Pillen für den Zappelphilipp Ritalin ist ein Segen für Kinder mit der Wahrnehmungs- Störung ADS - aber zugleich ein zweischneidiges Schwert!
von Irina Bosse-Kohlhaas
Sie zappeln ständig, sie sind wild und unkontrolliert. Sie können nicht zuhören. Alle Bitten und Aufforderungen muss man zehnmal wiederholen. Der Umgang mit hyperaktiven Kindern fordert viel Geduld und starke Nerven, von den Eltern ebenso wie von ihren Lehrern und Klassenkameraden. Die kleinen Rabauken mischen den Alltag in Familie und Schule gehörig auf. Sie fallen aus dem Rahmen und überschreiten Grenzen.
Lange Zeit galten hyperaktive Kinder einfach als "unerzogen". Heute geht man davon aus, dass hinter dem auffallenden und störenden Verhalten nicht schlechte Erziehung oder böse Absicht steckt, sondern eine Krankheit: Die impulsiven Kinder leiden an einer Wahrnehmungsstörung, genannt Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS). Und dieses Syndrom kann sich mit oder ohne Hyperaktivität zeigen.
ADS bedeutet, dass die Betroffenen ihre Aufmerksamkeit nicht gezielt auf etwas ausrichten können, sie können sich nicht konzentrieren und sind deshalb leicht ablenkbar. Die ungezügelten Verhaltensweisen sind eine Folge dieser gestörten Wahrnehmung und machen das Zusammenleben mit den Kindern so beschwerlich.
Lange Zeit wurde das Phänomen "Hyperaktivität" als Modediagnose abgetan und belächelt. Inzwischen halten die meisten Mediziner ADS für eine ernstzunehmende Krankheit, von der etwa fünf bis zehn Prozent aller Kinder betroffen sein sollen. ADS wäre damit die häufigste psychische Erkrankung im Kinder- und Jugendalter.
Die Erforschung des ADS in den letzten zehn Jahren hat gezeigt, dass die Erkrankung viele Facetten haben kann. Das Herumzappeln oder Kippeln auf dem Stuhl als sichtbarstes Merkmal spielt dabei nur noch eine untergeordnete Rolle. Viel gravierender ist die Tatsache, dass die kleinen Störenfriede häufig zusätzlich eine Lese-Rechtschreibschwäche haben, an emotionalen Störungen und an Störungen im Sozialverhalten leiden. Die Liste der Auffälligkeiten ist lang: unkontrollierbare Wutausbrüche, Aggressionen gegen sich und andere, Ess-Störungen, Depressionen.
An der Universitätsklinik Jena versuchen Forscher der Ursache für die Aufmerksamkeits-Störung auf die Spur zu kommen. Bei ihren Untersuchungen lassen sie Kinder mit und ohne ADS an Konzentrationstests teilnehmen. Gleichzeitig machen sie mit einem Kernspintomographen Aufnahmen vom Gehirn, also während der gedanklichen Aktion. Die ersten Ergebnisse dieser aktuellen Studie bestätigen die Hypothese, dass der Stoffwechsel im Gehirn an ADS beteiligt ist: Die Forscher stellten fest, dass einige entscheidende Hirnregionen bei den ADS-Patienten mangelhaft aktiviert werden, was schließlich zu einer Störung in der Weiterleitung von Reizen mündet.
Wie bei vielen psychischen Erkrankungen scheint auch hier der Botenstoff Dopamin eine wichtige Rolle zu spielen. "Es gibt starke Hinweise, dass im frontalen Bereich eine Dopamin-Unterfunktion vorliegt, die wahrscheinlich für das impulsive und ungesteuerte Verhalten verantwortlich ist. Dagegen liegt in den Basalganglien eine Dopamin-Überfunktion vor, die das hypermotorische Verhalten verursachen könnte," erklärt Professor Bernhard Blanz von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uni Jena.
So unsicher die Erklärungsmodelle auch sind, eines steht für die Ärzte fest: Die betroffenen Kinder müssen behandelt werden, denn ihr auffallendes Verhalten prädestiniert sie geradezu für einen Entwicklungsweg, der ins soziale Abseits führen kann. Sie machen sich durch ihr chaotisches und impulsives Verhalten unbeliebt, bleiben häufig Außenseiter, die vielen Misserfolge nagen an ihrem Selbstbewusstsein und oftmals werden sie auf Sonderschulen abgeschoben. "Das sind natürlich nicht nur für die schulische Entwicklung, sondern auch für die persönliche Entwicklung und für die Selbstwertentwicklung große Benachteiligungen", erklärt Bernhard Blanz.
Aus diesem Grund hält er eine früh einsetzende Behandlung für besonders wichtig. Neben Elterntraining und Verhaltenstherapie für die betroffenen Kinder stützt sich die Therapie heute auf Medikamente aus der Gruppe der Stimulanzien. Als am wirksamsten hat sich die Substanz Methylphenidat erwiesen. Es ist ein Psychopharmakon, das unter dem Markennamen Ritalin immer häufiger verschrieben wird. Ein starkes Geschütz: Methylphenidat ist ein Amphetaminderivat, chemisch verwandt mit Kokain und ähnlich in der Wirkung. Es gilt als konzentrations- und leistungsfördernde Substanz. Übrigens nicht nur bei ADS-Patienten, sondern bei jedem. Und: Es ist eine psychotrope Droge, das heißt, sie wirkt persönlichkeitsverändernd.
Dennoch hält die Mehrheit der Kinderpsychiater die Stimulanzien für die beste Lösung zur Abwendung von sozialen Spätschäden. Das Medikament greift in die Biochemie des Gehirns ein und scheint die Dopamin-Unterversorgung auszugleichen. Dadurch ändert sich auch das Verhalten. Nach einer Wirkzeit von weniger als einer halben Stunde kann ein Zappelphilipp seine Emotionen kontrollieren, seine überschießenden Impulse steuern und vor allem ist er in der Lage, sich zu konzentrieren.
Auch Professor Ari Rothenberger von der Kinder-Psychiatrie der Uni-Klinik Göttingen empfiehlt, wie die meisten seiner Kollegen, Methylphenidat. "Dieses Mittel - gut kontrolliert eingesetzt - ist eine große Hilfe für die Kinder und Familien und hilft dem Kind seine Ressourcen, die es in sich hat, auch wirklich zu nutzen und sie nicht durch chaotisches Verhalten zu vergeuden."
Die Verhaltensänderungen, die diese Medikamente häufig schon nach wenigen Tagen bewirken können, klingen unvorstellbar. Aggressive Kinder werden zahm, freche Rüpel werden liebevoll und die Schulnoten steigen nicht selten um drei Noten. Die Handschrift verwandelt sich oft von einem Tag auf den nächsten von einer "Sauklaue" in Schönschreibschrift. "Ohne Ritalin hätte er die Schule nicht geschafft. Er ist jetzt viel ruhiger und kann konzentriert arbeiten. Und er ist aufgeschlossen, so dass man viel besser an ihn herankommt", schwärmt eine Mutter über die Veränderungen ihres Sohnes. Eine andere Mutter euphorisch: "In der Schule gibt es überhaupt keine Probleme mehr. Und früher war sein großes Problem, dass keiner mit ihm spielen wollte und er keine Freunde hatte. Jetzt kommen immer häufiger Klassenkameraden vorbei, um ihn zum Spielen abzuholen."
Doch so positiv sich die Stimulanzien auch auswirken, sie haben einen entscheidenden Nachteil: Da sie nur fünf bis sechs Sunden wirken, müssen viele Kinder täglich mehrere Pillen schlucken - und das über Jahre. Wie die meisten Medikamente, haben auch die Stimulanzien Nebenwirkungen. Dazu zählen Appetitlosigkeit und massive Einschlafprobleme, viele Kinder liegen bis Mitternacht wach.
Methylphenidat ist zwar schon seit siebzig Jahren auf dem Markt, doch was genau im Gehirn der Kinder durch die Einnahme von Ritalin passiert, ist bislang nicht ausreichend untersucht worden. Es ist noch unklar, ob und welche Veränderungen im Gehirn entstehen, wenn Kinder in dieser sensiblen Entwicklungsphase über Jahre Psychopharmaka einnehmen.
Und eines steht fest: Stimulanzien heilen die Krankheit nicht, sondern kurieren die Symptome. Vernünftiger wäre es deshalb, an den Wurzeln der Krankheit anzusetzen, doch über die Ursachen wissen die Forscher erstaunlich wenig. Die spektakulärsten Aufnahmen vom Inneren des Gehirns, die auf eine biochemische Störung hinweisen, sagen nichts über die Ursachen aus, sondern belegen bestenfalls eine Wechselwirkung zwischen Gehirnchemie und Verhalten. Und selbst, wenn sich die Hypothese von der Stoffwechselstörung im Gehirn eines Tages bestätigen sollte, bliebe die Frage immer noch offen, wo diese Dysfunktion herkommt. Ist sie angeboren oder wird sie vielleicht als Folge äußerer Einflüsse in der Kindheit erst erworben?
Als Risikofaktoren für ADS sind Drogen- und Nikotinmissbrauch in der Schwangerschaft bekannt. Man weiß auch, dass Kinder, die zu früh oder mit Luftarmut auf die Welt kommen, für die Störung anfälliger sind. Das erklärt aber nur einen Bruchteil der ADS-Fälle. Immer stärken rücken nun die Gene in den Vordergrund. Auch sie werden als Ursache diskutiert, denn ADS tritt gehäuft unter Geschwistern und in Familien auf. Andererseits: Studien mit eineiigen Zwillingen haben gezeigt, dass häufig nur einer von ihnen ADS entwickelt, obwohl beide exakt dieselben Gene tragen. An einem speziellen Gen allein kann es also nicht liegen. "Es gibt eine deutliche genetische Komponente", fasst Blanz den Wissensstand zusammen, "es ist aber auch genauso sicher, dass sie nur eine Disposition schafft und dass noch weitere Bedingungen hinzukommen müssen, insbesondere Umwelt- und Erziehungsbedingungen."
Das bedeutet: Einige Kinder haben eine genetische Anlage, die sie für ADS generell empfänglicher macht als andere. Ob sie aber tatsächlich die psychische Störung entwickeln, und wie stark sie ausfällt, hängt auch von den äußeren Umständen ab. Die Biochemie im Gehirn wird zweifellos durch die Gene geprägt, doch darüber hinaus reagiert der Hirnstoffwechsel ein Leben lang sensibel auf die Umwelt.
Schade, dass bislang nur so wenig über dieses Wechselspiel bekannt ist und dass die Wissenschaftler diese äußeren Bedingungen kaum erforschen, wenn sie doch - wie sie selber betonen - die entscheidenden Auslöser für ADS sind. Stattdessen konzentrieren sie sich auf High-Tech-Diagnostik und genetische Analysen, um in die Hirnchemie einzugreifen.
Medikamente gegen ADS - ein zweischneidiges Schwert also. Unbestritten sind die Stimulanzien heute für viele betroffene Kinder ein Segen, weil sie ihnen einen halbwegs geregelten Entwicklungsweg ermöglichen. Das sollte aber nicht dazu führen, sich auf diesen Erfolgen auszuruhen und andere Möglichkeiten ungenutzt zu lassen. Das freilich setzt voraus, dass sich neben den Neurologen endlich auch Soziologen und Psychologen intensiver für die Erforschung von ADS engagieren. |