Die Melodie des StrecksprungDie Zuordnung von Tönen zu Bewegungen soll beim Erlernen neuer Sportarten helfen - und bei der Rehabilitation Behinderter
von Frank Almer
Was uns da im Gymnastiksaal des Instituts für Sportwissenschaften und Sport der Universität Bonn an sportlicher Leistung geboten wird, lohnt kaum das Hinsehen: Der Sportler Martin Spahr hüpft dreimal hoch, holt sich dann gemütlich einen Ball aus der Ecke und schlägt ihn fünfmal auf den Hallenboden. Nein, hinsehen lohnt sich da wirklich nicht - aber hinhören. Denn bei jedem Hüpfer, bei jedem Ballschlag erklingt Musik: kurze Klangfolgen, die sich den Bewegungen des Sportlers zuordnen lassen.
Die Sportwissenschaftler und Informatiker der Universität Bonn übersetzen Turnübungen in Klangfolgen, um besser zu verstehen, wie die Kräfte bei einer Körperbewegung zusammenwirken. "Bewegungsvertonung" nennt sich ihr neuer Forschungszweig.
Gut ein Drittel der Gymnastikhalle ist mit Elektronik zugestellt: Monitore, Videokameras, mehrere PCs, Tonmodulator, Synthesizer. Das ist der Arbeitsplatz von Dr. Alfred Effenberg, dessen Fachgebiet die Bewegungsvertonung ist. Er beschreibt seine Arbeit so: "Wir versuchen die Informationen über menschliche Bewegungen, die wir über das Auge wahrnehmen können, zu ergänzen, und zwar besonders bezüglich der Kraftstruktur einer Bewegung. Wir möchten die Kräfte, die Sie erzeugen müssen, wenn Sie sich in irgendeiner Form geordnet bewegen wollen, akustisch darstellen. Damit lässt sich zum Beispiel das Lernen von Bewegungen unterstützen."
So sollen Anfänger eine neue Sportart schneller erlernen, wenn ihnen der Bewegungsablauf als Tonfolge vorgespielt wird. Hoffnungslose Nichtschwimmer könnten mit Hilfe von Schwimmmusik ihre Scheu vor dem kühlen Nass überwinden.
Schon seit jeher machen Sportwissenschaftler Bewegungsanalysen. Ihre Methoden verbesserten sich mit dem Fortschreiten der Technik. So werden heute Turnübungen mit Videokameras erfasst, im Computer zu digitalisierten Strichmännchen umgewandelt und Einstellung für Einstellung ausgewertet. Daraus ergeben sich wichtige Anregungen für das Training.
Als Erstes vertonten die Bonner Wissenschaftler solche vom Computer erfassten Sportübungen, zum Beispiel die Bewegungen beim Brustschwimmen eines deutschen Spitzensportlers. Zu sehen und zu hören ist das auf der Internetseite des Institutes unter "Beispiele zur akustischen Abbildung von sportlichen Bewegungen". Dass auch Bewegungsmusik für das Training eine große Bedeutung haben kann, begründet der Chef des Instituts für Sportwissenschaft und Sport, Prof. Heinz Mechling, so: "Informationen, die uns über das Ohr erreichen, werden schneller verarbeitet, als Informationen, die über die Muskulatur oder die Augen kommen. Deshalb versprechen wir uns vom Einsatz dieser akustischen Informationen eine zusätzliche Hilfe im Bereich des Bewegungslernens."
Die Vertonung von Videoaufnahmen, die im Computer bearbeitet wurden, ist allerdings nur ein indirekter Zugang zu den Bewegungen der Sportler. Um eine Turnübung ohne Umweg in Klänge umzusetzen, nutzen die Forscher jetzt eine so genannte "Kraftmessplatte". Dabei handelt es sich um eine Metallplatte von etwa 40 mal 40 Zentimetern Größe, die im Fußboden der Turnhalle eingelassen ist. Sie wandelt Druckeinwirkungen auf ihre Oberfläche in elektrische Ladungen um. Die Datenströme der Kraftmessplatte werden zum Computer geleitet und als Klangfolgen hörbar gemacht.
Um die Grundlagen der Methode zu erarbeiten, starteten die Wissenschaftler mit einfachen Bewegungsstrukturen: Ein Ball schlägt auf die Messplatte auf, dann ein Strecksprung. Einfaches Gehen auf der Kraftmessplatte, mit Auftreten und Abrollen der Fußsohle, ergibt bereits einen mehrschichtigen Klang.
Den Sound der Tonfolge wählt Alfred Effenberg allerdings ganz nach seinem eigenen Geschmack am Synthesizer aus: "Da müssen wir gezwungenermaßen die Klangfarben willkürlich auswählen. Wir probieren aber, systematische Strukturen zu finden, um beispielsweise orientiert an Muskelmasse und Körpermasse die Breite der Klänge oder die Höhe der Klängen zu variieren."
Neben dem Einsatz als Trainingshilfe hat Alfred Effenberg noch ein ganze anderes Ziel im Sinn: die Hilfe bei der Rehabilitation von Behinderten. "Auch bei der Rehabilitation geht es um das Wiedererlernen von Bewegungsgrundmustern. Es gibt auch Patienten, die verbal nicht mehr ansprechbar sind. Wir sind der Überzeugung, mit bewegungsdefinierten Klangfolgen Informationen geben zu können, die sehr direkt, also auch unterbewusst verarbeitet werden können, und über die sich dann auch Bewegungsgrundformen wieder erlernen lassen könnten."
Derzeit setzen die Sportwissenschaftler Gymnastiktanz in Klänge um. Nach der Vertonung von einfachen Ballschlägen, von Strecksprüngen und Schritten sind damit zum ersten Mal die Kräfte einer längeren Folge unterschiedlichster Bewegungsvorgänge zu hören. Dabei wird also nicht zu Tönen getanzt, sondern Tanz in Töne umgesetzt. Vielleicht macht das ja bald auch als Discogag Furore.

Frank Almer ist freier Fernsehjournalist für Themen aus Wissenschaft und Medizin beim NDR. Er lebt in Lüneburg.
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