  In Italien wird der Kult-Comic monatlich in 500.000 Exemplaren verkauft. In Deutschland kennen ihn nur wenige. Dabei hat diese Mischung von John Sinclair und Fox Mulder durchaus ihren Reiz!
von Peter Schönau
Die seit einem Jahrzehnt zweifellos erfolgreichste Comic-Serie Italiens ist Dylan Dog. Ihr gleichnamiger Held ist ein 33jähriger Geister- und Gespensterjäger mit den kantigen Gesichtszügen des Schauspielers Rupert Everett und der Adresse "Craven Road 7, London".
Über seine Herkunft erfahren wir Widersprüchliches: Erst heißt es, sein Vater sei ein Medium gewesen, in Heft Nr. 100 des Comic-Magazins werden wir dann aufgeklärt: Sein Vater ist in Wahrheit eine Person mit einer zweigepaltenen Seele, deren gute Seite für einen Zeitraum von 666 Jahren auf einen einsamen Planeten verbannt wurde und deren schlechte Seite nun vom Teufel verkörpert wird. Seine Mutter aber, war ein Zombi, der sich in seinen Vater verliebte.
Dylan, der sich selbst als jemanden bezeichnet, der mit einem "fünften und einem halben Sinn" ausgestattet ist, war in seinem früheren Leben Polizist und gab diesen Beruf auf - und zwar aus Liebe zu einer rothaarigen Irin mit einer Vergangenheit als Alkoholikerin.
Natürlich besteht Dylan Dog seine vorwiegend übernatürlichen Abenteuer nicht alleine: er hat einen Assistenten, Goucho Marx, einen perfekten Doppelgänger des berühmten Komikers der dreißiger Jahre. Außerdem gibt es da noch Lord H.G. Wells (der Name wurde natürlich dem berühmten Science-Fiction-Autor entlehnt), der mit einem enzyklopädischen Wissen ausgestattet ist, das sich für Dylan bei vielen seiner Untersuchungen als sehr nützlich erweist.
Es gibt noch eine Madame Maria Trelkovski, eine mehr als einhundert Jahre alte Wahrsagerin, die in ständigem Kontakt mit dem Jenseits steht, einen Inspektor Bloch, den Mentor und Freund von Dylan, und Jenkins, den Polizisten, der in ständiger Angst schwebt, seine verdiente Pension zu verlieren, weil er sich mit Dylans unerklärlichen und wenig "normalen" Fällen abgibt: Er ist ein Nacheiferer von Goucho, aber ohne dessen Scharfsinn.
Im Übrigen ist das Universum von Dylan Dog bevölkert von einer äußerst reichhaltigen Auswahl an Monstern: angefangen von Jack the Ripper, bis hin zu Werwölfen, Gespenstern, Vampiren, Golems, Monstern der Unterwelt und der Kloake, Dämonen und Engeln, Mad Doctors, Giganten und Fantasywesen - nicht zu vergessen die Zombis, die in der ganzen Serie am häufigsten erwähnte Comic-Spezies.
Und es fehlt auch nicht der Überfeind, der Dylan Dog verfolgt mit der Aussicht auf eine endgültige Abrechnung zwischen den beiden: Xabaras, Dämon und Zauberer, zu dem sich nicht weniger grotteske und pittoreske Persönlichkeiten gesellen, wie etwa Jamais Nonplus, gefürchteter und geachteter Vodoo-Zauberer, der Mann mit den zwei Gesichtern, Verwaltungsdirektor des Infernos, Kim, die Hexe des Westens, und etliche andere.
Auch Frauen spielen in den Abenteuern von Dylan Dog bedeutende Rollen: blonde, dunkel- und rothaarige, junge, gleichaltrige, faszinierende vierzigjährige Frauen und (einmal) auch eine Frau im reiferen Alter machen mit dem Doppelbett des Helden in einem geradezu frenetischen Rhythmus Bekanntschaft.
Häufig verschlägt es Dylan Dog aus seinem Domizil in der Craven Road in die Vororte Londons oder in die nebelverhangene englische Provinz. Selten nur schifft er sich ein, um das Festland zu besuchen, und höchst selten überquert er gar den Atlantik; denn er leidet unter der Seekrankheit. Flugzeugen misstraut er, weil er glaubt, dass es nur durch Zauberei möglich ist, sich im Äther aufzuhalten.
Es ist nicht ohne weiteres erklärlich, warum dieser Serie ein solch großer Erfolg beschieden ist. Die Dialoge haben nur selten "stilistische" Höhepunkte, obwohl es da einige Ausnahmen gibt, wie folgende Beispiele belegen:
- "Ich vergesse nie ein Gesicht, aber in deinem Fall mache ich eine Ausnahme!"
-"Die Furcht kann man nicht töten. Es ist die Furcht, die tötet."
Neben derartigen Aussprüchen aber, stehen Gemeinplätze und Plattituden wie:
-"Hat unsere Existenz einen Sinn, oder ist sie nur der Traum eines grausamen Gottes?"
Die normalen Annahmen sind es, die ich als erste ausscheide."
Die schlimmsten Alpträume hat man mit offenen Augen."
Allerdings treffen wir oft auf gut geschilderte und gezeichnete Situationskomik.
Der Kopf, der hinter der Dylan Dog-Serie steht, heißt Tiziano Sclavi. Er hatte die Idee, das Schreckliche, beziehungsweise das Schreckenerregende, in der Form des alltäglichen Horrors zu zelebrieren: den Wahnsinn zu zeigen, der sich hinter dem freundlichen Gesicht des Nachbarn verbirgt, die Verzweiflung eines Postbeamten, der dem schikanösen Verhalten der Kunden ausgeliefert ist, die Unmöglichkeit, in einer Welt, in der jeden Tag die Furcht wächst, und die Existenz des Bösen dennoch geleugnet wird, man selbst zu sein.
Der Leser begreift so, dass er mit einer Fiktion konfrontiert wird, die auf einer Wirklichkeit beruht. So ist Dylan Dog nicht nur ein Horror-Comic, sondern eine Fortsetzungsgeschichte auch für Erwachsene.
In Deutschland erschien "Dylan Dog" im Hamburger Carlsen-Verlag seit dem Jahr 2001. Allerdings war nach 20 Ausgaben Schluß. Inzwischen wird die Serie vom Verlag Kult Editionen auf dem Label Schwarzer Klecks weiter geführt. |