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29.01.2004 Die Glutwolke vom Mont Pelée
Am 8. Mail 1902 kam es in der Karibik zum folgenschwersten Vulkanausbruch des 20. Jahrhundert. 29.000 Menschen starben in einer Feuerwolke. Doch ihr Tod war zugleich die Geburtsstunde der modernen Vulkanologie. von Volker Lange
Die französische Insel Martinique im westindischen Ozean gilt als eine der schönsten Inseln der Welt. Vom flacheren Süden mit seinen Palmenstränden und Plantagen steigt eine hügelige Landschaft zum gebirgigen Norden an. Dort erhebt sich der Vulkan Mont Pelée, mit 1.397 Meter der höchste Punkt der Insel. An seinem Fuße liegt das verschlafene Städtchen St. Pierre. Noch vor hundert Jahren lebten hier 25.000 Menschen und die Stadt war das wirtschaftliche und gesellschaftliche Zentrum der Insel. Ein eleganter Ort wie New Orleans, mit Häusern in französischen Kolonialstil. Heute hat St. Pierre nur noch 5000 Einwohner. Es war der 8. Mai 1902, als sich das Schicksal der Stadt abrupt änderte. Am Mont Pelée kam es zu einer gewaltige Eruption und innerhalb von nur drei Minuten fegte eine Glutwolke auf die kleine, etwa sechs Kilometer entferne Stadt zu. St. Pierre wurde ausgelöscht.
Die Katastrophe von St. Pierre war jedoch zugleich ein Meilenstein in der Geschichte einer damals noch neuen Wissenschaft: Der Vulkanologie. Denn jener Ausbruch war in vielerlei Hinsicht so ungewöhnlich gewesen, so anders als alles, was Naturforscher bis dahin kannten, dass Martinique einige Jahre lang zum Mekka von Naturforschern wurde. Außergewöhnlich war: Eine ganze Stadt war ausgelöscht worden. Es gab nur einen (vielleicht auch zwei) Überlebende. Einer von ihnen überstand das Inferno hinter den meterdicken Mauern einer Gefängniszelle, dem anderen gelang wohl auf immer noch ungeklärte Weise die Flucht aus der Stadt. Aber was geschieht eigentlich bei einem Vulkanausbruch? Ursprünglich leitet sich das Wort "Vulkan" von der süditalienischen Insel Vulcano ab, die zu den Äolischen Inseln gehört. Für die Römer war die häufig von Vulkanausbrüchen heimgesuchte Insel der Wohnort von Vulcanus, dem Gott des Feuers und der Waffenschmiede. Im Mittelalter glaubten die Menschen dagegen, Vulkane seien die Tore zur Hölle. Und noch Jules Verne spekulierte in seinem Roman „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ darüber, ob Vulkane nicht ein Eingangstor zu wunderbaren Welten tief im Inneren der Erde sein könnten. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts bekamen die Naturforscher eine erste Idee davon, was im Inneren der Erde vor sich geht. Die herrschende Theorie zum Ausbruch eines Vulkans ging damals von folgendem Szenario aus: Vulkane spucken im allgemeinen feuriges Lava, also geschmolzenes Gestein, dass dann langsam ins Tal fliest. Deshalb fühlte sich die Menschen in St. Pierre sicher. Vom Mt. Pelée führt ein breites tiefes Tal vom Krater zum Meer hinab. Die ideale Ablaufrinne, sollte es zu einem Lavastrom kommen. Und dieses Tal liegt genau entgegengesetzt zu St. Pierre. Der Ort schien also ausreichend geschützt.
Mit Kreide schrieb er eine Warnung auf einen Felsen. Sie wurde ignoriert. Auch bei der örtlichen Zeitung war man an dieser Nachricht nicht sonderlich interessiert. Wahlen standen vor der Tür. Martinique standen als französischer Kolonie zwei Sitze im Pariser Parlament zu. Einer dieser Sitze wurde von St. Pierre gestellt. Unter der Führung des neuen Gouverneurs Louis Moutet sollte die erste Wahlrunde am 27. April stattfinden. Am 23. April, um neun Uhr abends, kam es zu den ersten, kleinen Explosionen. Die Erde bebte. Die Menschen rannten auf die Straßen. Eine Spirale weißen Rauchs kam aus dem Vulkan und über der Stadt regnete es Asche und Schlacke. Am Sonntag, den 27. April kletterte auch eine Gruppe Geschäftsleute auf den Vulkan, um sich davon zu überzeugen, was dort vor sich ging. In dem ehemaligen Krater stand plötzlich Wasser. Außerdem hatte sich ein zehn Meter hoher Kegel aus zähflüssiger Lava, ein sogenannter Lavadom gebildet. Doch im Jahr 1902 wusste noch niemand, dass ein solcher Kegel ein deutliches Zeichen für gewaltige Aktivitäten im Inneren des Vulkans ist. Trotzdem teilten sie Ihre Beobachtungen der örtlichen Zeitung mit. Wie man heute in den Archiven nachlesen kann, fiel die Meldung einfach unter den Tisch. Am Freitag den 2. Mai kam es zu einem erneuten, weit heftigeren Ausbruch. Jetzt berief Gouverneur Moutet ein Komitee aus, wie er meine, Fachleuten ein, die miteinscheiden sollten, was jetzt zu tun sei. Zu ihnen gehörte der örtliche Apotheker, der Leiter des Straßen- und Brückenamtes, ein Naturkundeprofessor und ein Artillerie-Leutnant. Nach zweitägigen Beratungen kamen die Berater zu einem folgenschweren Schluß: „Nichts an den Aktivitäten des Mont Pelée deutet darauf hin, dass St. Pierre verlassen werden muss. Die relative Lage der Krater und Täler, die sich zum Meer öffnen, stützt unsere Einschätzung“. Das Komitee schien zunächst recht zu behalten. Bereits am nächsten Tag gab es eine Eruption, die eine gewaltige Schlammlawine auslöste. Sie traf allerdings nicht die Stadt, sondern nahm wie vorhergesagt den Weg durchs Tal und begrub eine Zuckerfabrik und 23 Arbeiter unter sich. Bei aller Tragik dieses Unglücks: Das Fachkomitee kam zu dem Schluß, das Schlimmste sei wohl vorbei. Man hatte offenbar richtig entschieden. Deshalb reagierte Gouverneur Moutet auf der Stelle: Um eine Panik zu verhindern und die Menschen zu beruhigen, verließen er und seine Frau ihr Haus unten an der Küste und zogen selbst nach St. Pierre. Menschen, die zunächst aus Angst vor dem Vulkan die Stadt verlassen hatten, kehrten jetzt zurück. Selbst Menschen aus den umliegenden Ortschaften strömten in die Stadt. Am 7. Mai war die Bevölkerungszahl von St. Pierre um 4000 Menschen angewachsen. Alle vertrauten dem Ratschlag des wissenschaftlichen Komitees, dass St. Pierre sicher sei. Donnerstag, der 8. Mai 1902, war Christi Himmelfahrt. Die Nacht war ausnahmsweise ruhig gewesen. Die Kirchen waren zur Frühmesse gut gefüllt. Doch 8 Minuten vor 8 Uhr erschütterten drei heftige Schläge den Berg. Eine Wolke aus dickem, schwarzen Rauch verdunkelte zunächst die Sonne, doch zugleich fegte ein zweite, hellere Wolke direkt auf St. Pierre zu. Nach nur drei Minuten war die Wolke da. Gebäude barsten, eine drei Kilometer breite Front an der Küste wurde zum Inferno. Erst zwei Tage nach der Katastrophe betraten die ersten Menschen wieder den Unglücksort. St. Pierre war zur Totenstadt geworden. Überall Körper, im Todeskampf zu seltsamen Formen verdreht. Manche schienen von innen explodiert. Und andere trugen zwar intakte Kleidung, ihre Körper darunter waren jedoch verbrannt. Knapp zwei Wochen nach der Katastrophe traf ein Team von amerikanischen Naturforschern ein. Sie vermaßen die Spuren der Eruption und kartografierten die Zone der Vernichtung. Auf einer Fläche von über 12 Quadratkilometern fand sich kein Leben mehr. Dagegen hatte sich auf dem Vulkan ein V-förmiger Einschnitt am Krater gebildet, der wie ein Gewehrlauf direkt auf die Stadt zielte. Der Lavadom war hingegen wieder verschwunden. Was hier geschehen war, war für die Zeitgenossen zunächst rätselhaft. Der nächste Hinweis auf das eigentümliche Verhalten des Mt. Pelée kam vom Tempest Anderson, einem britischen Naturforscher, der von der „Royal Society“ eigens nach Martinique geschickt wurde. Etwa ein Monat nach dem verheerenden Ausbruch mietete sich Anderson zusammen mit einem Kollegen ein Boot und ankerte vor der Küste von St. Pierre.
Anderson wusste: Was er gesehen hatte, war jene Naturgewalt, die St. Pierre ausgelöscht hatte. Zurück an Land erzählte er einem amerikanischen Journalisten die Geschichte, die dieser prompt als eigenes Erlebnis an die Redaktion weiterschickte. Auch über andere Formen scheinbar modernen Journalismus berichtete Anderson später. So wurden von Pressefotografen überlebende Inselbewohner dafür bezahlt, sich für besonders eindrucksvolle Fotos als vermeintliche Toto in den Ruinen zu drapieren. Die endgültige Erklärung für das Phänomen fand jedoch der französische Geologe Alfred Lacroix. Vier Wochen nach der Eruption kam er zusammen mit seiner Frau, einer Amateur-Geologin auf die Insel. Sechs Monate lang untersuchten sie jeden Quadratmeter des Vulkans. Lacroix fotografierte und untersuchte die Rauchwolken aus feinster, heißer Asche, die immer noch vom St. Pelée aufstiegen. Er nannte sie “nuée ardents“, glühende Wolken und es gelang ihm die Hintergründe der Katastrophe zu rekonstruieren: Er konzentrierte sich dabei auf jene seltsame Lavasäule, die aus dem „Trockenen See“ kurz vor der Eruption dicht emporgewachsen war. Gab es da einen Zusammenhang?
In Sekundenschnelle kommt so ein sich selbst verstärkender Prozess in Gang. Reicht die Wucht der Explosion nicht aus, um alles Material zu staubfeiner Asche zu zerbrechen und in die Atmosphäre hinauf zu schleudern, bewegt sich ein Großteil der Gesteinstrümmer, als glühend heiße Lawine den Hang hinab. Der Berg scheint, wie bei einer Lawine, flüssig zu werden. In welche Richtung sich die Wucht der ausbreitet stattfindet, ist dabei eher zufällig. Aber wie hatte sie die sechs Kilometer bis St. Pierre mit einer so gewaltigen Geschwindigkeit zurücklegen können? Die Explosion erzeugte eine Druckwelle, die vor dem pyroklastischen Strom hergetrieben wurde. Das Momentum war dabei so gewaltig, dass sie sich ihren Weg über alle Hänge, Täler und Spalten hinweg nach St. Pierre bahnte. Der Strom traf die Stadt mit einer Geschwindigkeit von etwa 160 Stundenkilometer. Das alles war genug Energie, um einfach durch die Stadt hindurch zu jagen und alles auszuradieren. Wer nicht von der Druckwelle getötet wurde, atmete die 300 Grad heißen Gase ein und verstarb ebenfalls augenblicklich.
Das Rätsel war gelöst. 1903 gab Alfred Lacroix bekannt, dass die Welt eine völlig neue Art vulkanischer Aktivität gesehen hätte, eben jener Mischung aus heißen, toxischen Gasen, Magma und Asche, die so unter Druck gerät, dass sie schließlich explodiert. Seit damals hat dieses Phänomen auch einen Namen: Es ist eine Peléanische Eruption oder allgemeiner ausgedrückt: ein Pyroklastischer Strom. Einen Namen hat es zwar. Restlos verstanden haben die Wissenschaftler die komplizierten chemischen und physikalischen Prozesse bei einem pyroklastischen Strom immer noch nicht. In Erinnerung an den großen französischen Vulkanologen Alfred Lacroix wurde inzwischen am Mt. Pelée ein Observatorium gebaut. Von dort aus wird der ganze Berg permanent überwacht. Alles wird gemessen. Jedes Zittern, jede Bewegung der Erde, jedes Zeichen, dass sich Druck aufbauen könnte, wird registriert. Im Moment gibt es keine Anzeichen dafür, dass der Berg wieder erwachen könnte. Doch wenn er wieder ausbricht, wird er es wohl in ähnlicher Weise tun wie 1902. Nur werden dann nach aller Voraussicht die Menschen evakuiert sein. Eine Katastrophe wie damals wird sich deshalb wohl nicht mehr wiederholen. Tragisch an der Geschichte von Mt. Pelée ist ist auch das posthume Schicksal jenes legendären Gouverneur Moutet. Er ließ damals die Stadt nicht evakuieren. Deshalb gilt er allgemein als Sündenbock, der dadurch Schuld auf sich lud, indem er politischen Wahlen zuliebe knapp 30.000 Menschen dem Tod weihte. Doch wird ihm diese Sichtweise gerecht? Wohl kaum, wie inzwischen immer mehr Wissenschaftler erkennen. Mehrere Bücher sind in den letzten Jahren erschienen, die betonen, dass Moutet mit all dem Wissen seiner Zeit durchaus vernünftig und vor allem couragiert gehandelt hatte und das selbst mit dem Tod bezahlte. Vor allem der britische Geologieprofessor Alwyn Scarth versucht in seinem Buch „La Catastrophe“ eine später Ehrenrettung Moutets. Dass sich dessen Entscheidungen im Nachhinein als falsch herausstellten, sei sicher tragisch gewesen. Es war, so Scarth, jedoch eher die Tragik des Unwissens, als die Tragik der Ignoranz und Inkompetenz.
ist Wissenschaftsjournalist für Fernsehen, Hörfunk und Print und seit 1996 Herausgeber des Internet-Magazins "Morgenwelt". Derzeit Lehrbeauftragter für Online-Journalismus an der FU Berlin
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