Die Sucht vergessen


Hirnforscher interessieren sich zunehmend dafür, was im Kopf eines Drogenabhängigen vor sich geht und testen neuartige Methoden. Kann eine Genmanipulation helfen?

 

von Irina Bosse-Kohlhaas

 

 

Wer sich niemals mit einer Droge den totalen Kick besorgt hat, wird kaum verstehen, was den Stoff so verlockend macht. Wie aufregend muss ein Gefühl sein, wenn die Gier nach seiner Erfahrung imstande ist, einen Menschen, entgegen aller Vernunft, in den körperlichen und finanziellen Ruin zu treiben! "Nimm den besten Orgasmus, den du jemals hattest, multiplizier' ihn mit 1000, und du bist noch nicht 'mal nahe dran!" - So beschreibt Mark im Film "Trainspotting" die wahnsinnige Wirkung des Heroins auf sein Gefühlsleben.

Für Außenstehende ohne Drogenerfahrung ist dies eine höchst anschauliche Beschreibung. Dass ein derart berauschendes Erlebnis zur ständigen Wiederholung erst verlockt und später zwingt, lässt sich da gut nachvollziehen.

Auch Hirnforscher interessieren sich dafür, was im Kopf eines Drogenabhängigen vor sich geht. Natürlich drücken sie sich anders aus als die englischen Kinohelden. Aber sie sprechen von derselben Sache, wenn sie die biochemischen Ursachen im Gehirn benennen, die den meist unumkehrbaren Weg in die Abhängigkeit bahnen. Das biologische Verständnis von der Suchtentstehung im Gehirn ist eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, neue Maßnahmen gegen die Abhängigkeit zu entwickeln, nachdem sich jahrzehntelang praktizierte Behandlungsformen als unbefriedigend herausgestellt haben.

Erste Anwendungen dieser Forschung scheinen heute zum Greifen nah: zum Beispiel eine Impfung gegen die Kokainsucht, sowie eine Behandlung, die das Suchtgedächtnis "löschen" soll. In beiden Fällen handelt es sich nicht mehr um den Ausstieg über Ersatzdrogen. Statt dessen unternimmt man den Versuch, das Suchtproblem an der Wurzel zu packen, also dort, wo der Kick entsteht: im Gehirn.

Der Sänger Konstantin Wecker sagte anlässlich seines Gerichtsverfahrens einmal, dass sein jahrelanger Kokain-Konsum letztendlich immer "die Jagd nach dem ersten Kick" gewesen sei. Was sich hier so lapidar anhört, trifft genau den Kern der wissenschaftlichen Erkenntnisse, die Hirnforscher, wie etwa Dr. Andreas Heinz, mit Hilfe von High-Tech-Apparaten bei Gehirn-Untersuchungen von Süchtigen gewonnen haben.

Heinz ist Neurologe am Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim, einer deutschen Hochburg der Suchtforschung. Er untersucht, welche Prozesse beim Drogenrausch in den grauen Zellen ablaufen. Es scheint ein wahrer Teufelskreis zu sein, dessen Dreh- und Angelpunkt das sogenannte "Belohnungssystem" ist. Dieses System habe die Natur im Gehirn eingerichtet, so Heinz, damit der Mensch (und andere Lebewesen) wesentliche Dinge nicht vergessen würden: Nahrungsaufnahme, Fortpflanzung, soziales Miteinander. Die Durchführung dieser Aktivitäten wird durch positive Gefühle belohnt - ein Anreiz zur ständigen Wiederholung. Und eben dieses System wird auch durch Drogen aktiviert.

Ob Heroin, Alkohol oder Nikotin: Drogen stimulieren das Belohnungssystem, welches mit einer erhöhten Ausschüttung des Botenstoffs Dopamin reagiert. Dieser plötzliche Dopaminschub erzeugt den Rausch und ist - je nach Art der Droge - für die einsetzende Euphorie, die belohnenden, befriedigenden oder einfach wohltuenden Gefühle "danach" verantwortlich. Alles Weitere, also der Weg in die Abhängigkeit, ist ein ganz normaler Lernprozess. Die Verknüpfung zwischen dem Reiz, also der Droge, und dem belohnenden Gefühl prägt sich nämlich dauerhaft ins Gedächtnis ein. Die verhängnisvolle Assoziation zwischen einem Schuss Heroin und dem anschließenden Kick verankert sich in kurzer Zeit als unauslöschliche Erinnerung in den Nervenzellen.

Verhängnisvoll für den Süchtigen ist aber noch etwas anderes. Der Mannheimer Hirnforscher untersucht an langjährig Abhängigen, wie sich das Gehirn durch den Drogenkonsum verändert. Die Nervenzellen verfügen nämlich über eine phänomenale Eigenschaft: Sie sind enorm wandlungsfähig und passen sich an die ständige Überdosis des Dopamin an. "Das Gehirn versucht, gegen diese Überflutung gegenzuregulieren und reduziert seine Empfangsstrukturen, also die Rezeptoren, wo die Reize eintreffen", erklärt Heinz diesen eigentlich sehr sinnvollen Abstumpfungsprozess. Auf diese Weise schafft es das Gehirn, seine normalen Funktionen trotz der Drogeneinwirkung aufrechtzuerhalten. Das hat aber zur Folge, dass die berauschende Wirkung des Stoffes mit der Zeit immer mehr nachlässt: ein Teufelskreis, der dazu führt, dass die Abhängigen immer häufigere und immer höhere Dosen brauchen, um den begehrten Kick wieder so zu spüren, wie am Anfang.

Wissenschaftler der Universität Tübingen versuchen jetzt, die neuen Erkenntnisse direkt in die Behandlung von Suchtkranken einfließen zu lassen. Ihre Grundidee klingt einfach: Wenn man nicht weiß, welch wohltuenden Rausch eine Droge auslöst, dann fällt es leicht, darauf zu verzichten. Die Mediziner wollen deshalb das Suchtgedächtnis von Heroinabhängigen löschen.

Ausstiegswillige Heroinsüchtige müssen bei der Behandlung zunächst einen körperlichen Entzug machen - "Null Heroin" unter ärztlicher Beobachtung. Anschließend bekommen sie in Tablettenform wieder den Originalstoff verabreicht, also Opiate - letztere allerdings in einer Weise, die sich in der Schmerztherapie bewährt hat und bekanntermaßen nicht süchtig macht: streng nach Zeitplan und viermal täglich.

Dr. Götz Mundle, der behandelnde Arzt und Suchtforscher an der Uni-Klinik für Psychiatrie in Tübingen: "Wir verabreichen den Stoff also nicht, wenn der Patient es wünscht, sondern in einem ganz festen Schema. Wir wollen damit erreichen, dass die Erwartung und die Motivation gegenüber einer Substanz von der Wirkung der Substanz entkoppelt wird. Damit wollen wir das Suchtgedächtnis überschreiben."

Im Gehirn der Ex-Junkies soll sich festsetzen, dass das vom Heroin entkoppelte Wohlgefühl plötzlich als strenge Regel und auf ärztliche Anordnung erfolgt, und nicht mehr eine Belohnung ist, die man sich mit der Spritze aus "freien Stücken" verschafft, wann und wie man gerade Lust hat.

Begleitet wird die im Krankenhaus durchgeführte Tablettenkur mit einer kontinuierlichen Hochdosis des Stresshormons Cortison. "Wir versuchen, durch das Stresshormon die Patienten wieder in eine sensible Phase zu bringen, in der sie sehr aufnahme- und lernfähig sind", erklärt Mundle. Es ist nämlich schon länger bekannt, dass ein Gehirn in bestimmten Stresssituationen besonders lernfähig ist. In dieser Situation prägen sich neue Erfahrungen sehr schnell und dauerhaft ins Gedächtnis ein, und diesen Einspeicherungsprozess sollen die Cortison-Tabletten begünstigen. Nach etwa sechs Wochen werden die Opiat- und Cortisongaben komplett eingestellt.

Ob die Aussteiger dann tatsächlich dauerhaft clean bleiben, wird die Studie erst in den nächsten Monaten zeigen können. Die Wissenschaftler sind aber optimistisch, denn im Tierversuch hat diese subtile Umerziehung spektakuläre Erfolge erzielt. Ratten, die zunächst zur Heroinsucht erzogen wurden, haben den Stoff der Begierde tatsächlich vergessen. Von der Möglichkeit der Selbstbedienung des Rauschgifts machten sie nach der Kur keinen Gebrauch mehr.

Einen etwas anderen Weg beschreiten Forscher aus den USA. Mit einem Impfstoff gegen Kokainsucht wollen sie das Übel gleich im Vorfeld bekämpfen, also, noch bevor das anfängliche Vergnügen zur Sucht führt. Während die Tübinger Forscher daran arbeiten, dass Abhängige den Kick vergessen, wollen ihre Kollegen aus Kalifornien dafür sorgen, dass der Kick gar nicht erst zum Ausbruch kommt - auch nicht beim ersten Mal.

Die Biochemiker aus dem angesehenen Scripps Research Institute in La Jolla haben eine Substanz entwickelt, der den Körper zu einer aktiven Immunabwehr gegen Kokain anregt. Bevor die Droge überhaupt das Gehirn erreicht und das Belohnungszentrum aktvieren kann, wird es von den körpereigenen Abwehrzellen im Blutkreislauf abgefangen, entschärft und abgebaut. Das Kokain verpufft praktisch, ohne seine berauschende Wirkung entfachen zu können. Und damit, so sind sich die Forscher einig, verliert eine Droge ihre natürliche Verlockung und auch das süchtigmachende Potenzial für die grauen Zellen.

In ersten klinischen Studien konnten die kalifornischen Forscher recht ansehnliche Erfolge verbuchen. Sie verabreichten freiwilligen Testteilnehmern zunächst den Impfstoff, und später, eine Dosis Kokain. Bei der anschließenden Untersuchung wurden in den Gehirnen der Teilnehmer zwar noch geringe Spuren von Kokain aufgespürt, doch die reichten offenbar nicht aus, um die eruptiven und süchtigmachenden Gefühlserlebnisse auszulösen.

Ethische Bedenken könnten allerdings dazu führen, dass diese neuartige Impfung nicht, wie geplant, Ende des Jahres zum praktischen Einsatz kommt. Für die einen ist der prophylaktische Impfschutz vor Kokainsucht ein Segen, für viele andere jedoch, ein Eingriff in das Recht auf Selbstbestimmung und eine Verletzung der persönlichen Freiheit. Immerhin verwehrt die Impfung den euphorischen Genuss und rauschhafte Gefühle.

Ungelöst ist auch die Frage, wer darüber entscheiden soll, welche Personen prophylaktisch geimpft werden sollten. Besonders gefährdet sind in erster Linie junge Menschen - und die können, so sie noch minderjährig sind, noch nicht selbst darüber bestimmen, ob sie medizinische Eingriffe vornehmen lassen wollen.

 

 

 

Irina Bosse-Kohlhaas lebt und arbeitet als Wissenschaftsjournalistin und Fernsehautorin in Dresden.

 

 


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