Indieszene in zwei Abenden vor. Die Indiestars des feinen Elektrobeats von morgen. Die jährliche Veranstaltung zieht sowohl Musikfreaks wie auch Künstler an. Die vier Bühnen des WMF-Cafes“Moskau“ in der Karl-Marx Allee nahe dem Alexanderplatz garantieren eine Mischung von Live-Musik und Clubparty. So ist die Atmosphäre der MarkeB 2003 auch etwas ganz besonderes, vor allem im Vergleich zu einer normalen Club-Party.
Leckerbissen für all jene, die selbst in der Elektroszene aktiv werden wollen: die „Label Gallery“, ein großer Saal mit den Ständen der Musikproduktionen, wo man die begehrten Kontakte knüpfen kann. In dieser Gallery kann man originelle CDs oder Platten gewinnen. Die Voraussetzung ist allerdings, dass man in Memory oder anderen Gesellschaftsspiele fit ist und die hochtrainierte Mitarbeiter der Firmen schlagen kann.
Insgesamt traten im letzten Jahr 29 DJs und Bands auf. Dazwischen die fünf ausgewählten Musiker, deren Live-Performances besonders überzeugt haben. Allen gemeinsam war der Elektrosound als ein Teppich auf dem die vielfältigen Stilrichtungen gemischt werden. Dub, Rock, Techno und sogar Hip-Hop und Soul erweitern den Sound. Zu hören war da bereits vieles, was in diesem Jahr die Berliner Indie-Szene ausmachen wird. Einige Beispiele:
Jahcoozi (WMF rec.) bringen Jah (Jamaika) in die Clubs. Raggae und Trip-hop verbinden sich in einer Groove Atmosphäre. MC Sasha Perera, Robot Koch und Oren Gerlitz haben sich jetzt mit dem EP „Fish“ weiter zu tieferen Elektroklänge entwickelt. Mit den erfolgreichen Remixes (Natascha und Beige) finden Jahcoozi parallelen Wege in andere Clubszenen. Wer Jahcoozi mag, darf sich nicht Bus (Scape) entgehen lassen. Zusammen mit der kräftigen Stimme der MC Soom-T beeindrucken Bus mit Ihren Live-Sets, die mit fetten black beats unterlegt waren. Bus wurde in 2001 aus einer gemeinsamen Leidenschaft für Reggae von Daniel Meteo und Tom Thiel –beide Co-Promoter der MarkeB- gegründet. Mit dem Einfluss von MC Soom-T erweitert sich ihr ursprünglicher Stil zu einer Mixtur von Dub, Hip-Hop und Elektronikelementen.
Für eine traumhafte Atmosphäre sorgt TimTim (BpitchControl). Seine samtige Stimme blendet sich perfekt in den filigranen Klangteppich seiner Soundblumen. Tim Buktu kommt aus dem Elektropunk Band Mia (ROT), der Gitarre spielt. Als Solo kann er die klassische Song-Writing mit zarten Elektrobeats schmieren.
Als DJ überzeugt derzeit vor allem Alexander Kowalski (Kanzleramt), der eklektisch seine unterschiedlichen Elektroerfahrungen einbringt, und damit immer wieder überrascht. Vom klassischen Berliner Techno ist Kowalskis Sound melodischer geworden. Der Remix „Hidden Houses“ von Dave Gahan (Depeche Mode), zeigt dieser Kowalskis wachsendes Talent.
Last but not least bleiben noch die „shocking girls“ der Cobra Killer (Monika Rec.) zu erwähnen, die eine extreme Performance auf der Bühne zeigen. Zwischen Fetisch und Hardcore folgt das weibliche Duo die Chicks on Speed- und Peaches-Welle. Für Gudrun Gut, Chefin der Monika Records und Veranstalter der MarkeB, war das eines der Higlights des letzten Festivals: „Ich finde Cobra Killer großartig. So eine Performance gibt es sonst nicht. Teilweise ironisch, teilweise auch nicht. Man steht mit offenem Mund da, und versteht nicht, was da auf der Bühne passiert.“ Aber auch für Newcomer war MarkeB eine gute Möglichkeit, das Publikum zu überzeugen. Die ausgelassene Stimmung ließ jedenfalls darauf schließen, dass das auch gelang. Es war eine Party, die zu Berlin passt, wie „Butter bei die Fische“. Und das liegt vor allem am vorhandenen Kreativpotential der Stadt und seinem Rohstoff: viele junge Leute.
„Junge Leute machen natürlich eine Musikszene aus!“ sagt Gudrun Gut: „Fast ein Drittel der Bevölkerung in Berlin ist im ausgehfreudigen Alter. Als zweiter Punkt ist das Leben in Berlin für die Größe der Stadt extrem billig, und viele Ideen sind hier auch mit wenig Geld realisierbar. Die Miete ist nicht so hoch und das Leben ist bezahlbar.“
Im Vergleich zu München, Rom oder Paris haben es hier junge Talente in Berlin einfacher, ihr eigenes Label aufzubauen. Geld spielt nur eine Nebenrolle, es geht vor allem um den Spaß an der Arbeit!
„Nach ein paar Jahren kommt es trotzdem zum Schritt in die Professionalität“, so Gudrun Gut. „Dann brauchst du Geld um deine Leute zu bezahlen“. Trotzdem oder deshalb sieht sie für diese Szene eine gute Zukunft in Berlin. Ihr Argument: Durch die Geschwindigkeit in der Welt könnten Independent Label viel schneller reagieren.
Die großen Plattenfirmen unterliegen aufgrund ihrer Größe viel eher schwerfälligen Vertriebs-Strukturen. Die Vertriebswege der Indies sind verzweigter und gehen direkt in die Netzwerke und damit zu den Kunden. Und nicht zuletzt gibt es jede ganz spezielle Tradition Berlins: Die frühere Mauerstadt war schon seit den 20er Jahre des letzten Jahrhunderts Mittelpunkt von Künstlerinitiativen und Untergrundkultur. Was neu, innovativ oder experimentell in der Musikszene ist: In Berlin werden ihm die Türen geöffnet. MarkeB ist dafür ein perfektes Beispiel.

Stefano Camurri
stammt aus Bologna und studiert derzeit Medienberatung und Kommunikationswissenschaften in Berlin
Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars für Online-Journalismus im WS 03/04 |