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 Der lange Weg nach Europa
Idee Europa- Entwürfe zum "Ewigen Frieden". Eine Ausstellung in Berlin versucht einen historischen Rückblick über 2000 Jahre
von Alice Rozat
Europa hätte die bestmögliche Verfassung, wenn jede der ihr zugehörenden Nationen, die jeweils von einem Parlament regiert wären, die Oberhoheit eines Generalparlamentes anerkennen würde, welches über allen Nationalregierungen steht und die Macht besitzt, ein Urteil über Meinungsverschiedenheiten zu fällen.“
Dieses Zitat, das eine der Wände der Ausstellung schmückt, entstammt nicht den Gedanken des Konvents um Giscard d´Estaing sondern dem um 1814 verfasstem Werk des Comte de Saint Simon. Die Ausstellung wagt den großen Schritt zwischen Vergangenheit und Gegenwart mit Erfolg und lässt den Besucher anhand der neun chronologisch geordneten Kapitel der Ausstellung entdecken, dass die Idee einer Europäischen Union nicht erst nach dem zweiten Weltkrieg geboren wurde. Dafür hat Marie-Luise von Plessen, Kuratorin der Ausstellung, über 5000 Objekte, meist Kunstobjekte oder Erstschriften, aus den Museen ganz Europas geliehen und in großzügigen Vitrinen zur Geltung gebracht. Der historische Kontext, wenn auch oftmals nicht ausführlich genug, ist auf den Wänden nachzulesen und ausgewählte Zitate spiegeln die Denkströmungen der damaligen Zeit.
Der Rundgang beginnt in der Antike mit Darstellungen des später immer wiederkehrenden Motivs des Mythos der Entführung Europas durch Zeus in Gestalt eines Stiers. Nachdem der Gott sie auf die Insel Candia (Kreta) brachte, wurde der neue Kontinent in Abgrenzung zu dem bekannten Asien nach der Göttin benannt. Die ausgestellte erste ptolemäische Weltkarte verdeutlicht die damaligen Grenzen der bekannten Territorien. Weltkarten begegnen dem Besucher desöfteren während seinem Rundgang, sind diese doch eine Abbildung des früheren Weltbildes.
Die christliche Welt schaffte weniger ein geografisches als ein ideologisches Abgrenzungskriterium. Es galt sich als Gemeinschaft des Glaubens zu bekennen um der Drohung durch den Türken und Mongolen stand zu halten. Die Kreuzzüge wurden zur ersten gemeinsamen europäischen Bewegung. Mit der Reformation endete jedoch die christliche Einheit und moderne Staatsideen wurden gefragt. Eine Reihe von ausgestellten Schriften beweisen, dass „Friede trotz geltender Verträge immer neu erfunden werden musste“, so Marie-Luise von Plessen.
Die Entdeckung neuer Gebiete ließ Rivalitäten aufflammen, Friedensschriften hatten Hochkonjunktur. Kants „Zum ewigen Frieden“, das ebenfalls ausgestellt wird, entstand 1795 unter diesen Prämissen. Auch der französische Mönch Crucé verfasste 1623 einer der wichtigsten Schriften für Europa, die Churchill 1948 in seiner Eröffnungsrede zum ersten Kongress für die Einheit Europas in Den Haag zitierte.
Die revolutionäre Stimmung im Europa des 18. Jahrhunderts und die damit verbundenen Nationalgefühle werden ausführlich dargestellt. Ein Herzstück der Ausstellung bildet die um 1725 gemahlte Völkertafel aus der Steiermark, die Stereotypen der damaligen Zeit beschreibt. Die Deutschen seien offenherzig, witzig und lieben den Wein während die Franzosen leichtsinnig und betrügerisch ihr Leben im Krieg beenden würden.
Der „Völkerfrühling“ ermöglicht es den Pazifisten einen Kongress für den Frieden zu organisieren auf dessen Eröffnung Victor Hugo schon die Vision der heutigen europäischen Union ausspricht: „Der Tag wird kommen an dem die Kugeln und Bomben ersetzt werden von den Abstimmungen der Völker, von dem allgemeinen Wahlrecht, von dem ehrwürdigem Schiedsgericht eines großen, ehrwürdigem Senats, der für Europa das sein wird, was heute das Parlament für England, die Nationalversammlung für Deutschland und die gesetzgebende Versammlung für Frankreich ist!“ Die nationalen Einigungskriege vernichten jedoch zunächst diese Idee zu Gunsten des Krieges.
Der Zweite Teil der Ausstellung beschäftigt sich mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Im Gegenteil zu dem schön inszenierten ersten Teil scheint hier der Platz gemangelt zu haben. Der Besucher wird von der Fülle der Exponaten geradezu erschlagen.
Mit der Einrichtung des Völkerbundes nach dem ersten Weltkrieg wird die Idee einer Einigung Europas wieder aufgenommen. Die wirtschaftliche Krisen und der aufkommende Faschismus überholen sie aber schnell. Europa erscheint, wie Werner Peiner sie mahlt, nur noch wie eine Hure, die auf ihrem Stier durch die demoralisierten Großstädte reitet. Die Folgen des zweiten Weltkrieges symbolisiert ein Bild Grützkes. Europa balanciert auf der Mauer.
Dem Besucher scheint, es hätte früher nur Befürworter der Einigung Europas gegeben, werden seine Gegner doch nicht einmal erwähnt. Ein kontrastiertes Bild der Einigung Europas gibt die Ausstellung nicht. In ihrem Streben die Möglichkeiten des Baus einer europäischen Gemeinschaft zu zeigen, ist sie jedoch sehr detailliert.
Eine Europa der Gegenwart wird nicht ausgestellt. Vielleicht weil die vielen Allegorien, die für die Unfassbarkeit der Idee Europa standen nun überholt sind. Durch seine gemeinsamen Organe, seine Politik, seiner Verfassung ist Europa zum ersten Mal greifbarer geworden. Ihre Grenzen sind jedoch immer wieder zu definieren . Diese rekurrierende Frage kann selbst die Ausstellung nicht beantworten. Dafür kann sich der Besucher noch mal an das Gemälde am Eingang der Ausstellung erinnern. Jörg Frank repräsentierte darauf 1995 die Länder Europas in lebensfrohen Farben und setzte einen Schriftzug über den Kontinent: „Work in Progress“.

Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars für Online-Journalismus im SS 03 an der Freien Universität Berlin, Inst. f. Publizistik. |
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Info:
Ausstellungshalle des DHM,
Hinter dem Gießhaus 3, 10117 Berlin-Mitte,
täglich von 10 bis 18 Uhr , bis 25.August 2003
Dreisprachige Wanderversion mit reproduzierten Bild- und Textmontagen wird im Sommer 2004 in Luxemburg eröffnet und für zwei Jahre in verschiedenen Städten Europas zu sehen
Katalogbuch zur Ausstellung im Henschel Verlag, 368 Seiten, 400 Abbildungen
CD-Rom: „Die Idee Europa. Vorstellungen zur Gestaltung Europas von der Antike bis zur Gegenwart“ im Stark-Verlag für Lehrer und Schüler der gymnasialen Oberstufe
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